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30.05.2009 | 21:32

Milchbauern sauer: Ein Jahr nach Boykott keine Wende

Hamburg/Berlin (dpa) - Als die Milchbauern vor einem Jahr den Hahn
zudrehten und die Molkereien boykottierten, erinnerte ihr Kampf für
höhere Abnahmepreise an den von David gegen Goliath. Landauf, landab
spielten sich Szenen ab wie damals im niedersächsischen Edewecht:
Dort blockierten 30 wütende Landwirte mit ihren Treckern die größte
Käserei Europas. Nichts ging mehr. 32 Cent bekamen sie damals für den
Liter Milch - zu wenig, um die Höfe zu halten, klagten sie. Wenn sich
das Ende ihres bundesweiten Lieferstopps nun am 5. Juni jährt, wird
dieser niedrige Erzeugerpreis aus Mitte 2008 noch weiter um ein
Drittel geschrumpft sein. Der Kampf scheint für David chancenlos.

Dabei war die Freude nach dem zehntägigen Boykott zunächst groß.
Die mächtigen Handelsketten hatten eingelenkt und höhere Preise in
Aussicht gestellt. Das Zugeständnis verpuffte schon nach wenigen
Tagen, die Discounter-Riesen verkauften Milch und Butter wieder
billiger. Ohnehin war fraglich, ob die höheren Verkaufspreise eins zu
eins bei den Landwirten angekommen wären. Und selbst wenn: Hätte
König Kunde mitgespielt? Der vom Bundesverband Deutscher
Milchviehhalter organisierte Boykott zahlte sich nicht aus - sondern
war mangels Streikkasse einfach nur teuer.

Doch Bauern pflügen Gesätes nicht gleich wieder unter. Seit einem
Jahr protestieren sie. Geändert an der Misere hat das wenig. Es sei
nach wie vor schlicht zu viel Milch auf dem Markt, sagt Edda Thiele
vom Institut für Agrarpolitik und landwirtschaftliche Marktlehre an
der Stuttgarter Universität Hohenheim. Auch die 1984 eingeführte
Milchquote - gedacht als Deckel gegen «Milchseen» und «Butterberge» -
habe Menge und Bedarf nie harmonisiert. «Im Gegenteil haben
Regulierung und Preisgarantien die Anpassung an sich ändernde
Marktbedingungen stets verzögert, wenn nicht gar verhindert.» Dies
habe den nötigen Strukturwandel zu lange hinausgezögert.

Das zweite Problem ist die Preisbildung: Rund 100 000 Milchbauern
stehen 100 Molkereien gegenüber, die mit einer Handvoll
Einzelhandelsketten über den Angebotspreis verhandeln. Thiele sieht
den Schwarzen Peter aber nicht nur bei Molkereien und Discountern.
«Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel ist einer der
wettbewerbsintensivsten der Welt.» Davon profitiere auch der
Verbraucher. Dass an einem Höfesterben kein Weg vorbeiführt, will
Thiele aber so drastisch nicht sagen. «Um den Strukturwandel kommt
man nicht herum, man muss nur überlegen, wie die Politik ihn
sozialverträglich ausgestalten kann», sagt sie diplomatisch.

Für den obersten Milchviehhalter Romuald Schaber wäre ein
Strukturwandel noch das kleinere Übel. «Was nun bevorsteht, ist ein
totaler Strukturbruch», sagt der Verbandschef. Bis zu 30 Prozent der
Höfe sieht er in Gefahr, wenn die Preise die kommenden drei bis vier
Monate so niedrig bleiben. Nur jeder fünfte Hof werde das nächste
Jahr überleben, wenn die Krise länger anhalte. Erst mit 40 Cent, also
etwa dem Doppelten des aktuellen Milchpreises, ließen sich Kosten
decken. Auch die Preise im Supermarktregal sind drastisch gesunken.

Dabei standen die Milchviehhalter im Sommer 2008 kurz vorm Ziel:
Nach einem Spitzengespräch mit Bund, Ländern und Milchwirtschaft
wurden Pläne zur Senkung der Milchmenge festgezurrt. Doch der
Bundesrat fegte die Beschlüsse im November vom Tisch. Zwar gab es im
Januar neue Hoffnung, als die EU Exporthilfen wieder einführte und
durch Butteraufkäufe Preise stabilisieren wollte. Das änderte jedoch
laut Schaber nichts an den sinkenden Erzeugerpreisen.

Wenn es nicht höhere Erzeugerpreise gebe, seien alle anderen
Hilfen «ein Herumdoktern an Symptomen», sagt der Milchviehhalter. Die
von der Koalition zugesagte Entlastung bei der Agrardieselsteuer und
Zinshilfen zögern das Höfesterben nur hinaus. Der kleinere
Milchviehhalterverband und der große Bauernverband sind zerstritten
über Lösungen. «Zurzeit ist ein gemeinsamer Nenner nicht denkbar»,
sagt Schaber.

Bauernpräsident Gerd Sonnleitner, der Bedenken gegen eine
Mengenregulierung hat, sieht alle Bauern bedroht. Bei einer
Demonstration im Frankfurter Bankenviertel forderte er einen
Schutzschirm auch für Bauern. Neben 25 000 Opel-Mitarbeitern und
50 000 Karstadt-Beschäftigten seien auch 380 000 landwirtschaftliche
Betriebe entscheidend, damit nicht das ganze System Schaden nimmt.
Das klingt fast nach David gegen Goliath.
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