Maren Diersing-Espenhorst
Meinung | Maren Diersing-Espenhorst | am

Hört auf, Märchen zu erzählen

Es gibt schöne Märchen und nicht so schöne. Wenn letztere aber Realität werden, wird es gruselig.

Moin liebe Leserinnen und Leser, es gibt Märchen, die ich großartig finde. Dornröschen ist eines davon. 100 Jahre schlafen hört sich für mich manchmal ziemlich verlockend an. Andere Geschichten haben mich immer eher gegruselt. Dazu gehören beispielsweise Hänsel und Gretel, der Rattenfänger von Hameln, Rotkäppchen oder der Wolf und die sieben Geißlein.

Bei den beiden letztgenannten zog der böse Wolf durch die düstere Geschichte – heute zieht er durch die norddeutsche Tiefebene. Und das gruselt mich noch viel mehr. Zumal, wenn ich lesen muss, dass der Räuber inzwischen auch vor Pferden nicht zurückschreckt und diese tötet oder Schafherden angreift, selbst wenn der Schäfer dabei ist.

Nur im Märchen wird alles wieder gut

Der Unterschied zwischen den Märchen und der Realität: In den Märchen gibt es immer einen Helden, der den Wolf zur Strecke bringt. Bei Rotkäppchen erlegte der Jäger den Wolf und alles war wieder gut. In der Wirklichkeit ist das leider nicht so. Bei uns darf in der Regel kein Jäger zu Hilfe eilen, wenn der Wolf zur Bedrohung wird.

Einer unter vielen

Selbst wenn eine Ausnahmegenehmigung zur Entnahme eines Wolfs erteilt wird, ist es nahezu unmöglich, dass man diesen auch erlegt. Denn er lässt sich schlicht und ergreifend nicht identifizieren! Wie soll denn ein Jäger in einem Rudel das individuelle Tier, das zum Abschuss freigegeben wurde, erkennen und erlegen? Denn anders als im Märchen, tritt der Wolf in unserer Welt nicht immer als Einzeltier auf.

Nicht der gefeierte Held

Und sollte sich ein Jäger tatsächlich einmal dazu durchringen, dass er einen zur Entnahme freigegebenen Wolf erlegt, darf sein Name um Himmels Willen nicht öffentlich gemacht werden. Anders als in den Geschichten würde er nicht von allen als Held gefeiert. Schlimmstenfalls würden ihn einige als Mörder beschimpfen oder ihn bedrohen.

Die Realität ist kein verzauberter Märchenwald

Ja, liebe Leserinnen und Leser, Sie haben Recht, wenn Sie nun denken, ich sollte aufhören über Märchen zu schreiben. Aber ich denke, bestimmte Gruppen unserer Gesellschaft sollten aufhören, Märchen zu erzählen. Wir leben nicht in einer verzauberten Märchenwelt, in der unendlich viel Platz für den Wolf ist und in der am Ende immer alles gut wird.

Wir leben in einer Kulturlandschaft, die unsere Ernährung sicherstellen soll. Dazu gehören auch Nutztiere auf der Weide und am Deich. Wohin sie ja auch durchaus nach dem Willen der Interessengruppen gehören, die den Wolf so unbedingt schützen wollen. Wir alle möchten hier sicher leben – auch Freizeitsportler, Spaziergänger und Radfahrer. In unserer Kulturlandschaft ist kein Platz für eine steigende Zahl großer Raubtiere – man stelle sich nur mal eine Reproduktionsrate von 30 Prozent vor!

Nur eine Bitte

Also bitte, beenden wir die Märchenstunde und wenden uns der Realität zu, in der wir gemeinsam versuchen eine Lösung zu finden, mit der alle beteiligten Parteien leben können – und nicht eine zugrunde geht.

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