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Corinna Mayer | am

Abenteuer Chia-Anbau: Mit „Aztekengold“ die Nische finden

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Rebekka Stünkel und ihr Vater, Landwirt Bernd Scharei, haben zum ersten Mal Chia angebaut. Das hat so seine Tücken, aber auch blau-blühenden Erfolg.

Ein Feld im malerischen Büllerbü-Dorf Stöcken bei Rethem im Heidekreis sieht anders aus als die üblichen, die man so kennt. Zarte blaue Blüten wiegen an bis zu 1,20 Meter hohen grünen Pflanzen mit feinen Laubblättern im seichten Sommerwind. Was kann das nur sein? Chia – ist die richtige Antwort. „Man spricht es mit ‚Tsch‘ aus“, erklärt Rebekka Stünkel, die stolz mit ihrem Vater Bernd Scharein den Wuchs der Pflanzen begutachtet. In diesem Jahr haben sie den ersten Versuch gestartet, den Exoten Chia (stammt ursprünglich aus Mexiko und Zentralamerika) auf dem heimischen Acker anzubauen.

Auf der Suche nach einer Nische

„Im letzten Jahr ist meine Mama gestorben, mein Papa war schon immer ein ziemlicher Alleinkämpfer, aber seitdem noch viel mehr“, erzählt die 25-Jährige. Obwohl sie bis dato nicht wirklich einen Bezug zur Landwirtschaft hatte, greift die chemisch-technische Assistentin ihrem Vater unter die Arme und übernimmt die Büroarbeit des Hofes. Denn darum hatte sich sonst immer ihre Mutter gekümmert. Schnell stellt sie fest: „Mein Papa arbeitet von frühmorgens bis spätabends, auch an Weihnachten und trotzdem bleibt einfach wenig übrig.“ Sie macht sich Sorgen und beginnt die Suche nach einer Nische, die noch nicht so verbreitet ist und die somit noch Erfolgsaussichten haben kann.

Durch die LAND & FORST zur Idee Chia-Anbau

„Auf der LAND & FORST-Webseite bin ich dann letzten Herbst auf einen Artikel über Chia gestoßen, dort stand, dass die Uni Hohenheim die Chia-Sorte „Juana“ erforscht hat und die Züchtung vom Bundesortenamt zugelassen wurde“, erzählt Tochter Rebekka. Ein großer Schritt, denn lange galt der Chiaanbau in Deutschland als unmöglich, da Chia eine Kurztagespflanze ist. Um blühen und Samen bilden zu können, darf eine bestimmte Tageslänge nicht überschritten werden, was bei uns eigentlich erst im Herbst erreicht wird. Rebekka Stünkel greift zum Telefonhörer, ruft die Uni an, doch das Saatgut war schon vergeben. Man verblieb, dass sich die Uni Anfang 2022 wieder melden würde, was sie tat und sie gab Bescheid, dass das Saatgut an die Südwestdeutsche Saatzucht gegeben wurde. Rebekka Stünkel spricht mit der Firma, die ihr kurze Zeit später bestätigt, dass sie etwas von dem raren Chiasamen-Saatgut bekommen kann.

Das Abenteuer regionaler Chia-Anbau kann also beginnen. Nun heißt es nur noch, Papa Bernd zu überzeugen, denn der war erstmal nicht so einverstanden. „Ich musste mich schon überwinden“, gibt der Landwirt schmunzelnd zu. „Ganz nach dem Motto, was der Bauern nicht kennt, pflanzt er nicht an.“

Anbau auf 1,2 Hektar

Aber letztendlich – auch weil er sich freut, dass seine Tochter nun doch Interesse an der Landwirtschaft hat – läuft er mit dem Maßband über das Feld und bereitet 1,2 Hektar für den Chia vor. „Zuletzt wuchs dort Wintergerste und Zwischenfrucht“, erzählt der 61-Jährige. „Als Vorbereitung habe ich noch einmal Gülle ausgebracht, gepflügt und Kali gestreut. Das war’s.“ Am 15. Mai wurde gedrillt.

Eine Herausforderung auch für so einen erfahrenen Landwirt wie Bernd Scharein, denn es ist nur ein kleiner zwei Kilosack, der 1,2 Millionen keimfähige blauleuchtende Samen enthält. „Das war schon fummelig“, gibt er zu, der einen konventionellen Betrieb mit 72 Hektar Ackerbau (Weizen, Gerste, Roggen und seit letztem Jahr auch Dinkel), 50 Hektar Grünland (30 Hektar davon ohne Düngung und Pflanzenschutz) sowie 200 Tieren (Milchkühe und Bullen) betreibt.

Ungebetene Gäste Melde und Hirse

Doch es sollte nicht die letzte knifflige Angelegenheit in ihrer neuen Chia-Welt sein. Die nächste Überraschung kam schnell – in Form von Melde und später auch Hirse. Überall sprießt es auf dem Feld, wo es nicht soll. „Da ja noch keine Mittel zur Unkrautbekämpfung zugelassen sind, sind wir täglich durchs Feld gegangen und haben gezupft“, erzählt Rebekka Stünkel. Doch das war gar nicht so einfach, sie wollten mit den großflächigen Unkraut-Wurzeln nicht auch die zarten Chiapflanzen herausreißen. Sogar Freunde akquirierte die Tochter zum Zupfen, doch es war einfach nicht zu schaffen.

Regional und natürlich soll es sein

„Im nächsten Jahr müssen wir die Reihen breiter machen, sodass wir wenigstens mit der Hacke durchkommen und mechanische Unkrautbekämpfung einsetzen können“, so Bernd Scharein. Denn auch wenn irgendwann Spritzmittel zugelassen sein werden, wollen sie darauf verzichten. Ihr Chia soll regional und natürlich sein. „Momentan findet man im Supermarkt hauptsächlich Chiasamen aus Südamerika, da wäre es doch toll, regionalen ungespritzen Chia anbieten zu können“, erzählt Rebekka Stünkel ihre Wunschvorstellungen. Auch steht schon fest, dass sie ihre Samen auf jeden Fall selbst vermarkten wollen. „Vielleicht sogar in Gläsern, ich möchte möglichst auf Plastik verzichten.“

Starker Wassermangel

Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg, denn nach dem Unkraut kam die Wassertücke. „Wir sind ein Betrieb ohne Bewässerungssystem“, erklärt der Landwirt. Aber bei dem momentanen Wetter durstet der Chia stark. Die Sonne ist kein Problem, aber die fehlende Feuchtigkeit. „Papa hat sogar schon an so tüftlerische Sachen gedacht, wie mit einem Güllefass mit Wasser gefüllt, über das Feld zu fahren“, erzählt die Tochter. Doch sie wollten die Pflanzen nicht kaputtfahren. So wächst der Chia auf dem Feld sehr unterschiedlich, mal 50 Zentimeter hoch, aber auch mal über 1,20 Meter. Mal hat er starke Verzweigungen, mal ist er in die Höhe geschossen.

Blaue Blüten ziehen Insekten an

Ende Juli dann das Highlight: Die ersten zarten Blüten in Blau wurden sichtbar und zogen unzählige Bienen, Schmetterlinge und Co. an. Auch Passanten bleiben immer wieder stehen und fragen sich: Was ist das? Eine Infotafel über das „Gold der Azteken“ klärt auf. Chia ist vor allem reich an Ballaststoffen und pflanzlichen Omega-3-Fettsäuren. Zu vergleichen ist es am ehsten mit Leinsamen, die eine ähnliche Zusammensetzung der Nährwerte haben. Chiasamen werden in Müsli und Backwaren verwendet und sind beliebt in Puddings, Joghurts, Bowls etc.

Ernte Anfang Oktober

Schätzungsweise Anfang Oktober steht die Ernte an. Seit Monaten wird sich darum Gedanken gemacht. Mit dem Mähdrescher wird nicht auf Bodenhöhe, sondern weiter oben angesetzt. Danach muss der Chia erstmal getrocknet werden, denn die Feuchtigkeit muss unter acht Prozent liegen. „Wir haben überlegt, das vielleicht in Big Packs zu machen“, so Tochter Rebekka und dann steht schon die nächste Herausforderung vor der Tür, der Chia muss gereinigt werden. Da sind die Zwei noch auf der Suche nach einer geeigneten Maschine.

Ernte zwischen 500 und 800 Kilogramm

Und wie viel werden sie an Samen ernten können? „Ich denke so etwas zwischen 500 und 800 Kilogramm“, so Vater Bernd. „Auf der Anbauempfehlung war eine Tonne angegeben, aber davon gehen wir mit dem Unkraut und der Wasserknappheit jetzt mal nicht aus.“ Dieses Jahr sind sie froh, wenn sie kostendeckend arbeiten. „Das war uns klar, dass es erstmal ein Ausprobieren und Üben ist“, so Rebekka Stünkel. Auch, weil sie sich mit allem selbst helfen und oft spontan Lösungen finden müssen, denn weder die Landwirtschaftskammer noch das Landvolk können mit Rat zur Seite stehen. Dafür ist Chia einfach zu neu. „Bei der Landberatung, über die wir die Anträge stellen, waren sie komplett überfordert. Sie sagten da nur: Ich schreibe jetzt mal Salbei hin“, erzählen sie. Denn Chia gehört zu der Gattung des Salbei, was ein Lippenblütler ist, wie Minze, Lavendel etc.

Trotz dieser anfänglichen Holprigkeiten glauben die Zwei ganz fest an ihr Chia-Projekt. So hat Rebekka Stünkel auch erstmal ihren Lebensmittelpunkt von Hannover nach Stöcken verlegt, um mehr bei Papa und dem Chia-Anbau sein zu können. Ob sie eines Tages den Sprung komplett in die Landwirtschaft wagt, vielleicht sogar den Hof übernimmt, weiß sie noch nicht, das steht noch in den Sternen. Aber an dem Chia-Anbau bleiben sie und Papa Bernd auf jeden Fall dran. Es soll ihre Nische werden, die wer weiß, vielleicht eines Tages mehr als das ist.

Chiaanbau

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