Buche-Totholz-Vitalitätsschwäche
Heidrun Mitze | am

Von der Freude, Waldbäuerin zu sein

Die ehemalige Schulleiterin Elisabeth Beermann ist seit ihrer Pensionierung eine Schülerin ihres Försters. Profitieren tut davon ihr Wald in Warmse. Für die 81-Jährige ist das Herausforderung und Rettungsanker zugleich.

Leichten Schrittes kommt mir Elisabeth Beermann entgegen, um mich auf ihrem Hof in Warmse im Landkreis Gifhorn zu empfangen. Seit 500 Jahren ist das bei Meinersen gelegene Anwesen in Familienbesitz, davon 350 Jahre unter dem Namen Nesemann. Dort verbrachte die 81-Jährige ihre Kindheit und Jugend, ging vor mehr als sechs Jahrzehnten zum Studium nach Braunschweig und wurde Lehrerin. Bis heute lebt die zweifache Mutter mit ihrem Ehemann in der gut 30 Kilometer entfernten Stadt und blieb doch mit ihrer Heimat eng verbunden. 1995 übernahm sie das Gehöft und machte es sich zur Aufgabe, den Familienbesitz zu bewahren, insbesondere den geliebten Wald.

Wie die Liebe zum Wald entstand

Adlerfarn-Alteichen-Altbuchen

Zum Hof gehören etwa 50 Hektar Ackerland, die die Eltern, Anna und August Nesemann, schon 1962 zum größten Teil verpachteten – nach dem tragischen Verlust von Wohnhaus, Pferde- und Kuhställen durch einen Großbrand. Nicht aufgebend stellten sie den Betrieb auf Selbstvermarktung um und bauten ein neues Wohnhaus am selben Platz. Die insgesamt 22,5 Hektar umfassenden Forstflächen bewirtschafteten sie jedoch weiterhin selbst, denn mit dem Wald verband sie eine große Leidenschaft, die sich auch auf Tochter und Enkelkinder übertrug.

Im Wald geborgen

Roteichen-rotes-Herbstlaub

„Als Kind habe ich mich hierher zurückgezogen und zwischen knorrigen Birken und Heidekraut meine Vokabeln gelernt,“ erinnert sich Elisabeth Beermann, als ich ihr strammen Schrittes in ein Waldstück folge, das sich nach einer Aufforstungsmaßnahme vor 17 Jahren nun in einen Mischwald verwandelt. Es ist ein armer sandiger Standort, ehemals stockten hier nur Kiefern und Birken. Denen haben die vergangenen Dürrejahre zugesetzt und viele Altbäume vertrocknen. Doch unter dem lockeren Altholzschirm wächst nun der neue Wald heran, vielfältiger und strukturreicher denn je. „Wir arbeiten uns Stück für Stück voran,“ sagt die Warmserin und meint den Umbau der Reinbestände in vielfältige und strukturreiche Wälder. Mit 60 Jahren absolvierte sie noch eine Landwirtschaftslehre. „Eine zusätzliche Forstwirtschaftslehre war mir dann aber doch zu viel“, sagt sie schmunzelnd. Mit ihren ambitionierten Vorhaben steht sie nicht allein, denn Förster Thorsten Schäfer, der in der Bezirksförsterei Meinersen noch weitere 320 Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer zu betreuen hat, unterstützt sie dabei nach Kräften.

imago0141844966h.jpg
Förster-Schäfer-Wildschutzzaun

In Waldbau und Pflege fehle es häufig an den Mitteln und Kapazitäten. Keiner könne hier große Gewinne erzielen. „Es ist schon gut, wenn sich der Wald selbst trägt, wenn man Brennholz umsonst hat und vielleicht mal den Überhalt nutzen kann“. Meist warte aber schon die nächste aufzuforstende Fläche und man müsse den Gewinn hinten wieder reinstecken.

Waldwandel in Etappen

Lärchenbestand-Warmse

Dennoch schafft es der Förster gemeinsam mit den Waldbesitzenden, jährlich Förderanträge auf Flächenumwandlungen in einem Umfang von 30 bis 35 Hektar zu stellen. So sollen nach und nach die noch vorherrschenden Kiefernreinbestände, die zunehmend mit Diplodia-Schäden belastet sind, in stabilere Mischwälder umgebaut werden. Bis zum Ende seiner Dienstzeit will er 1.000 Hektar, etwa ein Viertel seiner Betreuungsfläche, umgebaut haben. „Das ist unsere wichtigste Aufgabe“, sagt Schäfer überzeugt. „Im Klimawandel helfen uns keine neuen Baumarten. Wir können nur versuchen, für jeden Standort die am besten geeigneten Arten zu nehmen und müssen die Bestände viel inniger mischen, möglichst gar keine Reinbestände mehr belassen. Das ist das Einzige was hilft.“

Gleichgesinnte Verbündete im Forst

Beermann-Wagenknecht-Verbündete

Elisabeth Beermann ist dankbar, dass sie für das Experiment Waldumbau gleichgesinnte Verbündete hat. Es ist nicht nur ihr Förster, der sie unterstützt und berät. „Ich lernte durch Zufall Jörg Wagenknecht kennen und das war ein Glücksfall“, freut sie sich. „Der ehemalige Küchenchef der Autostadt in Wolfsburg ist heute ihre rechte Hand – wurde Hofverwalter und Forstdienstleister in einem. Diese Art von Ruhestand erfüllt den Koch und die Lehrerin gleichermaßen; der Wald sei ein spannendes Lehrstück, sind sich die beiden einig. Bis vor wenigen Jahren legte die rüstige Frau noch selbst Hand an. Inzwischen hat Wagenknecht die Kulturpflege weitgehend übernommen.

Aufwendige Kulturpflege

Buchen-Pflanze-Waldbesitzerin-Beermann

„Es ist ein riesiger Aufwand, die Baumpflänzchen am Leben zu erhalten“, sagt Wagenknecht, der nur zu gut weiß, dass mit der Baumpflanzung die ganze Arbeit noch längst nicht getan ist. Denn wahlweise erlangen auf den Flächen Brombeeren oder Adlerfarn die Oberhand und überwachsen die Kulturen mit langen Ruten und gefiedertem Blattwerk.

imago0140248310h.jpg

Im Gegensatz zur Jungbestandspflege ab zwei Meter Oberhöhe, wurde die Pflege der frisch gepflanzten Kultur bislang nicht gefördert. Es sei eine Pauschale fünf Jahre nach der Aufforstung geplant, erläutert Förster Schäfer, doch davon halte er nicht viel. „Sinnvoller wäre eine Unterstützung nach Aufwand“. Denn je nach Standort müssten die einen nichts unternehmen, während die anderen vielleicht schon mehrere Tausend Euro in die Pflege investiert hätten.

Wassermangel trifft den Wald schwer

Zwischen kräftig aufwachsenden Douglasien, Roteichen, Buchen und Lärchen erinnert sich Elisabeth Beermann an die Mühen, die die Kultur vor fast zwei Jahrzehnten kostete und an müde Knochen am Abend, nach tagelangem Säubern von Disteln und Farn. Längst sind die Bäume hier dem zarten Alter entwachsen. „Die Douglasien schießen richtig los; sie sind am anspruchslosesten; wachsen auf jeder Fläche und das bis ins hohe Alter, wenn man sie lässt“, zieht Förster Schäfer eine Zwischenbilanz. Auch die Roteichen wüchsen auf dem leichten Standort, der mit der Nährstoffzahl 3 bewertet ist, sehr gut. Schwieriger sei es hier mit der Buche. „Wir müssen sie bringen, damit wir die Fördermittel bekommen, aber richtig froh bin ich mit ihr nicht.“ „Gut sichtbar ist, dass die jungen Bäume in diesem Jahr genügend Feuchtigkeit hatten und besser wachsen konnten“, hat Jörg Wagenknecht beobachtet. Doch grundsätzlich hat der Standort mit einer Absenkung des Grundwassers zu kämpfen, infolge einer Flurbereinigung im Jahr 1962. Damals wurde Ödland in Ackerland umgewandelt und Kanäle für die Entwässerung gezogen. Das treffe heute vor allem die Altbäume, wie Eichen, deren Wurzeln kaum noch an den Grundwasserspiegel heranreichten, bedauern die drei Waldliebhaber.

Vielfalt geschaffen

„Insgesamt haben wir hier aber etwas etabliert, das mehr Power hat als der ehemalige Kiefern-Birken-Bestand, mehr Leistungsfähigkeit und eine größere Bandbreite“, sagt der Förster zufrieden. „Da sind wir auf dem richtigen Weg.“ Zusätzlich zu der etablierten Baumgesellschaft probierte die experimentierfreudige Elisabeth Beermann damals auch noch etwas Exotisches: Sie pflanzte Ginkgos, einen männlichen und einen weiblichen Baum. „Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, Früchte zu ernten“. Die seien in uralten Geschichten als fürchterlich stinkend beschrieben. Leider war der Wasserbedarf der Großpflanzen sehr hoch und die Versorgung trotz großer Mühen nicht ausreichend. Als sie dann außerdem erfuhr, dass die Bäume erst nach 50 Jahren fruchten, gab sie das Experiment auf. „Das ist so ein Hobby von Elisabeth, ab und zu mal ein paar Bäume persönlich zu pflanzen, mit mehr oder auch mal weniger Erfolg“, stichelt Jörg Wagenknecht und beide müssen lachen. „Vom Scheitern lernt man, nicht wahr?“ pariert sie, die sich von so etwas nicht so leicht unterkriegen lässt.

imago0105389956h.jpg

Freudenquelle Wald

Doch was bewegt eine Frau, die ein erfolgreiches Berufsleben hinter sich hat, zu so viel Engagement für den Wald, wissend, dass Aufwand und Ertrag in keinem günstigen Verhältnis stehen. Freude sei mit Geld einfach nicht aufzuwiegen, sagt sie. Der Wald ist ihr Rettungsanker für schwere Stunden, die sie erlebt, weil sie seit mehreren Jahren ihren schwerkranken Ehemann zu Hause pflegt. Dafür habe sie sich eine „Strohhalmliste“ zugelegt. Neben dem Aufschreiben kleiner Geschichten aus der Kindheit, stehe ein Gang durch den Wald ganz oben an. Angrenzend an die Mischkulturfläche hat Elisabeth Beermann in 2004 eine Weymouth-Kiefernkultur auf einem halben Hektar angelegt, die ihr einen kleinen Nebenverdienst einbringt. Vier Blumenläden im nahen Umfeld beliefert sie alljährlich mit den Zweigen der Stroben. „Das ist auch wieder so ein Hobby: viel Arbeit, wenig Geld“, neckt Jörg Wagenknecht seine „Chefin“, denn das mühsame Ernten der Zweige ist sein Job. „Man klebt überall. Die Säge klebt. Alles ist voller Harz.“ Verkauft werden die Zweige bundeweise und sie sind begehrt, weil sie schön duften und garantiert schadstofffrei sind. Wir fahren weiter zu einer 20 Jahre alten Buchenkultur, die einen besonders schweren Start hatte. Das Gemeine Geißblatt, auch „Jelängerjelieber“ genannt, nahm die Jungbäume in den Würgegriff. „Stämmchen für Stämmchen haben wir die Schlingpflanzen mit Lederhandschuhen herausgerissen“, sagt Elisabeth Beermann kopfschüttelnd. Wo das nicht vollends gelang, passten sich die Bäumchen den Einschnürungen an und entwickelten wunderliche Stammformen, die später bestenfalls als Spazierstöcke taugen.

imago0115466540h.jpg

Der nächste Haltepunkt ist ein gut gewachsener alter Lärchenbestand, einst unterständig mit Fichten durchsetzt. „Die haben sich die Borkenkäfer gegönnt“, bemerkt Förster Schäfer, wie auch einen angrenzenden Fichtenreinbestand. Eine Aufforstung mit Douglasie, Buche und Roteiche ist dort bereits in Planung und auch förderfähig, den Lärchenbestand mit Laubholz zu unterbauen, allerdings nicht, weil es sich noch um einen geschlossenen Bestand handelt.

Nicht alle Flächen können neu bepflanzt werden

Auf viel Naturverjüngung hoffen die drei an diesem Standort nicht und entdecken im Waldmoos dann doch einige Lärchenpflänzchen, die sich dem Licht entgegenstrecken. Es gebe bessere Standorte, an denen man auf Naturverjüngung warten und weniger zum Pflanzspaten greifen könne. „Das müsse man nutzen, denn alle Flächen können wir gar nicht bepflanzen“, sagt Schäfer. Jenseits des Lärchenbestandes bietet sich auf einer Lichtung ein märchenhaftes Bild: Umrahmt von alten Eichen taucht ein Meer aus Adlerfarn den Waldboden in herbstliche Gelb- und Brauntöne. Ehemals standen hier Fichten, die nach Borkenkäferbefall entnommen wurden. Für Förster Schäfer ist das ein Fall für das Lobo-Pflanzverfahren.

Innovatives Verfahren

Mit Hilfe eines Minibaggers, ausgerüstet mit Bohrer und einer Dosiereinrichtung für Kalk, werden dabei sogenannte Lobolöcher gebohrt, eine Kalkgabe eingebracht und mit der Erde vermischt. Die Löcher eignen sich für Großpflanzen, die in geringerer Stückzahl eingesetzt werden. Sie hätten beste Anwuchsbedingungen, ist Schäfers Erfahrung und sind der Konkurrenz des Adlerfarns schon entkommen, womit sich der Pflegeaufwand deutlich reduziert. Obwohl zunächst eine größere Investition nötig ist, sei dieses Verfahren unterm Strich sogar günstiger als das klassische. Ein Buchen-Altbestand, in dem viele Bäume Anzeichen der Vitalitätsschwäche zeigen und eine erst im letzten Jahr auf einer 0,4 Hektar großen Fichten-Schadfläche angelegte Laubholzkultur sind die letzten Punkte unserer kleinen Exkursion. Für die Wiederaufforstung des 4-er Standortes wurden Roteichen, Rotbuchen und Traubeneichen vorgesehen.

Die Fläche musste dazu zunächst gemulcht und die Pflanzreihen mit einem Doppelstreifenpflug vorbereitet werden. Anschließend wurde die neue Kultur mit einem Wildschutzzaun versehen. An dem besser versorgten Standort überzeugen erneut die Roteichen mit besonders gutem Wachstum, aber auch Buche und Eiche fühlen sich hier wohl. – Allerdings nur unter der Bedingung ausreichender Pflege, die Jörg Wagenknecht ihnen hier schon zwei Mal zukommen ließ. „Es ist Mühe und kostet viel Geld, aber die Freude, die mir der Wald in den letzten Jahren gemacht hat, die möchte ich nicht mehr missen“, sagt Elisabeth Beermann mit Blick auf die junge Kultur. „Etwas Besseres kann man sich doch gar nicht vorstellen“.

Produkte entdecken

Digitale Ausgabe

Jetzt bestellen
digitalmagazin

✓ Artikel merken und teilen

✓ exklusiv: Video und Audio

✓ Familienzugang

✓ 1 Tag früher informiert

Digitale Ausgabe

✓ Artikel merken und teilen
✓ exklusiv: Video und Audio
✓ Familienzugang
✓ 1 Tag früher informiert
 
Das könnte Sie auch interessieren

Inhalte der Ausgabe

  • Wir haben Züchtern der Rinderrasse Fleckvieh einen Besuch abgestattet
  • Ein Wolfsberater gibt sein Amt auf - warum?
  • Technik: wie finden Sie den richtigen Reifen zu Ihrem Boden?
  • Die Technikbranche steht vor ihrem größten Wandel: alles wird autonom
  • Kunst aus Wespennestern

JETZT DAS WOCHENBLATT KENNENLERNEN – GEDRUCKT ODER DIGITAL!

Reinschnuppern: 12 Ausgaben ab 10€

Jetzt bestellen