Gesundheit & Ernährung

Organspende
23.02.2010 | 15:00

„Heute machen wir es...“

Wer frühzeitig überlegt, was nach dem Ableben mit dem eigenen Körper geschehen soll, ob Organe gespendet oder unangetastet bleiben, kann Leben retten und Angehörigen eine schwere Entscheidung abnehmen. Weil die Organspende aber mit Ängsten und Tabus verbunden ist, informieren das Netzwerk Organspende Niedersachsen und das Aktionsbündnis „Organspende hilft Leben retten“ regelmäßig über alle Fragen zum Thema - zuletzt bei einer Leuchtturmveranstaltung in Osnabrück.
Mucksmäuschenstill ist es im Saal und einige Zuhörer schlucken, als Pastor Burghard Affeld über ein Ereignis berichtet, das alle Eltern fürchten: Den Tod des eigenen Kindes. Und als sei das nicht bereits schwer genug, hatten Affeld und seine Ehefrau vor einigen Jahren auch noch die Entscheidung zu treffen, ob Organe des 21-jährigen Sohnes, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, gespendet werden.  

„Es hat mich wie eine Keule getroffen“, beschreibt der Pastor seine Gefühle. Zum ersten Mal waren er und seine Frau mit diesem Thema konfrontiert worden, eine sehr schwere und belastende Situation. Ängste, der Sohn könne entstellt und „ausgeschlachtet“ werden oder ein anderer verdiene an dessen Tod, plagten den Geistlichen.

Reden statt verdrängen

So wie den Affelds geht es vielen Menschen, die in einer Phase tiefster Trauer kurzfristig über die Organentnahme bei einem verstorbenen Angehörigen beschließen müssen. Gut also, wenn man auf diese Situation vorbereitet ist, sich informiert und eine Meinung gebildet hat.
Das Netzwerk Organspende Niedersachsen und das Aktionsbündnis „Organspende hilft Leben retten“ will Ängste ausräumen und Vorbehalten entgegen treten. „Es ist ein unglaublich wichtiges Thema“, sagt Mechthild Ross-Luttmann, Schirmherrin des Aktionsbündnisses. „Wir müssen die Auseinandersetzung mit dem Tod aktiv führen.“ Leider werde aber der Gedanke daran häufig verdrängt.  

Das Interesse an diesem Thema war in Osnabrück dagegen groß: Rund 140 Landfrauen besuchten die Veranstaltung im Advena Hotel, bei der Experten und Betroffene über Organspende diskutierten. Die beiden niedersächsischen Landfrauenverbände engagieren sich seit Gründung des Aktionsbündnisses im Jahr 2008 für Organspende. „Wir wollen das Thema in die Fläche und in die Familien tragen“, sagt Sabine Reichardt, stellvertretende Vorsitzende Süd des Landfrauenverbandes Hannover.

Fakt ist: Nur bei einem Hirntod kommt ein Mensch als Organspender infrage. Dr. Christian Prause von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) erklärt, was das bedeutet: „Hirntod ist die Zerstörung der gesamten Hirnsubstanz. Alle Funktionen fallen für immer aus, es ist der Tod der Zentrale.“ Ursache für das Absterben des Gehirns ist die fehlende Durchblutung. Der Verstorbene kann aber künstlich beatmet und der Stoffwechsel durch Medikamente eine begrenzte Zeit lang aufrecht erhalten werden. Nur während dieser kurzen Periode kommt eine Organspende in Betracht.

Willen dokumentieren

Fehlendes Wissen, wie der Hirntod in der Medizin festgestellt wird, hält viele davon ab, einen Organspendeausweis bei sich zu tragen. „Werde ich vielleicht schneller für tot erklärt, wenn ich einen solchen Ausweis bei mir habe?“ - diese Frage beantwortet Prause mit einem klaren „Nein“. Im Transplantationsgesetz steht, dass zwei Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Diese Mediziner müssen auf dem Fachgebiet qualifiziert sein und dürfen nicht an der Organentnahme selbst teilnehmen. Außerdem wird die Untersuchung schriftlich festgehalten. Sogar, welche technischen Verfahren eingesetzt werden, ist gesetzlich geregelt.

In Deutschland gibt es die sogenannte „erweiterte Zustimmungslösung“, das bedeutet, dass der Betroffene selbst zu Lebzeiten einer Organentnahme zugestimmt und in einem Organspendeausweis dokumentiert haben muss. Liegt dieses Einverständnis nicht vor, dann entscheiden die Angehörigen. „Der Wille des Betroffenen ist auf den Intensivstationen oft nicht bekannt“, erklärt Prause das Problem bei der Zustimmung. Etwa sechs Prozent bejahen die Organspende und haben das auch in einem Ausweis niedergelegt. Knapp zwei Prozent lehnen die Entnahme ab - das lässt sich ebenfalls mit einem angekreuzten „Nein“ auf dem Organspendeausweis dokumentieren. Aber bei über 60 Prozent der möglichen Organspender ist überhaupt kein Wille bekannt.

Der verunglückte Sohn von Pastor Affeldt hatte seinen Willen ebenfalls nicht schriftlich niedergelegt, aber mit seinem Vater anlässlich einer Schularbeit über das Thema gesprochen. Nach einer zunächst widersprüchlichen Diskussion stand der Sohn einer Organspende positiv gegenüber. Affeld ist im Nachhinein froh und dankbar für das Gespräch. Für ihn und seine Frau gab es schließlich den Ausschlag, einer Entnahme zuzustimmen.

Eine weitere Frage, die viele bewegt, ist die nach dem Aussehen des Körpers nach der Organspende. „Es ist eine saubere Entnahme wie bei einer großen Operation“, erklärt Prause. Die Hinterbliebenen werden in dieser Situation nicht allein gelassen, sondern vom ersten Gespräch bis zur Organspende von der deutschen Stiftung Organtransplantation begleitet.
Der Körper des Toten wird so behutsam behandelt, dass er anschließend aufgebahrt werden kann. Für die Angehörigen besteht die Möglichkeit, sich nach der Organspende von dem Verstorbenen zu verabschieden. „Diese Abschiednehmen war hilfreich“,
erinnert sich Affeld, dessen Sohn nach der Organentnahme normal aufgebahrt und beerdigt wurde.

Altersgrenzen für die Tauglichkeit als Organspender gibt es nicht. Die Hälfte der Organspender ist älter als 50 Jahre. Meist werden die Organe von älteren Menschen auch an ältere Patienten vermittelt. Nur in Einzelfällen behindern Vorerkrankungen die Transplantation. Am häufigsten tranplantieren Ärzte Niere und Leber, danach das Herz. Am seltensten entnehmen sie Bauchspeicheldrüse und Dünndarm.

Wer Empfänger des Organs ist, steht bereits vor der Entnahme fest. Die Stiftung Eurotransplant führt eine Warteliste und ist für die Vermittlung aller Organe zuständig, die in Deutschland und anderen EU-Staaten entnommen werden. Für die Vermittlung eines Organs gelten festgelegte Kriterien, die Stiftung wägt nach Verträglichkeit, Erfolgsaussicht, Wartezeit und Dringlichkeit ab. Zwar werden Organe auch europaweit transplantiert, 98 Prozent bleiben aber im Land. Im Durchschnitt spenden Betroffener zwei Organe. Der Empfänger eines Organs lebt noch viele Jahre, je nach Patient und Alter ist sogar eine normale Lebenserwartung möglich. Abstoßungsreaktionen gibt es dank entsprechender Medikamente nur wenige.
Die DSO will nicht ausdrücklich für Spendebereitschaft in der Bevölkerung werben. Ihr geht es darum, dass sich jeder individuell mit dem Thema beschäftigt, eine Meinung bildet und diese auch äußert. Pastor Burghard Affeld hat nicht nur für sein Kind, sondern auch selbst eine Entscheidung getroffen: Sollte er einen Hirntod erleiden, will er mit seinen Organen anderen das Leben retten.

Agnes Witschen, Vorsitzende des Landfrauenverbandes Weser-Ems und Otto Deppmeyer, Vorsitzender der Landwirtschaftlichen Krankenkasse Niedersachsen-Bremen, diskutierten mit den Experten auf dem Podium über das Thema. Einen Organspendeausweis haben sie nicht. Nach der Veranstaltung ist aber für beide klar: „Heute machen wir es!“
 

 
Cornelia Bley

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