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Thomas Gaul | am

Kann Biogas russisches Erdgas ersetzen?

Mit dem Krieg in der Ukraine haben die Gaspreise einen neuen Höchststand erreicht: Vergangene Woche wurde am niederländischen Handelspunkt TTF eine Megawattstunde (MWh) für 345 Euro gehandelt – ein Plus von 60 Prozent.

Mit den explodierenden Preisen wird den Verbrauchern die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten vor Augen geführt. „Wir importieren 85 Prozent des fossilen Gases“, sagte Harmen Dekker, Geschäftsführer des Europäischen Biogasrates, in einem digitalen Pressegespräch. Dabei gibt es mit Biogas eine Alternative zu den fossilen Importen. Wie Dekker ausführte, werden in den 20.000 Biogasanlagen in Europa 3 Mrd. Kubikmeter Biomethan produziert. Bis zum Jahr 2030 könnten 35 Mrd. Kubikmeter zusätzlich produziert werden. „Das ist zwei Drittel von Nord Stream 2“, machte Dekker deutlich.

Neue Biogasanlagen bauen

Dafür müssten etwa 5.000 Biomethananlagen europaweit neu gebaut werden, ca. 1.000 große und 4.000 mittlerer Größe. Seinen Angaben zufolge, könnte das Biomethan zu einem Preis von 55 Euro/MWh produziert werden, mithin also günstiger als fossiles Erdgas. Da vorrangig Wirtschaftsdünger und Reststoffe vergoren werden sollen, würde zudem die Treibhausgasbilanz der Landwirtschaft verbessert. Und da die Gärreste ein wertvoller Dünger sind, könnten auch die Importe von mit hohem Energieaufwand hergestelltem Mineraldünger verringert werden.

Bioenergie spielt bei der Wärmeversorgung eine wichtige Rolle

Dass Bioenergie bei der Wärmeversorgung eine wichtige Rolle spielt, unterstrich auch Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE). Auch in Niedersachsen werden zahlreiche Dörfer mit der Wärme aus Biogasanlagen versorgt. Doch leider kann Biogas nicht so viel liefern, wie eigentlich möglich wäre, beklagte der Präsident des Fachverbandes Biogas e.V., Horst Seide. „Jede Biogasanlage in Deutschland wird eingebremst durch Regelungen wie die Höchstbemessungsleistung. Dieser Deckel ist nicht mehr zeitgemäß. Würde er entfallen, könnte sofort 20 Prozent mehr Leistung bereitgestellt werden. Das entspricht fünf Prozent des russischen Gases.“ Hinzu kommt, dass im vergangenen Herbst die Biomasseernte gut ausgefallen ist. Die Siloplatten sind also übervoll. Diese Vorräte könnten kurzfristig zur Biogasproduktion genutzt werden.

Die Kritik an Agrarpolitik

Kritisch sieht Seide die Neuausrichtung der Agrarpolitik. Die geplante verpflichtende Stilllegung von vier Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche ab 2023 diene nicht dem Klimaschutz, wenn der Aufwuchs nicht für die Biogasproduktion genutzt werden kann. Durch den Abbau der Biomasse auf dem Feld entstehen klimaschädliches CO2 und Lachgas. „Das ist ein Unding“, sagte Horst Seide.

Gebraucht werden die Biogasanlagen aber nicht nur zur Erzeugung von Biomethan. Auch die Vor-Ort-Verstromung bleibt weiter wichtig. An den Biogasanlagen könnten auch Elektrolyseure aufgestellt werden. Wenn in Zeiten hoher Einspeisung aus Windenergie und PV genügend Strom vorhanden ist, könnte daraus zusammen mit dem CO2 aus der Biogasanlage zusätzliches Methan produziert werden.

Wichtig sei, dass die Beschränkungen für Biogas jetzt schnell aufgehoben würden. Auch die Gasnetz-Zugangsverordnung müsste angepasst werden, um Biomethan den Zugang in das Erdgasnetz zu erleichtern. Mit drei kurzfristige Maßnahmen ließe sich nach Ansicht des Fachverbandes Biogas e.V. das vorhandene Potenzial schnell heben:

  • Die Abschaffung der Höchstbemessungsleistung (also die Deckelung der Produktionskapazität)
  • Mehr Flexibilität beim Substrateinsatz
  • Weniger bürokratische Hürden und schnellere Entscheidungen bei Genehmigungen

Deutschland braucht mehr Unabhängigkeit

Die EU importiert rund 40 Prozent ihres Gases aus Russland. Deutschland führt mehr als die Hälfte aus Russland ein. Das macht die EU nicht nur abhängig von Russland. Sie setzt sich damit auch dem Vorwurf aus, den russischen Krieg gegen die Ukraine mit dem dafür gezahlten Geld zu finanzieren. Zuletzt hat die EU bis zu eine Milliarde Euro am Tag für Rohstoffe an Russland gezahlt. Um das zu ändern, will die EU-Kommission die Nutzung von Biomethan und auch Wasserstoff schneller vorantreiben als bisher geplant.

Die Abhängigkeit von russischem Erdgas

Die Abhängigkeit vom russischen Erdgas soll dafür als erster Schritt schon bis Ende dieses Jahres um zwei Drittel sinken. Dieses Ziel hat die Europäische Kommission in einem Strategiepapier zur Vorbereitung des Gipfeltreffens Ende vergangener Woche ausgerufen. „Wir haben uns geeinigt, die Abhängigkeit von russischen Gas-, Öl-, und Kohleimporten zu beenden“, heißt es in einem abgestimmten Entwurf für die „Erklärung von Versailles“.Die Biogas-Branche ist bereit, die von der EU vorgeschlagenen 35 Mrd. Kubikmeter bis 2030 zu liefern und fordert die Aufnahme dieses Ziels in die Neufassung der Richtlinie über erneuerbare Energien (RED III), die derzeit ausgearbeitet wird.

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