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Claudia Bockholt | am

Kriminalität auf dem Land: Ein Dunkelfeld

Juristen der FU Berlin wollen wissen, in welchem Umfang Landwirte von Kriminalität betroffen sind. Die Ergebnisse könnten die Behörden interessieren – und ganz konkrete Auswirkungen haben.

Wissenschaftler der Freien Universität Berlin forschen mit Hilfe einer Online-Umfrage unter Landwirtinnen und Landwirten zu Kriminalität auf dem Land. Wochenblatt-Chefredakteurin Claudia Bockholt fragte bei der Jura-Professorin Prof. Dr. Kirstin Drenkhahn nach: Was ist die Motivation und was sind die Ziele?

Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Rural Criminology“? Sie übersetzen ihn mit „Kriminologie im ländlichen Raum“.

Eigentlich ist der Begriff irreführend, denn es geht ja nicht nur um Straftaten, die Landbewohner begehen, sondern Delikte, die auf dem Land passieren. Die Kriminalitätsforschung konzentriert sich meist auf den städtischen Raum, der auf den ersten Blick interessanter wirkt: mehr Menschen, mehr Straftaten. Gerichte und Unis sind auch meist in Städten. Und es gibt die verbreitete Legende, dass auf dem Land praktisch keine oder zumindest wenig Kriminalität passiert. Auch das wirkt eben nicht sehr interessant. Im englischsprachigen Raum, gerade in den USA, ist die „Rural Criminology“ hingegen seit langer Zeit ein Forschungsthema. Wahrscheinlich, weil es dort sehr große ländliche Räume gibt und der Stadt-Land-Gegensatz noch ausgeprägter ist.

Von welchen Straftaten reden wir und von welcher Dimension?

Alles, was in der Stadt passieren kann, gibt es auch auf dem Land. Die Frage ist nur, wie ist die Verteilung. Wenn in Deutschland Dunkelfelduntersuchungen gemacht werden, dann gibt es keine Differenzierung zwischen Stadt und Land. Das meiste dürften Eigentumsdelikte sein, Fahrzeugdiebstähle zum Beispiel, Einbrüche. Aber es können auch Körperverletzungen sein. Ich komme selber vom Dorf, da gibt es eigentlich bei jedem Dorffest irgendwelche Körperverletzungsdelikte…

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Die klassische Wirtshausprügelei…

Ja, genau. Spezifischere Delikte gibt es auch, etwa Umweltdelikte, die nur dort passieren können, wo Umwelt beeinträchtigt werden kann, illegale Müllablagerungen etwa. Ansonsten kann man sich alles vorstellen, bis hin zu Tötungsdelikten.

Was finden Sie als Forscherin spannend am Thema?

Straftaten gegen Landwirtinnen und Landwirte finden meine Kollegen und ich interessant, weil es dazu eigentlich gar nichts gibt. Die Polizeistatistiken schlüsseln hierzu nichts auf. Gerade bei Eigentumsdelikten geht es aber um große Werte. Das kann ein Mähdrescher im Wert eines Einfamilienhauses sein. Das ist etwas ganz anderes als ein Einbruchsdiebstahl in einer Wohnung in der Stadt, bei einer Mittelschichtsfamilie. Da kommt man gar nicht auf solche Werte. Bei Landwirten geht es zudem um Betriebsmittel. Ich bin auf dem Bauernhof aufgewachsen und manchmal überrascht, wie wenig diese Dinge auch in den Medien vorkommen. Vor einer Weile zum Beispiel war kurz zu lesen von Viehdiebstählen in Brandenburg. Das ist für die betroffenen Bauern, denen ganze Kuhherden gestohlen werden, eine Katastrophe. Aber darüber wurde nur kurz berichtet, auch von Seiten der Strafverfolgungsbehörden. Vom LKA gab es dazu eine knappe Presseerklärung. Das ist also ein Feld, das noch völlig unterbelichtet ist, obwohl es eine ganze Menge Leute betrifft. Das reicht für mich als Motivation.

Welche Wirkung könnte Ihre Studie erzielen?

So eine einzelne Untersuchung wird natürlich nicht die Welt verändern. Für mein Team und mich ist das auch nur ein Anfang, wir wollen uns künftig verstärkt der Kriminalität und Konfliktlösungen in ländlichen Räumen widmen. Im besten Fall kommt dabei heraus, dass zum Bespiel Landeskriminalämter in Flächenstaaten etwas interessierter auf das Thema reagieren. Es ist vorstellbar, dass Polizistinnen und Polizisten mit besonderer Beziehung zur Landwirtschaft eingesetzt werden. In anderen Ländern, etwa in Australien, gibt es solche Ansprechpartner bei der Polizei bereits. Aber wir wollen ja zunächst herausfinden, ob das überhaupt nötig ist. Ich denke allerdings, dass es so ist. Wir fragen übrigens auch nach der Zufriedenheit mit der Polizei, und das sollte die Behörden ja eigentlich schon interessieren.

Schweinestall-Schweinemaststall-Schweine

Sie kooperieren auch mit Wissenschaftlern im Ausland.

Ja, das ist der zweite Teil des Projekts. Es soll ein Buch entstehen mit ähnlichen Daten aus 15 verschiedenen Ländern.

Wann werden erste Ergebnisse vorliegen?

Die Online-Umfrage wollen wir bis kurz vor Weihnachten offenhalten. Für das Buch müssen dann relativ schnell erste Ergebnisse vorliegen. Einen ersten Bericht wird es also bereits im Frühjahr 2023 geben.

Inwieweit profitieren die Landwirtinnen und Landwirte, die mitmachen?

Für die, die mitmachen, ist es auf jeden Fall eine Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen, das man sonst nicht hat. Man kann sich mitteilen. Am Ende der Online-Befragung steht auch noch einmal eine Email-Adresse, unter der man sich bei unserem Team melden kann. Es gibt die Möglichkeit, noch tiefergehende Interviews zu führen. Jedenfalls sehen Betroffene, dass sie europaweit, sogar weltweit nicht alleine sind mit ihren Anliegen.

Die erste bundesweite Untersuchung

Das Projekt: Ein Team von Wissenschaftlern der FU Berlin rund um Prof. Dr. Kirstin Drenkahn beschäftigt sich seit Kurzem mit der Kriminologie des ländlichen Raums (Rural Criminology). Das erste Projekt ist die Farm Crime-Untersuchung, eine Studie über Straftaten gegen Landwirtinnen und Landwirte (vor allem Diebstahl). Die Deutschen arbeiten dabei zusammen mit einer internationalen Forschungsgruppe, die gemeinsam Kriminalität im ländlichen Raum, Sicherheitsempfinden, Erfahrungen mit der Polizei und Schutzmaßnahmen gegen Kriminalität untersucht.

Die Farm Crime-Untersuchung: Kriminalität im Zusammenhang mit Landwirtschaft ist ein Forschungsfeld der Kriminologie des ländlichen Raums (Rural Criminology). Bisland gibt es hierzu in Deutschland eigentlich nichts: Straftaten gegen Landwirte werden in der Polizeilichen Kriminalstatistik nicht gesondert erfasst, und es gibt bisher keine Dunkelfelduntersuchungen, in denen Landwirtinnen und Landwirte dazu befragt werden, obwohl es z. B. bei Diebstahl von Maschinen um erhebliche Schadenssummen geht. Auch zu Einstellungen aus der Landwirtschaft zur Polizei und Justiz, zum Sicherheitsgefühl und individuellen Schutzmaßnahmen gegen Kriminalität gibt es bisher keine systematischen Untersuchungen. Die Online-Umfrage des Teams der FU Berlin richtet sich an Landwirtinnen und Landwirte in der gesamten Bundesrepublik unabhängig von der Hofgröße. Sie lässt sich z. B. am Smartphone in ca. 15 Minuten ausfüllen. Der Fragebogen ist eine Übersetzung eines Fragebogens aus Australien.

Die Ziele: Die Studie ist Teil des internationalen Projekts zu Opfererfahrungen und Sicherheitsempfinden, Erfahrungen mit der Polizei und Schutzmaßnahmen gegen Kriminalität im ländlichen Raum. Mit den Daten werden die Wissenschaftler zu einem gemeinsamen Buch der Projektgruppe beitragen und einen Bericht auf Deutsch schreiben, der frei zugänglich im Internet verfügbar sein wird.

Der Link zur Studie: https://farmcrimede.qualtrics.com/jfe/form/SV_d5yk7LRUa4pXJnE?jfefe=new

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