Titelgeschichten

Algermissen
28.07.2010 | 11:13

Vom Hof an die Börse

Seit der Agrarreform und der Agenda 2000 gelten auch für unsere Getreidebauern die Regeln des freien Wettbewerbs. Angebot und Nachfrage bestimmen das Geschäft – ebenso wie die manchmal stündlich schwankenden Kurse an den Börsen in Paris und Chicago. Der private Landhandel tritt hier als Absatzmittler auf und hilft den Landwirten, mit ihren Produkten auf die globalen Märkte zu gelangen.
 
Konrad Weiterer (links) im Gespräch mit Bauer Johannes Ernst aus Förste. Foto: Peter Andryszak
Es ist Juli. Die Wintergerstenernte in der Hildesheimer Börde läuft auf Hochtouren. Auch auf dem Gelände der Landhandelsfirma Weiterer in Algermissen herrscht reger Betrieb. Landwirte rangieren mit Schleppern und Anhängern in der Mittagshitze, um ihre Fracht direkt in die riesigen Lagerhallen zu entladen. An der Qualitätskontrollstation fährt der Arm des Probenstechers in jede Getreidecharge und entnimmt Stichproben für das Labor. „Die Hektolitergewichte sind noch erstaunlich gut", stellt Konrad Weiterer fest, einer der Geschäftsführer.
 
Hohe Temperaturen und die anhaltende Trockenheit, lassen die Bauern um ihre Ernte bangen. Während die Gerste mit einem blauen Auge davon kommt, muss beim Weizen im August mit großen Schäden gerechnet werden.
 
 
Die Preise sind explodiert
Schon jetzt treiben die erwarteten Ertragseinbußen die Getreidepreise steil nach oben. „Am Pariser Terminmarkt sind die Weizenkurse in den vergangenen Tagen geradezu explodiert", weiß der Händler. Also sofort verkaufen oder einlagern und spekulieren? „Ich würde zu Teilverkäufen raten", empfiehlt er. Unternehmen wie die Weiterer GmbH verstehen sich als Berater und Dienstleister. Einerseits liefern sie Saatgut und Betriebsmittel für die Produktion. Andererseits bieten sie als erfahrene Getreidehändler alle Serviceleistungen für die Vermarktung der Ernte, ihre Aufbereitung, Lagerung und den Transport.
 
Landwirt Felix Henke, der in Algermissen zusammen mit seinem Nachbarn einen 130-Hektar-Betrieb bewirtschaftet, profitiert seit vielen Jahren von dieser Zusammenarbeit. „Es ist vor allem der Standortvorteil", erklärt der Landwirt. „Jeder Kilometer, den ich mit meinem Getreide unterwegs bin, kostet zusätzliches Geld. Hier liefere ich direkt vor Ort ab." Die Fachleute vom Landhandel informieren ihn per Mail täglich über die aktuellen Kurse und Markteinschätzungen. Jetzt gilt es nur noch, die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt zu treffen. Spontanverkäufe sind ebenso möglich wie Kontrakte auf Termin. Weiterer ist mit 35 Standorten in Niedersachsen und den angrenzenden Bundesländern der größte private Landhandel im norddeutschen Raum.
 
Hauptabnehmer für Getreide und Ölsaaten sind die regionalen Mühlen sowie die Mischfutterwerke im Südoldenburg. „Außerdem bedienen wir über unseren eigenen Hafenbetrieb am Hildesheimer Stichkanal das Ruhrgebiet und die Beneluxstaaten – und last but not least den Export über Hamburg", sagt der Unternehmer. „Insgesamt handeln wir etwa 650.000 Tonnen pro Jahr."
 
Mit den Kunden per Du
 
Mit vielen ihrer Kunden sind die drei geschäftsführenden Weiterer-Brüder per Du. „Die Landwirte kennen uns. Der Familienbeitrieb besteht seit fünf Generationen, man kann uns persönlich ansprechen, wenn es Fragen gibt oder mal was schief läuft." Preisgarantien geben sie natürlich nicht. Dafür sind die Bewegungen auf dem Agrarmarkt und an der Börse zu groß und zu schnell. „Aber wir versuchen, wichtige Marktmomente aufzuzeigen, damit unsere Partner ihre Chancen nutzen können."
 
 
Karin Peters
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Das nasskalte Frühjahr und die seit Anfang Juli anhaltende Hitzewelle führen in Deutschland flächendeckend zu Hitze- und Dürreschäden bei Getreide und Ölsaaten. Besonders auf den leichteren Bodenstandorten ist bereits eine deutliche Notreife bei Weizen, Sommergerste, Hafer und Triticale zu beobachten. Die Getreideähren vertrocknen regelrecht auf den Halmen, Schmacht- und Kümmerkorn sind die Folge. Derzeit liegt die Ernteeinschätzung mit 44,2 Mio Tonnen Getreide rund 11 Prozent unter dem Vorjahresergebnis, beim Raps gehen Experten mit 5,6 Mio Tonnen von Mengeneinbußen um die 10 Prozent aus. Treffen die Langzeitprognosen zu und die Hitzewelle setzt sich im August fort, sind weitere Ertragsverluste bei Weizen und Mais zu befürchten.

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