Acker mit Zuckerrüben, viröse Vergilbung
Prof. Dr. Mark Varrelmann, Dr. Roxana Hossain,IfZ Göttingen,Dr. Kathrin Bornemann, Nordzucker AG | am

Notfallzulassungen Neonikotinoide - keine Dauerlösung

Die Viröse Vergilbung in Zuckerrüben war viele Jahre kein Thema mehr. Nach dem Verbot der neonikotinoiden Beizen ist das Risiko für einen Befall auch in Niedersachsen stark gestiegen.

Die Viröse Vergilbung in Zuckerrüben wurde ab Mitte der 1990er Jahre über eine Saatgutbeizung mit Neonikotinoiden zur Bekämpfung von Vektoren wie der Grünen Pfirsichblattlaus sehr gut kontrolliert. Durch das Wirkstoffverbot standen ab dem Anbaujahr 2019 Wirkstoffe aus dieser Gruppe nicht mehr zur Verfügung. 

Im zweiten Jahr des Anbaus ohne neonikotinoide Saatgutbeizung, also 2020, kam es bereits zu einem gravierenden Befall in den deutschen Zuckerrübenanbaugebieten mit unterschiedlicher Schwere der Ausprägung. Aufgrund des intensiven Befalls hat das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) für das Jahr 2021 in verschiedenen Bundesländern Notfallzulassungen für den Wirkstoff Thiamethoxam für die Saatgutbeizung einer begrenzten Anbaufläche erteilt.

Was ist die Viröse Vergilbung?

Die Viröse Vergilbung in Zuckerrübe ist ein Komplex aus unterschiedlichen Virusspezies. Zu den an der Zuckerrübe bekannten Vergilbungsviren werden in Europa das Beet mild yellowing virus (BMYV), das Beet chlorosis virus (BChV), das Beet yellows virus (BYV) und das Beet mosaic virus (BtMV) gezählt (Foto). Sie erzeugen unterschiedliche, teilweise spezifische Symptome am Blatt und können bei frühem und intensivem Befall für erhebliche wirtschaftliche Ertragsverluste verantwortlich sein.

Befallssituation 2020

Bereits im Jahr 2019 konnten bundesweit erste Befallsnester in verschiedenen Anbauregionen beobachtet werden. In 2020 wurde in Zuckerrübenanbaugebieten ein intensiver Befall beobachtet. In Regionen mit schwerem Befall wiesen mehr als 50 % der Flächen bis zu 5 % des Schlages Vergilbungssymptome auf.

Auch in Niedersachsen hat sich die Zahl der Flächen mit Virussymptomen 2020 deutlich erhöht. Besonders im Gebiet der Bezirksstellen Northeim, Uelzen und Braunschweig wurden 2020 bei Befallsüberwachungen auf mehr als 30 % und auf bis zu 80 % der Zuckerrüben-Anbaufläche Virussymptome festgestellt. Sie gelten deshalb für Niedersachsen als Starkbefallsgebiete.

Tefluthtin-Beize ist keine Bekämpfungsoption

Saatgutbeizung: Der nach dem Verlust neonikotinoider Wirkstoffe zur Verfügung stehende Wirkstoff Tefluthrin (Force 20 CS, Wirkstoffmenge Tefluthrin von 10g/U) besitzt keine Wirkung gegenüber Virusvektoren.

Notfallzulassung der neonikotinoiden Saatgutbeizung

Notfallzulassung der neonikotinoiden Saatgutbeizung: Aufgrund des verstärkten Auftretens von Viröser Vergilbung und den damit verbundenen erheblichen Ertragsrisiken wurden für den Anbau 2021 Notfallzulasssungen für die insektizide Saatgutausstattung mit Cruiser 600 FS (Wirkstoff Thiamethoxam) auf Antrag der Pflanzenschutzdienste bzw. der zuständigen Ministerien in verschiedenen Bundesländern erlassen.

In Niedersachsen wurden in Anbaugebieten mit einem höherem Befallsrisiko insgesamt 34.700 ha und in Schleswig-Holstein 1.500 ha der Einsatz von Cruiser 600 FS (Einzugsgebiet ZF Uelzen, Clauen, Schladen und Nordstemmen) genehmigt. Für den Anbau gibt es Auflagen, die auf der Webseite der LWK Niedersachsen eingesehen werden können. 

Kontrolle der Virusvektoren

Kontrolle der Virusvektoren mit insektizider Spritzapplikation: Um eine chemische Bekämpfung zu ermöglichen, wurden Monitoringsysteme mit entsprechenden Kontrollaufrufen etabliert. Der aktuelle Bekämpfungsrichtwert erlaubt erst nach Erstfunden/Auftreten der Grünen Pfirsichblattlaus im Zuckerrübenbestand in 10 % der Pflanzen bis BBCH 39 sowie der Schwarzen Bohnenlaus (30 % bis BBCH39, 50 % ab BBCH39 und bei deutlicher Koloniebildung bis BBCH 14 Behandlung bereits bei geringerer Befallshäufigkeit) eine Spritzapplikation von Insektiziden.

Aufgrund der bekannten Resistenzentwicklung der Grünen Pfirsichblattlaus gegen den Wirkstoff Pirimicarb auch in Deutschland, muss mit eingeschränkter Wirksamkeit gerechnet werden. Die Schwarze Bohnenlaus ist jedoch mit Pirimor Granulat bekämpfbar. Eine bessere Wirkung gegenüber versteckt sitzenden Blattläusen, insbesondere auf größeren Pflanzen, kann aufgrund der systemischen Wirkung mit dem Wirkstoff Flonicamid (Teppeki) erzielt werden.

Wie geht es weiter?

Notfallzulassungen sind keine dauerhafte Möglichkeit, Neonikotinoide am Saatgut anwenden zu können. Die Entwicklung von alternativen Strategien muss daher dringend weiterverfolgt werden.

Nur ein Monitoring des Auftretens von Vektoren erlaubt eine Kontrolle mittels Spritzapplikation, dabei sind jedoch zu wenige Wirkstoffe mit unterschiedlichen Wirkmechanismen vorhanden, um ein langfristiges Resistenzmanagement zu ermöglichen.

Forschung im Bereich der Weiterentwicklung von einfachen und kostengünstigen Monitoring- und Diagnosesystemen, Entwicklung alternativer Insektizide, biologischer Vektorkontrolle und Resistenzprüfverfahren ist dringend erforderlich.

Fazit

  • Rasante Zunahme der Vergilbungsviren.
  • Bei Frühbefall drohen in Befallsjahren hohe Ertragsausfälle.
  • Notfallzulassungen helfen nur vorübergehend weiter.
  • Risikominderung durch ein gezieltes Flächen-Monitoring.

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