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Norbert Lehmann | am

Festgefahrene Agrarpolitik: DLG-Präsident übt scharfe Kritik

Mehr wirtschaftlichen Sachverstand und weniger pauschale Verbote fordert DLG-Präsident Paetow in der Agrarpolitik.

Der Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), Hubertus Paetow, ist kein Freund schriller Töne und ganz gewiss kein Scharfmacher. Darum kleidete er seine – in der Sache allerdings glasklare – Kritik an der Berliner und Brüsseler Agrarpolitik gestern (6.9.) zum Auftakt der DLG-Unternehmertage in Würzburg in ruhige und sachliche Worte: „Wer in Zeiten global knapper Lebensmittel in die Produktion eingreift, sollte schon sehr genau wissen, was er tut“, sagte Paetow.

Ein pauschales Verbot von Pflanzenschutzmitteln in Schutzgebieten, wie es die die EU-Kommission plane, wirke völlig aus der Zeit gefallen. Den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln könne man auch ohne Verbote und Ertragseinbußen reduzieren, betonte Paetow. Er plädierte für nachhaltigen Fortschritt zum Beispiel durch Sortenwahl, Schadschwellen, Fruchtfolge, Bandspritzung und mechanische Unkrautbekämpfung. Als passendes politisches Instrument schlug er eine betriebliche Quotenregelung für Betriebsmittel vor.

Gasumlage im Eiltempo, aber keine Tierwohl-Finanzierung

Paetow kritisierte auch die Bundesregierung. Sie unternehme nichts dagegen, dass die Zahl der schweinehaltenden Betriebe und der Schweine in Deutschland im freien Fall nach unten rauschen. „Es erstaunt einen schon, dass eine Regierung bei den 4 Mrd. Euro für das Borchert-Konzept an der Finanzierung scheitert beziehungsweise sich zwei Jahre damit beschäftigt, aber in drei Wochen eine Gasumlage in zehnfacher Höhe zugunsten von fünf Unternehmen beschließen kann“, stellte der DLG-Präsident fest. Die Reaktionen der Politik auf die aktuell schwerste wirtschaftliche Krise der letzten Jahrzehnte sei geprägt von Aktionismus und Symbolik sowie von häufigen Fehleinschätzungen wirtschaftlicher Zusammenhänge.

Ackerbauern und Milchviehhalter in komfortabler Lage

Während die deutsche Wirtschaft auf eine Rezession zusteuert, ist die Lage der landwirtschaftlichen Betriebe laut Paetow derzeit stabil bis komfortabel. Er warnte die Berufskollegen davor, bei Weizenpreisen von annähernd 300 Euro/t für die Ernte 2023 auf Notierungen von mehr als 350 Euro/t zu warten. Das sei schon mehr als gierig, so Paetow. Die Erfahrung lehre, dass man dann eher mit 220 Euro/t Vorlieb nehmen müsse. Die komfortable Situation im Ackerbau strahle langsam auch auf die Milchviehhaltung aus, so der DLG-Chef weiter. Trotz der gestiegenen Kosten könnten die allermeisten Milchviehbetriebe zurzeit hochgradig kostendeckend wirtschaften. Die Schweinehaltung stehe hingegen vor einem „riesigen Umbruch“. Die aktuellen Erlöse von 2,05 Euro/kg Schlachtgewicht seien natürlich nicht ausreichend, um die hohen Futterkosten zu decken und einen auskömmlichen Ferkelpreis zu zahlen.

Chefvolkswirt erwartet massiv steigende Zinsen und Inflationsdruck

Wie angespannt das wirtschaftliche Umfeld in Deutschland, Europa und weltweit ist, erläuterte auf den Unternehmertagen der Chefvolkswirt der Nord/LB, Christian Lips. Er geht davon aus, dass der Krieg in der Ukraine andauern und die Energiepreise auf einem erhöhten Niveau bleiben werden. Lips sieht klare Anzeichen einer geldpolitischen Wende mit massiv steigenden Zinsen und stärkerem Inflationsdruck. Für das laufende Jahr prognostizierte der Chefvolkswirt eine durchschnittliche Inflationsrate von 8 Prozent und für 2023 von 5 Prozent. Den Leitzins sieht er im kommenden Jahr bei 2 bis 2,5 Prozent, eventuell sogar höher. Die Europäische Zentralbank werde den Leitzins im September voraussichtlich um 75 Basispunkte und im Oktober nochmals um 50 Basispunkte anheben, sagte Lips voraus. Er riet landwirtschaftlichen Unternehmern, die Finanzierungen planen, unverzüglich mit ihrem Finanzberater zu sprechen.

Einzelhandel verzeichnet stark rückläufigen Absatz von Bio-Fleisch

Dass die hohe Inflation das Verbraucherverhalten bereits kräftig beeinflusst, zeigte Christian Kowalski, der Leiter des Frischfleisch-Einkaufs bei der Handelsgruppe Tegut in Fulda. Butter werde bei Tegut zurzeit außerhalb von Sonderangeboten kaum verkauft, berichtete Kowalski. Der Absatz von Biofleisch sei in den ersten sieben Monaten um etwa 18 Prozent zurückgegangen. Hingegen stieg die Nachfrage nach dem preislich etwa 40 Prozent darunter liegenden Fleisch der Eigenmarke „Landprimus“ im selben Zeitraum um etwas mehr als 18 Prozent. Kowalski sieht darin eine Chance, den Absatz von qualitativ hochwertigem Fleisch mit erhöhten Tierwohl-Standards weiterzuentwickeln. Allerdings bräuchten sowohl der Tierhalter als auch der Lebensmitteleinzelhandel verlässliche Rahmenbedingungen, um in mehr Tierwohl zu investieren.

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