Landwirte blockieren in Cloppenburg einen Kreisverkehr vor dem Lidl-Lager
Meinung | Christa Diekmann-Lenartz | am

Lebensmittel: Leere Regale und volle Ställe

Wer Anfang dieser Woche bei Lidl noch schnell Aufschnitt oder Salat fürs Abendbrot holen wollte, hatte eventuell Pech und stand vor leeren Regalen.

Zumindest in Weser-Ems war das in vielen Niederlassungen der Fall. Und so etwas bei uns, wo sonst höchstens über Lebensmittelverschwendung diskutiert wird. Wie konnte das passieren?

Ganz einfach: Zutiefst enttäuschte und oft verzweifelte Tierhalter haben den Spieß umgedreht und den Lebensmittelhandel, in diesem Fall Lidl, am langen Arm verhungern lassen. Über 300 Traktoren aus dem Kreisgebiet und umzu legten – unter Regie von „Land schafft Verbindung“, Cloppenburg - das Lidl-Zentrallager vor Ort lahm.

Der Übermacht ausgeliefert

Was es heißt, der Übermacht der „Partner“ ohne Chance ausgeliefert zu sein, das erfahren Schweine- und Rinderhalter oder Milcherzeuger derzeit selbst sehr schmerzhaft.

Sicher, der Lebensmittelhandel, Molkereien und Schlachthöfe sind nicht verantwortlich für Corona und für die Afrikanische Schweinepest in Deutschland. Sie sind auch nicht verantwortlich, dass die Politik es bis heute nicht geschafft hat, den Schweinestau von immer noch geschätzt mehr als einer halben Millionen Tieren wenigstens etwas abzubauen. Und sie sind vermutlich auch nicht verantwortlich, dass die Politik am vergangenen Freitag beim „Schweinegipfel“ kein einziges konkretes Ergebnis zustande brachte, das den Schweinehaltern zumindest etwas Hoffnung in ihrer desolaten Lage gemacht hätte.

Die Doppelzüngigkeit des Lebensmitteleinzelhandels

Verantwortlich machen muss man den Lebensmitteleinzelhandel aber für seine Doppelzüngigkeit. Gegenüber den Verbrauchern heißt es „Wir lieben Lebensmittel“, mit Qualität aus Deutschland wird gern geworben, regionale Herkunft rückt immer öfter ins Blickfeld, kurze Wege im Sinn von Nachhaltigkeit und Umweltschutz sind bei allen großen Ketten Thema.

Wie verhält man sich aber gegenüber den Erzeugern dieser „angesagten“ Lebensmittel? Sie werden weder wertgeschätzt noch anständig bezahlt. Und jüngst beschwerten sich Aldi, Lidl, Edeka und Co. bei Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Die hatte zuvor Neuregelungen gegen unlautere Geschäftspraktiken von Handelsriesen im Lebensmittelmarkt auf den Weg gebracht. Die Branche fühlte sich „diffamiert“.

Wo bleibt die Solidarität des Lebensmitteleinzelhandels?

Warum werben Lidl oder Aldi nicht zusammen mit den Erzeugern für bessere, gerechte Preise anstatt immer nur für die billigsten Preise und die höchsten Rabatte? Warum zieht sich der Lebensmittelhandel zurück aus dem Fonds der Initiative Tierwohl und damit aus einem System, das ganz gut ins Laufen gekommen ist? Weil es dann doch nur um Profit geht, Solidarität in der Kette sucht man selbst in äußerst schwierigen Zeiten wie aktuell vergeblich.

Stehen die Ställe erstmal leer, bleiben sie leer

Gut und richtig so, dass die Lidl-Blockade in Cloppenburg in ganz Deutschland Kreise zieht! Die Landwirte, die da kämpfen, verdienen unseren höchsten Respekt! Die Regale sind schnell wieder gefüllt, aber unsere Ställe bleiben leer, wenn sie erst einmal leer sind. Irgendwann müssen es die anderen doch mal kapieren, was da verloren geht.

Digitale Ausgabe

Jetzt bestellen
digitalmagazin

✓ Mehrleser-Funktion

✓ Artikel merken und teilen

✓ exklusiv: Audio und Video

✓ 1 Tag früher informiert

Digitale Ausgabe

✓ 3 Endgeräte
✓ Merkliste
✓ Audio und Video
 
Das könnte Sie auch interessieren

Inhalte der Ausgabe

  • Tierhaltung: Küchenschnack mit Milchviehhalter Matthias Schulte-Althoff
  • Pflanzenbau: Perspektiven für Zuckerrüben
  • Technik: Wirtschaftlichkeit Gülleseparation
  • Forstwirtschaft: Bodenverbesserung mit Wollpellets: Feldversuch im Emsland

JETZT DAS WOCHENBLATT KENNENLERNEN – GEDRUCKT ODER DIGITAL!

Reinschnuppern: 12 Ausgaben ab 10€

Jetzt bestellen