Nachhaltigkeitszertifikat Biogasanlagen_Foto 1 Biogasanlage

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Christian Dany | am

Nachhaltigkeitszertifikate für Biogasanlagen: Darauf ist zu achten

Die Branche schreckt ein Bürokratie-Monster: Eine hoppla hopp eingeführte Verordnung verlangt Nachhaltigkeitszertifikate. Von der Pflicht, eine „Selbsterklärung“ auszufüllen, sind viele Landwirte, die Anlagen beliefern, betroffen.

Seit Januar 2022 ist die Biomassestrom-Nachhaltigkeitsverordnung in Kraft. Nachdem die Bundesregierung lang auf die Genehmigung der Europäischen Kommission warten musste, konnte die BioSt-NachV erst Ende November formell beschlossen werden.

Den dadurch entstehenden, unnötigen Zeitdruck und den absehbaren „Zertifizierungsstau“ kritisiert der Fachverband Biogas aufs Heftigste: „Bereits Ende 2018 trat die EU-Richtlinie in Kraft und lag dem Umweltministerium zur Überführung in deutsches Recht vor. Nun muss die Branche ausbaden, was von Seiten der Bundesregierung verzögert wurde.“ Aller Erfahrung nach werde auch die Übergangsfrist für die Zertifizierung bis zum 30. Juni 2022 nicht ausreichen.

Mit der neuen Verordnung muss jetzt auch die Erzeugung von Biogas und Biomethan im Strom- und Wärmebereich Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Das gilt für alle Biogasanlagen, auch bestehende.

Analog zum REDcert-System für Biokraftstoffe gibt es jetzt das SURE-System für Biomassestrom. Die SURE GmbH steht für „Sustainable Resources Verification Scheme” und ist eine Schwesterfirma von REDcert.

Größengrenze

Es gibt eine Größengrenze: Nur Biogasanlagen mit mehr als zwei Megawatt Feuerungswärmeleistung (FWL) sind betroffen. „Das bedeutet, dass überbaute, ‚flexibilisierte‘ Anlagen mit mehreren BHKW-Modulen schon ab einer Gesamtleistung von zirka 800 kWel nachweispflichtig sind. Es geht um die installierte Leistung, nicht die Bemessungsleistung", so Thomas Siegmund von SURE.

Großer Flaschenhals bei Audits wird erwartet

1.500 bis 2.000 Biogasanlagen in Deutschland sind nach Siegmunds Einschätzung von der Verordnung betroffen. Der Holzenergiesektor komme noch obendrauf. Weil dem nur 150 von SURE registrierte Auditoren gegenüberständen, sei ein großer Flaschenhals zu erwarten. Die Verordnung sehe eine Übergangsfrist im Ausnahmefall vor: „Sie können gegenüber der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) in einer ‚Eigenerklärung‘ angeben, dass das Audit nicht fristgerecht durchgeführt werden konnte; möglicherweise wegen zu wenig verfügbarer Auditoren. Sie haben dann Zeit bis zum 30. Juni 22, das Zertifikat zu erlangen.“

Anlage registrieren und zertifizieren

„Zuerst muss die Anlage bei SURE registriert werden“, erklärt der Bioenergie-Experte den Weg zum Nachhaltigkeitsnachweis, „nach Vertragsunterzeichnung gelten Sie als Systemteilnehmer bei SURE. Parallel müssen Sie sich eine Zertifizierungsstelle aussuchen, die von SURE und der BLE anerkannt ist.“

Auf der Webseite von SURE sind zirka 20 Unternehmen aufgelistet. Mit der Zertifizierungsstelle könne der Anlagenbetreiber einen Vertrag schließen und einen Audittermin vereinbaren. Nach dem Audit prüfe die Zertifizierungsstelle den Auditbericht und treffe eine Zertifizierungsentscheidung. „Wenn Sie dann das Zertifikat haben, können Sie einen Antrag bei der BLE stellen zur Kontoeröffnung im Nabisy und Ausstellung eines Nachhaltigkeitsnachweises“, schildert er.

Nabisy nenne sich die BLE-Datenbank „Nachhaltige-Biomasse-System“. Anschließend könne der Anlagenbetreiber den Nachhaltigkeitsnachweis der BLE beim Stromnetzbetreiber einreichen. Damit werde die BioSt-NachV erfüllt und die EEG-Vergütung könne ausbezahlt werden.

Biogas_Foto Einspeisung

Von der Erst- zur Re-Zertifizierung

Anhand eines Zeitstrahls erläutert Harald Heinl von der OmniCert Umweltgutachter GmbH den Ablauf. Bis zum Ende der Übergangsfrist sei die Erstzertifizierung abzuschließen. „Wir als Zertifizierungsstelle stellen Ihnen eine Liste mit Unterlagen zur Verfügung, die wir für das Erst-Audit einsehen möchten. Dann würden wir einen Vor-Ort-Termin mit Ihnen vereinbaren. Möglich ist, vorher eine Online-Videoschaltung zu machen, bei dem wir Unterlagen durchgehen und Fragen stellen können. Damit kann der Vor-Ort-Termin erheblich straffer geplant werden.“

Bei Problemen oder fehlenden Unterlagen bestehe die Möglichkeit eines Nach-Audits spätestens drei Monate nach Erst-Audit. Spätestens sechs Monate nach der Erstzertifizierung sei ein Überwachungsaudit erforderlich und dann alle zwölf Monate ein Re-Zertifizierungsaudit.

Das wird beim Audit der Biogasanlage geprüft

Beim Audit werden die Massenbilanz, die im Überwachungszeitraum ausgestellten Nachhaltigkeitsnachweise sowie die Vollständigkeit und Plausibilität der Dokumente geprüft. Heinl: „Die Datengrundlage für die Massenbilanzierung ist in der Regel vorhanden: Wiegeprotokolle oder Lieferscheine für den Biomasse-Zukauf, das Einsatzstofftagebuch für den Einsatz der Biomasse und die Einspeisemessung für die Stromerzeugung. Aufgabe des Auditors ist es, die Relation dieser Mengen zueinander zu plausibilisieren. Die meisten Betriebe haben schon eine Massenbilanzierung. Hier gibt es eine Überschneidung mit dem EEG-Umweltgutachten.“

Zertifizierung der Lieferkette

Die gesamte Lieferkette muss zertifiziert werden, was bedeutet, dass die vorgelagerten Lieferanten dem Anlagenbetreiber ein gültiges Zertifikat vorlegen müssen. Reine Transportunternehmen sind nicht zertifizierungspflichtig; nur Lieferanten, die auch Eigentümer der Ware sind.

„Der Einbezug der Lieferkette braucht Zeit und kann zu Problemen führen. Ein strukturelles Problem entsteht durch Lagerbestände“, sagt Siegmund: In den folgenden Monaten werde noch nicht zertifizierte Biomasse aus 2021 oder vorher eingesetzt. Beim Erstaudit könnten ältere Biomasse-Rohstoffe im SURE-System noch als nachhaltige Biomasse berücksichtigt werden, wenn eine rückwirkend ausgestellte „Selbsterklärung“ des Erzeugungsbetriebs abgegeben und die Biomasse noch nicht verarbeitet wurde.“

Eigenstrom Biogas BHKW_Foto

Selbsterklärungen für Landwirte

Eine Erleichterung gibt es für die Erzeugerstufe: Land- und Forstwirte sowie Abfallentstehungsbetriebe müssen nicht individuell zertifiziert werden, sondern können das in Gruppen. Hierzu sind jährliche „Selbsterklärungen“ an die Ersterfasser abzugeben, die die Funktion des Gruppenmanagers übernehmen.

„Die Selbsterklärung ist für Sie als Landwirtschaftsbetrieb Ihre Eintrittskarte in die BioSt-NachV / RED II, die ermöglicht, dass Sie selbst nicht direkt zertifiziert werden müssen“, stellt Siegmund klar, „darin müssen Sie bestätigen, dass Sie die Anforderungen einhalten und Stichprobenkontrollen zustimmen. Cross-Compliance-Betriebe werden im Anteil der Quadratwurzel kontrolliert: also vier Landwirte bei einer Gruppe von 16.“

Die Selbsterklärungen seien nahezu die gleichen wie die, die viele Landwirte abgeben müssen, wenn sie Weizen, Raps oder Zuckerrüben an Lagerhäuser verkaufen, erklärt Dr. Stefan Rauh vom Fachverband Biogas.

Erzeuger in Gruppen einteilen

Biogasanlagenbetreiber können die Erzeuger in Gruppen einteilen. Zum Beispiel sei es möglich, alle NawaRo- und alle Reststofflieferanten (Gülle und Mist) jeweils zu einer Gruppe zusammenzufassen. Komme Material von einem Lagerhaus, brauche dieses selbst ein Zertifikat, da es nicht als Erzeuger gelte.

Es geht um die nachhaltige Erzeugung der Biomasse, um deren Rückverfolgbarkeit und Massenbilanzierung, zählt Siegmund die Nachhaltigkeitsanforderungen für Biogas auf. Alle zertifizierungspflichtigen Schnittstellen müssten eine dreimonatige Massenbilanz führen, um die Biomasse vom BHKW zurück zum Entstehungsort verfolgen zu können. Ein Nachweis von Mindest-Treibhausgaseinsparungen in der Strom- und Wärmeerzeugung sei nur von neuen Anlagen ab Inbetriebnahmejahr 2021 erforderlich.

Flächenstatus von 2008 maßgebend

Wie kann aber nun eine nachhaltige Erzeugung landwirtschaftlicher Biomasse dokumentiert werden? Laut Verordnung darf die Biomasse nicht von Flächen mit einem „hohen Wert für die biologische Vielfalt“ stammen, wobei hierfür der Status im Januar 2008 maßgebend ist: Zu dem Zeitpunkt durften die Flächen nicht bewaldet oder als Grünland mit hoher biologischer Vielfalt registriert sein und sie durften nicht Naturschutzzwecken gedient haben, außer die Biomassenutzung lief dem Naturschutzzweck nicht zuwider.

Als mögliche Nachweise nennt Siegmund Anträge auf Direktzahlungen oder Agrarumweltmaßnahmen im Jahr 2008, amtliche Dokumente, Gutachten oder Kartenmaterial zum damaligen Flächenzustand.

Jedoch stellt sich das Problem, dass die buchhalterische Aufbewahrungspflicht von zehn Jahren schon abgelaufen ist. „Das Landwirtschaftsamt muss bestätigen, dass es keine Fläche hoher Vielfalt war“, sagt Heinl. Jedoch könnten es auch die Ämter schwer haben, den Status von 2008 nachzuweisen. Er rät, nur Flächen anzugeben, für die der Nachweis eindeutig zu erbringen sei.

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