Fachtagung Moorschutz_1595

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Jörg Rath-Kampe | am

Moorschutz ist nur gemeinsam umsetzbar

Bei der Fachtagung zum Thema Moor äußerten niedersächsische und bremische Landwirte ihre Sorgen. Die Betriebsleiter sind bereit beim Klimaschutz mitzuarbeiten, es muss aber für ihre Betriebe finanziell tragbar sein.

Trockengelegte Moore sind Quelle großer Mengen klimaschädlicher Gase wie CO2 oder Lachgas. Deshalb steht eine Renaturierung und Wiedervernässung der Moore ganz oben auf der Liste des natürlichen Klimaschutzes. Um eine breit akzeptierte Klima-Anpassung der Moorregionen in Niedersachsen zu erreichen, sollte der Bund im Rahmen eines Gesamtpakets auch ein eigenständiges Gesetz über die Organisation und Finanzierung von Maßnahmen zum Klimaschutz in Moorgebieten beschließen, forderten das Landvolk Niedersachsen und der Bremische Landwirtschaftsverband in einer Fachtagung mit dem Titel „Zukunft Moor“ in Bremen. Landvolkpräsident Dr. Holger Hennies warnte: „Der geforderte Moorschutz hat die Dimension des Kohleausstiegs. Wir brauchen deshalb ein finanziell und gesamtgesellschaftlich tragfähiges Konzept, das vor allem die Unsicherheiten in der Wirtschaft, auf den Höfen und in den betroffenen Familien beseitigt.“

Eine halbe Million Niedersachsen lebt in Moorregionen

Allein in Niedersachsen leben nach Schätzung des Landvolks mehr als 500.000 Menschen in den kultivierten Moorregionen des Landes. Für lange Zeit bedeutete die Trockenlegung der Moore und das Erschließen fruchtbaren Bodens einen großen Fortschritt für Besiedlung, die Landwirtschaft und die gesicherte Versorgung der Bevölkerung. Heute ist bekannt, dass damit hohe Treibhausgasemissionen verbunden sind. In Niedersachsen liegen rund 37 Prozent der kohlenstoffreichen Moorböden bundesweit.

Keine kalte Enteignung

Niedersachsens Landwirte wollen bei den anstehenden Klimaschutzmaßnahmen in Moorgebieten mitreden und den Klimaschutz mitgestalten. „Wir erwarten eine frühzeitige und ehrliche Kommunikation auf wissenschaftlich abgesicherter Basis“, so Landvolk Präsident Holger Hennies. Man erkenne an, dass die Freisetzung von Treibhausgasen durch Moorflächen, die von Menschen genutzt würden, verringert werden müsse. „Was wir aber ganz dringend verhindern wollen, dass die Leute kalt enteignet werden“, betonte Hennies.

Landwirte als Partner

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir forderte bei der Diskussion um die Zukunft der Moore eine offene und ehrliche Debatte. Zum Klimaschutz gehörten die Moorböden und er verstehe die Sorgen der Landwirte und Bewohner dieser Regionen. Die Moore seien ausgeprägte Grünlandstandorte mit intensiver Milchviehhaltung. Er freue sich über das klare Bekenntnis des Niedersächsischen Landvolks und des Bremischen Landwirtschaftsverbandes zum Moorschutz. Klar sprach sich Özdemir dafür aus, dass die Wertschöpfung vor Ort bleiben müsse. „Wir wollen attraktive Programme anbieten und die Landwirte mitnehmen.“

Der Schutz der Moore biete vielfältigen Nutzen. Die vernässten Moore seien CO2-Speicher, sie seien gut für die biologische Vielfalt. Andererseits brauche es kluge Nutzungskonzepte durch die Vernässung oder Anhebung der Wasserstände, zum Beispiel Paludi-Kulturen oder Agro-PV. Dabei dürften Zielkonflikte nicht ignoriert werden.

Wie soll die Finanzierung aussehen?

Wirksamer Klimaschutz stehe und falle mit seiner Finanzierung. Das Aktionsprogramm natürlicher Klimaschutz umfasse ein Budget von vier Milliarden Euro bis 2026 und schließe den Moorbodenschutz mit ein. Eine bundesweite Moorschutzstrategie wird gerade von Bundeslandwirtschaftsministerium und dem Bundesumweltministerium erarbeitet.

Im Herbst hat die Bundesregierung bereits das Bundesprogramm Klimaschutz durch Moorbodenschutz angeschoben, um die Ziele der Moorvernässung Schritt für Schritt umzusetzen. Dafür stehen bis 2025 rund 330 Millionen Euro bereit. Finanziert werden sollen Forschungs- und Entwicklungsvorhaben, Modell- und Demonstrationsvorhaben und die Sondierung punktueller Flächenkaufmaßnahmen zum Moorbodenschutz.

Durch die Moorschutzzielvereinbarung zwischen Bund und Ländern wurde ein weiterer Meilenstein erreicht. Darin ist festgehalten, das die Treibhausgasemissionen aus Moorböden jährlich um fünf Millionen Tonnen CO2-Äquivalente bis 2030 gesenkt werden sollen. Hierfür ist eine Wiedervernässung von Mooren in Deutschland in der Größenordnung von 100 000 bis 250 000 Hektar notwendig. Eine solche Transformation kann nur mit den Betroffenen in den Regionen und entsprechenden Anreizen gelingen.

Ein weiterer Baustein sei die Torfminderungsstrategie des Bundes. Sie soll Lösungswege für einen Ausstieg aus der Torfnutzung im Gartenbau aufzeigen. Bis 2026 soll die Verwendung von Torf im privaten Bereich enden und bis 2030 eine weitgehende Reduktion im gewerblichen Gartenbau. Herausforderung ist die Bereitstellung geeigneten Ersatzmaterials.

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Nass oder gar nicht bewirtschaften

Moorschutz ist ein wichtiges Thema zum einen wegen des Klimaschutzbeitrages und zum anderen wegen des großen Diskussionsbedarfs. „Wir stehen vor einer großen Herausforderung entweder die Moorflächen nass bewirtschaften oder nicht mehr. Es ist ein Zeichen der Zeit: Die Branche geht nach vorn und fordert politische Gestaltung ein“, erläuterte Prof. Dr. Harald Grethe, Professor für internationalen Agrarhandel und Entwicklung, Humboldt Universität Berlin.

Die Trockenlegung der Moore war eine enorme Anstrengung, aber heute gebe es neue Erkenntnisse. Man müsse umdenken. Trockene Moorkörper setzen nach den Worten des Wissenschaftlers 35 Tonnen CO2 pro Hektar und Jahr frei. Bei einem CO2-Preis von 60 €/t sind das 2100 €/ha und bei zusätzlichen Klimakosten von 145 €/ha noch einmal 7000 €/ha. „Das kann man mit trockener Landwirtschaft nicht verdienen“, stellte Prof. Dr. Grethe fest. Umgerechnet auf das Kilogramm Milch ergeben sich Klimakosten von 40 Cent/Liter.

Die Vernässung der Moore habe ein großes klimawirksames Potenzial. 40 Prozent der Emissionen von Klimagasen entstehen auf sieben Prozent der Fläche, den Mooren. Werden 80 Prozent der Moore wiedervernässt, sind das effektiv 31 Millionen Tonnen CO2 weniger. Seiner Meinung nach gibt es keinen Weg an der Vernässung der Moore und auch der Anmoore vorbei. Jetzt müsse dringend gehandelt werden.

Die Konsequenzen müsse die Gesellschaft gemeinsam tragen. „Wir brauchen jetzt eine Moorschutzstrategie, die auch eine ist, konkrete Ziele und einen konkreten Zeitrahmen“, forderte der Wissenschaftler. Die Kosten der Wiedervernässung bezifferte er auf rund 4000 € pro Hektar.

Gemeinsame Lösungen

Jetzt gelte es Lösungen zu finden, die Bewirtschaftung und Klimaschutz unter einen Hut bringen. Im ersten Schritt müssten die Moore kartiert werden, um klar herauszubekommen, wo überhaupt vernässt werden könne. Das gehe nur gemeinsam mit den Landwirten vor Ort. Nur so lasse sich eine kluge Struktur der Wiedervernässung schaffen. Der Wert der landwirtschaftlichen Betriebe müsse gesichert werden.

„Beim Thema Wiedervernässung der Moore sprechen wir über größere Summen“, stellte die niedersächsische Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast fest. „Wir können nicht mal eben vernässen. Es gibt keine Schablone für die unterschiedlichen Standorte. Wir brauchen eine Bestandsaufnahme.“

Das Moor werde intensiv landwirtschaftlich genutzt. Milchviehhaltung überwiege. Deshalb müsse bei der Vernässung der Moore auch die ganze Verarbeitungskette im Blick behalten werden wie beispielsweise die Molkereien oder die Stalleinrichter.

Moorschutz funktioniere nur miteinander. Lösungen müssten gemeinsam mit den Bundesministerien Landwirtschaft und Umwelt diskutiert werden. Wichtig sei es, den Landwirten eine Perspektive zu geben. Sie müssten weiterhin mit ihrem Grund und Boden Geld verdienen können, sei es durch Klimaschutzaufgaben, durch Paludikulturen oder auch Agro-Photovoltaik. Eine umfassende langfristige Finanzierung sei unabdingbar.

Fazit

  • Die Vernässung der Moore hat großes Klimapotenzial.
  • bei 80 % Wiedervernässung werden 31 Millionen Tonnen CO2 weniger freigesetzt.
  • Kosten: 4000 €/ha
  • Im ersten Schritt müssen die Moore kartiert werden.
  • Wo kann überhaupt wiedervernässt werden.

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