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Kartoffeln
12.11.2008
| 13:18
Blaue Kartoffeln will niemand haben
Eine gesundheitsfördernde Wirkung durch zusätzliche Inhaltsstoffe versprechen immer mehr Lebensmittel. Auch vor der Speisekartoffel macht der Trend zum „Functional food" nicht halt. So sind bereits die ersten Knollen mit erhöhtem Jod- oder Zeaxanthingehalt auf dem Markt. An anderen Produkten wie z. B. der Fruktankartoffel wird noch geforscht.
Diesen Knollen können seiner Darstellung nach durchaus gesundheitsfördernde Wirkungen zugesprochen werden. Die Anthocyane, die für die blaue Färbung verantwortlich sind und auch in Blaubeeren reichlich vorhanden sind, gelten als Radikalfänger und Krebsrisiko mindernd. Eine Befragung bei Verbrauchern, ob solche Kartoffeln gekauft würden, habe aber „katastrophale Ergebnisse" gebracht, die in der Aussage gipfelten: „Gentechnik will ich nicht". Dieses Ergebnis überrascht umso mehr, weil es sich hierbei nicht um GV-Sorten, sondern um uralte südamerikanische Sorten handelt.
Das ungewohnte Aussehen dieser hierzulande kaum verfügbaren und weitgehend unbekannten Knollen ruft offensichtlich große Skepsis hervor. Zudem spielten vor dem Gesundheitsnutzen andere Motive beim Kauf eine Rolle, unterstrich Ellrott. An erster Stelle nannte er Genuss und Geschmack. Daneben müsse die Zubereitung schnell und einfach sein, und schließlich zähle der Preis.
Langwieriger Prozess
Wenn ein Produkt mit gesundheitlichem Zusatznutzen am Markt erfolgreich sein solle, müssten zugleich auch diese Kriterien erfüllt sein. Um diesen Nutzen buntfleischiger Kartoffeln „rüber zu bringen", müsse die Forschung weitere Belege für die funktionelle Wirksamkeit beim Menschen liefern. Außerdem müssten Anbau und Ertrag verbessert werden, um Verfügbarkeit und Preiswürdigkeit zu erhöhen. Vor allem aber müsse sich das Image der blauen Kartoffeln dramatisch ändern.
Von der Züchtung werden sich wohl nicht so schnell zusätzliche gesundheitsfördernde Inhaltsstoffe in die Knollen hineinbringen lassen. Dazu seien die Anforderungen an neue Sorten zu vielschichtig, berichtete Lüder Böhling, SaKa Pflanzenzucht, Hamburg. Für die Definition von Züchtungszielen spielten beispielsweise die global geforderte Verbesserung der Erträge sowie die Anforderungen der Verarbeiter an bestimmte Eigenschaften, etwa die Kaltlagereignung, eine Rolle, daneben auch der landeskulturelle Wert, Qualitätseigenschaften oder Resistenzen.
Die Vielfalt der Anforderungen lasse keine großen Sprünge bei einzelnen Merkmalen zu, schränkte Böhling deshalb ein. Zudem sei die Züchtung und Marktbearbeitung ein langwieriger Prozess. Allein von der Züchtung bis zur Sortenzulassung vergingen im Schnitt zehn Jahre, weitere fünf Jahre seien im Minimum für die Markteinführung zu veranschlagen. Vom ersten Zuchtstamm bis zum erfolgreichen Produkt könnten bis zu 20 Jahre vergehen. Zudem zeigten sich erst im Feldversuch die Stärken und Schwächen neuer Sorten, und nicht jede neue Sorte finde tatsächlich einen Markt. „Züchtung und Marktbearbeitung sind ein langer Weg", sagte der Kartoffelzüchter. Dieser erfordere zudem frühzeitige Marktanalysen.
Selengehalt erhöhen
Einen einfacheren Weg zur Verbesserung zumindest bei bestimmten Inhaltsstoffen zeigte Dr. Ulrich Ortseifen von der Yara GmbH Dülmen auf und nannte beispielhaft die Erhöhung der Selengehalte in den Kartoffeln durch Düngung. Selen sei für die Kartoffel unwichtig und werde „irrtümlich" statt Schwefel aufgenommen. Für Menschen sei Selen aber ein essenzielles Spurenelement, bei dem deutschlandweit aufgrund der geringen Selengehalte der Böden ein Mangel bestehe.
So sei im Durchschnitt die tägliche Selenaufnahme mit der Nahrung nur halb so hoch wie empfohlen. Positive Effekte werden dem Selen zugesprochen bei der Verringerung des Herzinfarkt- und Krebsrisikos sowie für die Stärkung des Immunsystems und die Verlangsamung der Alterung. Schon eine Düngung von 20 g Selen pro ha reiche aus, um den Gehalt der Kartoffeln so weit anzuheben, dass diese damit einen wesentlichen Beitrag zur Selenversorgung leisten könnten.
Auch im Getreide lasse sich zwar durch Düngung der Selengehalt steigern, das Spurenelement sei aber nur in der äußern Hülle enthalten und damit nur in Vollkornprodukten verfügbar. „Die Kartoffel bietet dazu bessere Möglichkeiten", stellte Ortseifen klar. Die Selendüngung sei somit eine einfache und erprobte Methode zur Produktion von „Functional Food". Um hieraus einen wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen, sei aber die Zusammenarbeit der gesamten Wertschöpfungskette notwendig.
Die Praxis sieht indes anders aus: Per einstweiliger Verfügung mussten vor zwei Jahren Selenkartoffeln vom Markt genommen werden. Dies zeigt ein grundsätzliches Problem bei der Vermarktung von „Functional Food" auf: Die Werbung mit krankheitsbezogenen Aussagen ist hier zu Lande verboten. Ein Zusatznutzen müsse aber angegeben werden dürfen, meinte Birgit Hogeback vom niedersächsischen Landwirtschaftsministerium. Allerdings herrsche hier eine Rechtsunsicherheit, denn eine „Legaldefinition" von Functional Food gebe es nicht.
Image verbessern
Mehr Klarheit und vor allem gleiche Bedingungen in ganz Europa werde die Health-Claim-Verordnung der EU bringen. Darin wird eine Liste von zulässigen Angaben enthalten sein, die ab 2010 gelten soll. Rechtssicherheit zu rein nährwertbezogenen Angaben gebe es jetzt schon, erläuterte Hogeback. Der beworbene Nährstoff müsse dann aber signifikant vorhanden sein und in verfügbarer Form vorliegen, auch müsse ein bestimmtes Nährwertprofil erfüllt und die Angabe für Normalverbraucher verständlich sein.
Für allgemeine gesundheitsbezogene Aussagen werde es Rechtssicherheit spätestens ab 2010 geben, wie etwa „Calcium fördert den Knochenaufbau". Krankheitsbezogene Angaben werden dann wohl künftig möglich, aber nur nach strenger Einzelfallprüfung zulässig sein, sagte Hogeback. Auch vor diesem Hintergrund dürften es Aussagen zu den positiven Wirkungen buntfleischiger Kartoffeln schwer haben.
Nur zweitrangige Bedeutung maß Jens Gabriel von der Edeka Minden-Hannover der Functional-Food-Rolle der Kartoffel bei. Er unterstrich, dass Kartoffeln beim Umsatz im Obst- und Gemüsebereich des Lebensmittelhandels der drittwichtigste Artikel seien. Die Betonung des Zusatznutzens sei indes erst der zweite Schritt. Viel wichtiger sei es, zunächst den Grundnutzen der Kartoffel wieder in den Mittelpunkt zu stellen. „Das Image der Kartoffel muss raus aus dem Keller", betonte Gabriel und machte sich für eine intensivere Verbraucheraufklärung stark.
Die Chancen für einen Markterfolg lägen in einem zeitgemäßen Angebot und aktiver Kommunikation zum Verbraucher, war seine Überzeugung. So müsse vor allem der Convenience-Gedanke stärker in den Vordergrund gerückt werden. Es mangele indes nicht an Produkten im Convenience-Bereich. Je höher der Verarbeitungsgrad, umso geringer seien aber die ernährungsphysiologischen Aspekte beim Kauf. Im Übrigen forderte Gabriel von niedersächsischer Seite mehr Unterstützung im Convenience-Bereich ein und unterstrich, dass zurzeit eine Vielzahl an Produkten aus den Niederlanden importiert werde. Deren Dominanz könne sonst noch zunehmen.
Große Bedeutung maß Gabriel der Kartoffel im zukünftigen Wettbewerb bei. Ab dem Jahreswechsel erwartete er im Discountbereich den schärfsten Marktverteilungskampf aller Zeiten; die Kartoffel werde dabei zu den Haupttrümpfen gehören. Die Wertsteigerung der Knollen sichere den nachhaltigen Erfolg der gesamten Obst- und Gemüseabteilung im Einzelhandel. Es komme nun darauf an, ob der Verbraucher bei dem kommenden Spagat mitgenommen werden könne oder ob lediglich ein gutes Basisprodukt abgewertet werde.
Kritische Töne in den eigenen Reihen schlug Rainer Fabel an, Vorsitzender des Kartoffelnetz e. V., als er die Erfolge der bisherigen Verbraucheraufklärung in Frage stellte. Die Branche habe es trotz allem mit immer mehr Unwissenheit der Verbraucher zu tun. Auch müsse sie sich mit veränderten Tagesabläufen und damit veränderten Verbrauchsgewohnheiten der Haushalte ins Einvernehmen bringen. „Wir müssen gemeinsam am Aufbau neuer Marktsegmente arbeiten und dabei nicht nur reden, sondern das Gesagte auch umsetzen", rief Fabel aus.
Klaus Labahn
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