Überlastung in der Landwirtschaft
Meinung | Anne-Maria Revermann | am

Überlastung in der Landwirtschaft: Wenn das Schweigen zu laut wird

Auf einem Hof arbeiten und leben zu dürfen, ist für viele ein großes Geschenk. Doch es gibt auch die andere Seite. Ein Kommentar.

Moin liebe Leserinnen und Leser,

auf einem landwirtschaftlichen Betrieb arbeiten und leben zu dürfen, ist für viele ein großes Geschenk. Es bedeutet frei und flexibel zu sein. Seine liebsten Menschen nah bei sich zu haben. Ich könnte noch viele Vorteile aufzählen. Doch es gibt auch die andere Seite. Auf einem Betrieb zu arbeiten und zu leben, bedeutet nämlich auch, abhängig zu sein. Von der Natur, der Politik, aber eben auch von anderen Menschen, meist sind es Familienmitglieder.

Hier entstehen natürlich auch Konflikte, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Streit zwischen Generationen ist laut Erhebungen der größte Stressfaktor bei Landwirtinnen und Landwirten. Es sind Emotionen im Spiel. Und fast immer geht es darum, dass Dinge unausgesprochen bleiben. Weil sie vermeintlich nicht ausgesprochen werden können.

Stattdessen arbeitet jeder still weiter vor sich hin ohne elementare Dinge für sich und andere geklärt zu haben. Das macht unglücklich, in einigen Fällen sogar krank.

 

Sich zu überwinden kostet Kraft

Wenn das Schweigen zu laut wird, lohnt es sich, Hilfe von außen zu holen. Das kann ich bestätigen, da ich selbst einen Fall begleiten durfte. In Niedersachsen gibt es landwirtschaftliche Beratungsstellen, die diese Hilfe für Familien anbieten – sogar vor Ort. 

Um ehrlich zu sein, ist das kein leichter Weg. Es kostet Überwindung, sich Hilfe zu suchen. Als es so weit war, flossen viele Tränen. Denn die ehrenamtlichen Berater machen sich ein grobes Bild von der Situation auf dem Hof und stellen dann genau die richtigen Fragen – nämlich die, die richtig weh tun. Die Berater fordern das, was manchmal so schwerfällt: Ehrlich über Wünsche und Gefühle zu sprechen. Und zwar so, dass alle Beteiligten sie mitbekommen und damit konfrontiert werden. Das auszuhalten ist nicht einfach.

Aber es ist befreiend. Denn genau das trug dazu bei, dass der Knoten platzte. Plötzlich wussten alle Beteiligten woran sie waren und wo sie stehen. Natürlich nicht von heute auf morgen, es war ein längerer Prozess, den die Berater begleiteten.

Sich aus dem Leid befreien

Ihre Namen und Herkunft verrieten diese damals nicht, bis heute ist mir aber ihre Professionalität und die Einfühlsamkeit in Erinnerung geblieben. In den Gesprächen (ver)urteilten sie niemanden, sondern halfen mit ihrem neutralen Blick von außen dabei, das große Chaos im Kopf aufzudröseln, die Sicht auf bestimmte Dinge zu verändern und andere Sachen klarer zu sehen.

Vor allem aber wuchs das Verständnis für das Gegenüber. Denn was viele vergessen: Selbst wenn ein Konflikt nur zwischen zwei Personen stattfindet, leidet darunter meist die ganze Familie.

Deshalb kann ich nur dazu ermutigen, diesen Schritt zu gehen, wenn man an einen Punkt kommt, an dem es irgendwie nicht mehr weitergeht. Wenn sich Fronten verhärtet haben. Wenn die Seele schreit, aber Menschen ganz still werden. Denn das Leben und Arbeiten auf dem Hof ist nach wie vor ein ganz großes Geschenk – und das soll es auch bleiben.

Wenn Landwirte am Limit sind: Alles zum Thema "Überlastung in der Landwirtschaft" finden Sie auch in der LAND & FORST, Ausgabe 34/2020 und in unserer digitalen Ausgabe.

Inhalte der Ausgabe

  • Die Wegweiser: Was bringt die Zukunft für die Landwirtschaft?
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