Barbara Otte Kinast, Landwirtschaftsministerin in Niedersachsen
Anne-Maria Revermann | am

Die Fleischbranche muss sich ändern - aber wie?

Fleisch ist viel zu billig. Höhere Preise sollen eine bessere Haltung der Tiere ermöglichen. Werkverträge sollen weichen. Aber wie soll das alles gehen? Barbara Otte-Kinast spricht von einem Systemwandel in der Fleischproduktion, der durch die Corona-Krise und Tönnies-Affäre nun vorangetrieben wird.

Niedersachsens Agrarministerin, Barbara Otte-Kinast, spricht sich für den Systemwandel in der Fleischbranche aus. Neben der Corona-Krise berge auch die Tönnies-Affäre eine Chance für diesen Wandel.

Das System müsse sich nicht nur im Interesse der Tiere, sondern auch in dem der Landwirte ändern, betont Otte-Kinast in einem Interview mit der HAZ. Der Fall Tönnies zeige, dass alles ins Wanken gerate, wenn nur ein Teil ausfällt. Dann seien die Landwirte die Leidtragenden. Über dieses angeblich perfekte System müsse man reden.
 

Wandel über Umlagen?

Der Wandel in der Fleischbranche solle dabei ähnlich wie die Umlage für erneuerbare Energie funktionieren. Als von der Kernkraft auf erneuerbare Energien umgestiegen worden sei, sollte eine Umlage, die alle über den Strompreis zahlen, diesen Umstieg erleichtern. "So stelle ich mir das bei der Tierwohlabgabe vor", sagt die Ministerin im Interview mit der HAZ.

Ziel sei es, damit den Preiskampf und schlechte Haltungsbedingungen zu unterbinden.

"Fleischsteuer" allein reicht nicht

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner habe in diesem Zusammenhang von 40 Cent mehr pro Kilogramm Fleisch gesprochen. Unklar sei, wie eine solche Umlage praktisch erhoben werden solle, sagte Otte-Kinast. Darüber würden gerade Experten in Berlin nachdenken.

Da die "Fleischsteuer" allein noch nicht ausreiche, soll ein Tierwohllabel hinzukommen, das über die Haltungsform Auskunft gebe. Dieses müsse verpflichtend sein, sagt die Ministerin. Am besten sei eine europaweite Regelung, damit es zu keiner Wettbewerbsverzerrung komme.

Strukturwandel kostet 3 bis 6 Mrd.

Um die Tierhaltung in Deutschland zu verändern, indem Standards erhöht werden, sind drei bis sechs Milliarden Euro pro Jahr nötig. Julia Klöckner habe 300 Millionen Euro allein für den Umbau der Sauenställe zugesagt.

"Allerdings können wir damit noch nicht einmal den Umbau der Sauenhaltung in Niedersachsen bezahlen", so Barbara Otte-Kinast.

Die Ministerin verteidigte zudem den langwierigen Ausstieg aus der umstrittenen Haltung im Kastenstand: Es sei wissenschaftlich betrachtet worden, wie die Ställe umgebaut werden müssten, damit Sau und Ferkel genügend Platz hätten. Dazu seien politische Verhandlungen gekommen, um die Sauenhaltung überhaupt in Deutschland halten zu können.

Lebendimporte von Ferkeln aus anderen Ländern würden dem Tierschutz "einen Bärendienst erweisen". Deshalb müsse man den Sauenhaltern Übergangsfristen zugestehen, um sich anpassen zu können. Das sei der Kompromiss.

Was ist mit den Werkverträgen?

Der Wandel der Fleischbranche beeinhaltet in erster Linie auch, die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie zu verbessern - etwa durch die Abschaffung der bisherigen Werkverträge. Diese müssen in ordentliche Beschäftigungsverhältnisse umgewandelt werden - dafür spricht sich auch Barbara Otte-Kinast aus.

Zudem ist sie der Meinung, Zerlegungsarbeiten stärker von Maschinen erledigen zu lassen. Dafür müsse die Zerlegung aber teurer werden.

Dann müsse man sich um die Wohnverhältnisse der Arbeiter kümmern, so die Ministerin. Mit Corona gebe es jetzt die Chance, das Problem in Angriff zu nehmen. In Niedersachsen solle es zum 16. Juli eine große Runde geben, bei der alle betroffenen Ressorts – Wirtschaft, Landwirtschaft, Gesundheit sowie das Umwelt- und Bauministerium – sich mit Vertretern der Schlachtwirtschaft austauschen.

 

Mit Material von HAZ, ML, dpa

Corona in den Schlachthöfen - Auswirkungen auf den Fleischpreis?

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