Weide
Jan-Gerd Ahlers | am

Wenn Bauern im Dorf weniger werden

Immer mehr, immer größer und immer weiter weg von der Gesellschaft, so hat sich vielerorts die Landwirtschaft entwickelt. Daraus ergeben sich viele Fragen. Antworten liefern Bauern aus Neusüdende, Kreis Ammerland.

Nur noch fünf Vollerwerbslandwirte (früher waren es 40) gibt es in dem Dorf Neusüdende mit 622 Einwohnern vor den Toren von Oldenburg. Hinzu kommen Neben- und Zuerwerbsbetriebe, Hobbylandwirte und Resthofbesitzer, die das Wohnen im Grünen mit ein paar tausend Quadratmeter Fläche hinterm Haus und Freiraum für Kinder und Kleintiere schätzen. Neusüdende hat sich verändert und der Strukturwandel betrifft längst nicht nur die Landwirtschaft.

Einen Lebensmittelladen und Bäcker gibt es schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr, auch Schmied, Metallbauer und Landmaschinenwerkstatt sind längst Geschichte. Die Schule im Dorf gibt es seit den 1970er Jahren nicht mehr, die Nachnutzung als Kindergarten endete auch schon vor zehn Jahren, die Gemeinde verkaufte das Gebäude.

Lindenhof

Früher gab es drei Gaststätten, heute keine mehr. Dafür gibt es die Boßelerburg, eine Art Dorfgemeinschaftshaus unter der Federführung vom Boßelverein. In dem Gebäude war zuvor eine Gaststätte mit Viehwaage, später eine Dorfdisco und schließlich ein Nachtclub.

Bei der Bankschließung wollte man Widerstand leisten: 181 Bürger kämpften 2012 mit einer Unterschriftenliste für den Erhalt der kleinen Filiale, ohne Erfolg. Schluss mit Radeln zur Kasse und dem Geldabheben in Gummistiefeln. Die Chefs der Bank blieben hart. Die Entwicklung der Kundenzahlen war von 650 Kunden auf 432 zurückgegangen, die Rentabilität nicht mehr gegeben. Kompromissvorschläge von Kunden, beispielsweise die Verkürzung der Öffnungszeiten oder das Aufstellen von Geldautomaten, wurden abgelehnt. Auch hier seien die Kosten zu hoch.

Milchseen und Butterberge waren einmal

Landwirte

Wir diskutieren mit gestandenen Bauern zwischen 53 und 71 Jahren und einer 19-jährigen landwirtschaftlichen Auszubildenden draußen auf der Terrasse, natürlich mit Abstand, intensiv und durchaus kontrovers.

Wir sind auf dem Hof von Dieter Ahlers, 57 Jahre alt. Er hat seinen Futterbaubetrieb stetig weitertwickelt: 100 ha (Grünland, Getreide. Mais), 60 Kühe, 50 Bullen, 80 Teile Jungvieh, 400 Mastschweineplätze, Ausbildungsbetrieb.

Warum ist die Landwirtschaft hier und heute so wie sie ist? Wir lassen die Jahrzehnte Revue passieren. Jürgen Vahlenkamp erinnert sich an Milchseen und Butterberge in den 1970er Jahren, aber auch an ganz viel Nachbarschaftshilfe wie zum Beispiel beim Hacken der Futterrüben. Die Hilfe untereinander war selbstverständlich, das gemeinsame Feiern auch. Und der Höhepunkt im Jahr war das Erntefest mit großem Umzug.

"Mit der Käfighaltung blieben wir auf unseren Eiern sitzen"

Ein Meilenstein in der Hofentwicklung von Dieter Ahlers war seine 1969 gebaute „Legebatterie“ für 6.000 Hühner (heute Schweinestall): „Da gab es ein positives Echo. Ich habe in der Schulklasse berichtet, wie der Stall funktioniert. Da hat die ganze Klasse Beifall geklatscht. Heute würde man dafür gemobbt werden“.

Hans-Heinrich Wemken erinnert an die starke gesellschaftliche Einbindung und ein entschleunigtes Leben von zufriedenen Bauern, obwohl die körperliche Arbeit anstrengend war: „Wir hatten 60 Hühner, davon wurde der Haushalt finanziert. Das heißt: Wir brachten die Eier hier zum Einkaufsladen, und dafür bekamen wir Lebensmittel, Zucker, Mehl, was man so braucht. Ein paar Eier verkauften wir noch ab Hof. Die Hühner liefen überall rum, es war so, wie sich das heute viele Leute wünschen. Dann kam die Käfighaltung und dier Kunden schwärmten von sauberen Eiern aus der Legebatterie und wir blieben auf unseren Eiern sitzen“.

Spezialisierung war schon damals angesagt

Schon damals hieß es auch seitens der Beratung: „Die Ammerländer Kleintierzoos sind nicht zukunftsfähig“. Spezialisierung war angesagt. Alle erinnern sich an eine große Bauern-Demo in der Dortmunder Westfalen-Halle 1974. Durch den Strukturwandel gab es viel Unruhe bei den Bauern.

Eines der „Probleme“ in Neusüdende nennen die Bauern beim Namen: „Man konnte sich nicht so richtig vergrößern, weil wir viele aktive Landwirte bei uns im Dorf hatten. Andererseits wollten wir jungen Landwirte natürlich etwas verändern, haben die Tierbestände vergrößert, von Mist auf Gülle und von Futterrüben auf Mais umgestellt“.

Heute soll es billig sein

Die Bauern sagen: „Wir haben ja wirtschaftlich gesehen immer das produziert, was der Markt wollte. Das Schwein wurde fettarmer und länger, damit ein Kotelett mehr dabei rausspringt. Wir haben produziert, was der Markt wollte, und heute möchte der Markt in erster Linie: billig.

Das Umdenken geht nur langsam voran. Und die Vermarktung ist wesentlich schwieriger geworden, weil fast die ganze Kette auf größere Bestände ausgelegt ist. Kleinere Tierzahlen werden gebündelt, das kostet zusätzlich Zeit und Arbeit und ist nicht selten mit Preisabschlägen verbunden“.

Das Zauberwort heißt integrierte Produktion. Davon profitieren aber nicht die noch verbliebenen Neusüdender Haupterwerbsbbetriebe mit ihren kleineren und mittleren Größeneinheiten. Bestes Beispiel ist die Sauenhaltung, früher eine Hochburg auf den nicht so flächenstarken Ammerländer Betrieben. Heute noch legendär, das Ammerländer Edelschwein. Der hohe intermuskuläre Fettgehalt sorgte für die besonders gute Fleischqualität und den besonderen Geschmack, als Braten, paniert oder als Steak auf dem Grill.

 

Wie wird die Landwirtschaft weitergehen?

Wie wird es weitergehen mit den Haupterwerbsbetrieben in Neusüdende? Für alle ist Landwirt nicht nur Beruf/Arbeit, sondern Berufung, Lebensinhalt und verbunden mit ganz viel Leidenschaft.

Für die Höfe unserer Gesprächsteilnehmer gibt es bislang keine Nachfolger, die Kinder haben andere Berufe gelernt oder sind noch unentschlossen. Dabei würde jetzt mit der nächsten Generation auch der nächste (große) Entwicklungsschritt anstehen, um den Betrieb für die Zukunft auszurichten.

„Mein Sohn möchte vielleicht“, sagt Jan-Erik zur Horst, „da bin ich eher derjenige, der bremst.“ Die wirtschaftlichen Aussichten schätzt er als eher unsicher ein und sieht seit vielen Jahren den gesellschaftlichen Rückhalt schwinden.

„Landwirt ist und bleibt ein attraktiver Beruf“, sagt Jan-Erik zur Horst, „ich möchte nichts anderes machen.“ Er weiß die Arbeit an der frischen Luft und seinen Arbeitsplatz zu schätzen und ihm wird die Arbeit auch nicht zuviel. Er hat drei Kinder und wartet deren Berufswahl nun erstmal ab.

Was machen die Kinder?

„Wir schauen mal, was unsere Kinder machen und investieren derzeit nicht großartig“, sagt auch Rolf Klockgether. Aus arbeitswirtschaftlichen Gründen überlegt die Familie, die Sauenhaltung aufzugeben und stattdessen Ferkel zuzukaufen und die Schweine zu mästen.

Auch Jürgen Vahlenkamp hat die Arbeit zusammen mit seiner Frau immer gerne gemacht und sie haben sich für den Urlaub einen Betriebshelfer genommmen. Er wünscht sich wieder mehr Wertschätzung für die Landwirtschaft.

Hans-Gerd Haake sieht auch die viele Arbeit und vor allem die Arbeitsspitzen. Er ist fast nur noch im Stall und setzt auf dem Feld einen Lohnunternehmer mit hoher Schlagkraft ein, um nicht selber in teure Landtechnik investieren zu müssen. Stand heute, wird der Betrieb in sieben Jahren auslaufen, wenn seine drei Kinder es sich nicht noch anders überlegen. Sein Betrieb besteht 240 Jahre, sieben Generationen haben dort gewirtschaftet und er wird irgendwann wohl den Schlüssel umdrehen.

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