Diese Biogasanlage im LK Peine ist eine von über 1.700 in Niedersachsen. Doch viele Betreiber im Land fühlen sich von der Politik ausgebremst, obwohl Biogas ein wichtiger Faktor sein könnte.

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Thomas Gaul | am

Niedersachsens Biogasanlagen könnten mehr produzieren

Es könnte so einfach sein: Niedersachsens Biogasanlagen wären in der Lage, mehr Strom, Wärme und Biomethan zu produzieren und so den drohenden Energiemangel zumindest ein Stück zu entschärfen. Doch es herrscht Unsicherheit.

Obwohl Politiker beteuern, es komme auf jede Kilowattstunde an, bremsen gesetzliche Hürden und bürokratischer Aufwand die mögliche Mehrproduktion. In der Biogas-Branche herrscht derzeit große Unsicherheit, viele Biogasanlagen-Betreiber sind frustriert. „Sie fühlen sich von der Politik ausgebremst und wissen nicht, ob sie jetzt durchstarten oder aufhören wollen“, sagte Horst Seide, Präsident des Fachverbandes Biogas e.V., kürzlich auf einer digitalen Pressekonferenz.

Branchenzahlen für 2021

Im Rahmen der Pressekonferenz stellte der Fachverband Biogas die Branchenzahlen für 2021 inklusive Prognose für 2022 vor. Das Ergebnis: Ein leichter Zubau in den vergangenen Monaten, weniger Stilllegungen als befürchtet und eine große Wärme-Nachfrage. In Niedersachsen sind 2021 26 neue Biogasanlagen ans Netz gegangen, dabei handelt es sich in allen Fällen um Güllekleinanlagen. Damit erhöht sich die Gesamtzahl der Anlagen auf 1.735 und die installierte Leistung auf 1.450,79 MW.

Biogaswärme gefragt

Die Anzahl der Biogasanlagen in Deutschland ist im Jahr 2021 um 138 auf 9.770 gestiegen. 152 neue Anlagen stehen 14 Stilllegungen gegenüber, und damit weniger als befürchtet. Die installierte Leistung erhöhte sich um 194 Megawatt (MW) auf 5.860 MW, wovon 3.825 MW arbeitsrelevant sind, was einen Zubau von knapp zehn MW gegenüber 2020 bedeutet. Die Bruttostromproduktion beläuft sich auf etwa 33,47 Terawattstunden (TWh).

Wie schon in den vergangenen Jahren ist der Zubau an flexibler Leistung augenfällig: Den zehn Megawatt arbeitsrelevanter Leistung, also der Leistung, die tatsächlich für zusätzlichen Strom im Netz sorgt, steht ein Zubau von 226 MW installierter Leistung gegenüber, die für eine flexible und bedarfsgerechte Fahrweise der Biogasanlage errichtet wurde.

Biogasanlage_Symbolbild

Nachfrage nach Biogaswärme stark gestiegen

Auffällig ist außerdem die stark gestiegene Nachfrage nach Biogaswärme, die zu einem Anstieg der externen Wärmenutzung auf über 15 TWh geführt hat, was dem Bedarf von rund 1,3 Mio. Haushalten entspricht. „Die Bedeutung von Biogas als flexibler, verlässlicher und universell einsetzbarer regenerativer Energieträger wird in der aktuellen Krise besonders deutlich“, betont der Präsident des Fachverbandes Biogas, Horst Seide. Das spiegele sich in den Zahlen zur Wärmenutzung anschaulich wider, lasse sich aber auch bei der Stromversorgung ablesen.

Wie entwickeln sich die Preise für Biogas?

Eine Prognose der Biogas-Entwicklung für die kommenden Jahre hängt maßgeblich von der Entwicklung des Energiepreises und den politischen Entscheidungen ab.

Biogasanlagen, die flexibel fahren, also den Strom gezielt in den Stunden mit hohem Bedarf produzieren, profitieren derzeit wie andere Kraftwerksbetreiber von den hohen Preisen an der Strombörse. Die Frage ist nur, wie lange das so bleibt. Am 30. September stimmten die Energieminister der EU-Mitgliedsstaaten dem überarbeiteten Verordnungsentwurf der Europäischen Kommission bezüglich einer Strommarkterlösabschöpfung ab 180 Euro/MWh zu.

Die Mitgliedsstaaten können nun aber individuelle Kappungsgrenzen für Technologien festlegen, deren Gestehungskosten oberhalb von 180 Euro/MWh liegen. Dies ist aus Sicht der Bioenergie auch dringend notwendig, denn die meisten Bioenergieanlagen weisen deutlich höhere Kosten auf. Seit Jahren sind sie zusätzlich mit steigenden technischen Anforderungen und entsprechendem Investitionsbedarf sowie allgemein steigenden Preisen für Reparaturen, Wartung, Anlagentechnik und v.a. Einsatzstoffe konfrontiert.

„Seit des russischen Angriffs auf die Ukraine hat sich diese Entwicklung noch einmal deutlich verschärft und die Brennstoffkosten sind deutlich gestiegen“, betont Sandra Rostek, Leiterin des Hauptstadtbüros Bioenergie. "„Wir appellieren daher nun an die Bundesregierung, keine Erlöse abzuschöpfen, die für einen wirtschaftlichen Anlagenbetrieb und als Anreiz für eine flexible Fahrweise notwendig sind. Eine vollständige Ausnahme der gesamten Bioenergie, wie bereits für Biomethan vorgesehen, wäre gleichwohl der unbürokratischste und beste Weg."

Biomethan kann russisches Gas teils ersetzen

Insbesondere Biomethan könnte einen Teil des russischen Erdgases ersetzen. In Deutschland erzeugen aktuell 240 Biomethananlagen rund elf Terawattstunden Biomethan pro Jahr und speisen dieses erneuerbare Gas in das inländische Gasnetz mit mehr als 510.000 km Länge ein.

Derzeit verfügen in Deutschland 359 von 401 Städten und Gemeinden über einen Gasnetzzugang und können Biomethan bedarfsgerecht und hocheffizient für die Strom- und Wärmeversorgung und als klimaneutralen Kraftstoff nutzen. Die Gasnetzinfrastruktur dient dabei auch als saisonaler kostengünstiger Energiespeicher für Biomethan, ebenso wie die zur Biomethanerzeugung genutzten Einsatzstoffe.

Die bestehenden Biomethananlagen können ihre Erzeugungskapazitäten kurzfristig um 20 Prozent steigern. Mittelfristig sehen Experten auf Basis der Erhebungen der Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe zusätzliche nachhaltige Potenziale für die heimische Biomethanerzeugung von rund 110 Terawattstunden pro Jahr und das allein aus mobilisierbaren Rest- und Abfallstoffen (Stroh, Siedlungsabfälle, Gülle, Mist, Landschaftspflegematerial).

Zwei Landwirte vor Biogasanlage

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