Geflügel

Hähnchenmast
18.11.2009 | 13:38

Neue Mastställe im Kreuzfeuer der Kritik

Christian Söchtig ist Landwirt im 650-Seelen-Dorf Nordassel, Landkreis Wolfenbüttel. Der überwiegende Teil der Landwirte in dieser Region betreibt fast ausschließlich Ackerbau, Viehhaltung gibt es nur sehr vereinzelt. Bei der Suche nach einem zusätzlichen Betriebseinkommen wurde er bei der Hähnchenmast fündig - was bei vielen Dorfbewohnern auf Protest stieß.
 
Eine Besonderheit bei Christian Söchtig: nebenbei mästet er schon seit längerem Hähnchen und Puten, die er direkt ver-marktet.„Die Geflügelmast war mir von daher nicht fremd“, erzählt der 42-jährige Agraringenieur. In der LAND & Forst las er im vergangenen Sommer  eine Anzeige der Fa. Rothkötter aus dem Emsland. Das Futtermittelunternehmen, zu dem Brüterei, Schlachthof und Verarbeitung gehören, suchte Mäster außerhalb ihrer „Stammregion“ Weser-Ems - mittlerweile sind die Pläne, im „Großraum Hannover“ einen weiteren Schlachthof zu bauen, ja sehr konkret.

Freie Arbeitskapazitäten

Aber nicht nur Rothkötter, auch andere Integrationen wie Wiesenhof oder Stolle zeigen derzeit vermehrt Interesse an Neueinsteigern. Der deutsche Markt für Frischgeflügel, der überwiegend aus dem Inland bedient wird, sieht zur Zeit rosig aus, beim Pro-Kopf-Verbrauch wird mit einem weiteren Wachstum gerechnet.    

Mit der Anzeige war Söchtigs Interesse geweckt, und er hatte in seinem Berufskollegen Martin Friedrichs aus dem benachbarten Burgdorf schnell einen „Mitstreiter“ gefunden- angesichts der abnehmenden Margen im Ackerbau und freier Arbeitskapazität bei Friedrichs hatten sich beide schon länger mit der Suche nach einem alternativen Betriebszweig befasst, mit dem ggf. auch eines der derzeit noch schulpflichtigen Kinder künftig ihr Einkommen bestreiten könnten. Für Söchtig und Friedrichs war recht schnell die Entscheidung getroffen, den Einstieg in die Hähnchenmast zu wagen. Die Planungen gingen dahin, gemeinsam einen Stall mit rund 40.000 Plätzen zu bauen - eine übliche Stallgröße.

Im Dezember vergangenen Jahres stellten die beiden Bauwilligen eine entsprechende erste Bauvoranfrage beim Landkreis Wolfenbüttel. Als „nicht so glücklich“ aus heutiger Sicht sehen sie die Tatsache, dass die Unterlagen sehr früh zur Information an die zuständige Samtgemeinde  Baddeckenstedt und Gemeinde Burgdorf weiterleitet wurden, was eigentlich ein üblicher Vorgang ist. „Im Nachhinein sagen wir jedoch, es wäre sicher besser gewesen, wenn wir zunächst selbst aktiv mit diesen Stellen  Kontakt aufgenommen hätten“, so Söchtig. Ein solches Vorgehen empfiehlt er denn auch jedem Landwirt, der eventuell einen Stall bauen will als „vertrauensbildende Maßnahme.“ In ihrem Fall war es dann - leider - so, dass mit dem Bekanntwerden ihrer Pläne in Nordassel quasi eine Bombe platzte.  

Bürgerinitiative im Ort

Kurz nachdem sich Söchtig und Friedrichs Ende Februar diesen Jahres mit Vertretern des Rates und dem Bauamt des Landkreises getroffen hatten, um ihre Pläne zu erörtern, bildete sich in Nordassel eine Bürgerinitiative, die gegen die geplanten Ställe mobil machte. Man befürchtete „massive Einschränkungen der Lebens- und Wohnqualität in dem 650-Seelen-Dorf durch die Hähnchenmastställe, eine extreme Geruchsbelästigung durch die Anlage und die Mistausbringung, eine Fliegenplage durch den Mist, ein erhöhtes Verkehrsaufkommen sowie eine Entwertung der Immobilien vor Ort“, um einige Punkte zu nennen, die die Bürgerinitiative auf ihren Treffen, auf Flugblättern und auf ihrer eigens eingerichteten Internetseite als Argumente anführte.

Christian Söchtig hat die vergangenen Monate verständlicherweise nicht unbedingt in bester Erinnerung: schließlich ist er in Nordassel aufgewachsen, die Familie hat hier Freunde und Bekannte, ist integriert in die Dorfgemeinschaft, er war sechs Jahr lang Ortsbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr: „Das muss man persönlich eben auch aushalten, wenn auf einmal Bekannte, Nachbarn oder Eltern von Freunden der Kinder gegen einen sind“, erzählt Söchtig. Gleichzeitig gab es jedoch auch Unterstützung von der Familie, von Berufskollegen und Freunden, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. So haben er und Friedrichs nicht aufgehört, das Gespräch mit der Bürgerinitiative zu suchen: „Es geht schließlich um unsere wirtschaftliche Existenz“, so der Landwirt.

Versucht wurde, die Bedenken der „Stallbaugegner“ durch sachliche Informationen auszuräumen: „Wir haben den Mitgliedern der Bürgerinitiative, aber auch dem Orts- und Gemeinderat sowie anderen Interessierten angeboten, mit ihnen nach Hannover zum Versuchsgut Ruthe der Tierärztlichen Hochschule zu fahren, um sich dort ein Bild über die Hähnchenmast zu machen.“ Neben Fragen zu Haltung und Management diskutierte der Leiter des Versuchsgutes Dr. Christian Sürie mit den Gästen auch darüber, ob deutsche Verbraucher im Sinne von mehr Tier-, und Umweltschutz denn nicht in Deutschland erzeugtes Fleisch bevorzugen sollten.

Nach Einschätzung von Söchtig hat diese Fahrt denn auch zur Versachlichung der teilweise doch sehr emotional geführten Auseinandersetzungen beigetragen. Weiterhin wurden Lagerungs- und Streudemonstrationen mit Hähnchenmist veranstaltet, um die geringe Geruchsemmission im Gegensatz zu Hühnertrockenkot zu zeigen.

Da er und sein „Mitstreiter“ Friedrichs auch von Anfang an unmissverständlich deutlich gemacht hatten, dass sie nicht gewillt waren, ihre Stallbaupläne aufzugeben, kristallisierte sich in den weiteren Gesprächen mit den Vertretern der Bürgerinitiative bald der Abstand des geplanten Stalles zum Dorf als „Knackpunkt“ heraus.

„Unser erster Standort lag etwa 450 m nördlich von Nordassel entfernt, er war emissionsschutzrechtlich geprüft, die Abstände hätten gepasst“, erzählt Friedrichs. Um den Dorffrieden wiederherzustellen, wurde jedoch noch einmal ein neuer Standort gesucht - und in gut 1.800 m Entfernung von Nordassel und jeweils etwa 900 m von den beiden benachbarten Orten Burgdorf und Berel entfernt gefunden: „Die Erschließungskosten am neuen Standort liegen rund 60.000 € höher,“ beziffert Friedrichs genau, was dieser Kompromiss kostet.

Heute vier Landwirte

In der Zwischenzeit hatten die beiden Landwirte mit ihren Bauplänen allerdings „Verstärkung“ durch zwei weitere Landwirte bekommen, die ebenfalls Hähnchen mästen wollten: Ulf Müller aus Burgdorf und Heiner Bünger aus Berel. Man wurde sich schnell einig, den neu ausgewählten Standort zu Viert in Form einer GbR zu nutzen, heute geht die Planung der „Sangeblick GbR“ von zwei Ställen a 40.000 Plätzen aus.

Die Nordasseler Bürgerinitiative trug den neuen Standort mit und löste sich kurze Zeit später auf. „Unsere Erleichterung ob des guten Abschlusses währte allerdings nicht lange“, so Söchtig. Denn in den umliegenden Orten bildete sich ein neuer „Arbeitskreis gegen Massentierhaltung“, der größtenteils gleich argumentierte wie die Bürgerinitiative. Die Landwirte bemühten sich erneut um Gespräche. Auf Initiative der Gemeinde Burgdorf fand im September eine Informationsveranstaltung statt mit Vertretern des Planungsbüros, der LWK sowie des Landkreises, u.a. dem stellvertretenden Leiter des Gesundheitsamtes, der über Allergien informierte. Er stellte klar, dass ein Zusammenhang zwischen einem erhöhten Vorkommen von Allergien und einer hohen Tierdichte in einer Region bislang nicht festgestellt wurde. Doch hier gab es kein Einlenken des Arbeitskreises.

Problematisch empfanden die Landwirte auch immer wieder die Berichterstattung der örtlichen Presse, die in der industriell geprägten Region Salzgitter/Wolfenbüttel teilweise wenig Verständnis für die Belange der Landwirtschaft zeigte. „Diese Situation machten sich die ‚Stallbaugegner“ natürlich zunutze, zum Teil fanden sie auch bei Kommunalpolitikern und Landtagsabgeordneten Unterstützung,“ so Müller.  Da sei es wichtig, dass die berufsständischen Vertretungen bei der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in die Pflicht genommen würden.  

Die Sangeblick GbR stellte dennoch ihren Bauantrag, der Ende September erstmals öffentlich auslag. Es gab dazu Einsprüche, die zurzeit „abgearbeitet“ werden, u. a. wird geprüft, ob es am geplanten Standort Feldhamster gibt. Weiterhin sind verschiedene Gutachten zu Geruch, Ammoniak und Staub in Arbeit.

„Wir geben nicht auf, wir sehen uns rechtlich auf der sicheren Seite,“ sind sich die vier Landwirte einig. Dennoch verzögert sich die Entscheidung, derzeitiger Stand ist, dass frühestens Ende März mit einer Genehmigung gerechnet werden kann. „Da ist es schon gut, dass wir zu viert sind, wir brauchen jetzt einen langen Atem“, sagt Bünger, das Abwarten könne schon zermürbend sein. Aber ihre betriebliche Weiterentwicklung wollen - und müssen - sie weiterbetreiben, da sind sie sich einig.
 
 
Christa Diekmann-Lenartz

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