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Werner Raupert | am

Passt die Sojabohne in die Börde?

Die Bauern der Hildesheimer Börde gelten als konservativ. Was sich einmal bewährt hat, wird nicht so schnell wieder infrage gestellt. Das gilt auch für die teilweise sehr engen Fruchtfolgen. Doch jetzt kommt Bewegung in die Sache.

Die Rübe hat jahrzehntelang auf den Sahneböden in der Börde die Bilanz gerettet und die Erlösdellen beim Weizen und Raps ausgeglichen. Diese Zeit ist aber jetzt endgültig vorbei. Die Rübe hat ihre relative Vorzüglichkeit verloren und ist wie andere Kulturen auch im Markt angekommen. Wirtschaftlich liegt sie nur noch knapp vor dem Weizen.

Diese veränderte Ausgangssituation trifft die Landwirte in der Hildesheimer Börde umso mehr, weil dort bis heute Großbetriebe eher die Ausnahme sind. Noch vor 20 bis 30 Jahren konnten dort noch reine Ackerbaubetriebe von 15 bis 30 ha leben. Das hat sich gewandelt, die Betriebe bewirtschaften heute vielfach 60 bis 100 ha. Bei hohen Pachtpreisen ist das Wachsen um jeden Preis bei den derzeit schwächeren Erlösen aber kaum lohnenswert.

Fruchtfolge: Intensive Früchte aufgegeben

Und der wirtschaftliche Druck nimmt zu. Das spürt auch Martin Helmke, der in Borsum bei Harsum einen 65 ha großen Betrieb mit 600 Mastschweineplätzen betreibt. Als sein Vater noch wirtschaftete, war der Hof mit 30 ha Eigenland noch sehr vielseitig aufgestellt. Kartoffeln und Gemüse wurden neben den Hauptfrüchten Zuckerrübe, Weizen und Gerste angebaut.

Diese intensiven Früchte wurden aber bereits Ende der 80er Jahre aufgegeben, weil das Wirtschaften mit Fruchtfolgen wie Rüben – Weizen – Gerste fast ebenso erfolgreich, aber mit weniger Arbeit verbunden war. Diesen Weg beschritten viele Betriebe in der Region und fuhren viele Jahre gut damit, denn Rübe, Weizen und Gerste brachten auf den besten Böden dank der sehr hohen Erträge gutes Geld. Heute denkt Helmke mit ein wenig Wehmut an die damalige Entscheidung zurück, denn mit der Aufgabe der Kartoffel und des Gemüseanbaus gingen auch die Vermarktungswege verloren.

Die Rahmenbedingungen haben sich heute entscheidend verändert. Wichtige Pflanzenschutzwirkstoffe gehen zurzeit durch Verbote verloren und Resistenzen nehmen zu. Dazu kommt der alles entscheidende Faktor Wasser, der in diesem Jahr auch auf den 100er Böden knapp war. Wie in vielen Regionen Niedersachsens sind über Winter und über die Wachstumsmonate zu wenig Niederschläge gefallen.

Bauern unter Zugzwang

Die Böden waren im Sommer bis 2 m Tiefe ausgetrocknet. Da kamen auch die Weizenwurzeln nicht mehr ran. Dementsprechend haben Bördebauern wie Martin Helmke in 2019 für ihre Verhältnisse eine schlechte Weizenernte mit Erträgen um die 80 dt/ha eingefahren. Andere Berufskollegen haben nach Angaben von Friedrich Wilhelm Hans, Beratergemeinschaft Hildesheimer Land, auf einzelnen Schlägen nach Rübenvorfrucht sogar nur 60 dt/ha geerntet. Da kann man schon von Missernten reden. Und die Zuckerrüben dürften auch nicht die erhofften hohen Erträge bringen.

Durch die zugespitzte Situation auf den Höfen mit niedrigen Erträgen und schwachen Preisen kommen auch die Bauern auf den besten Böden unter Zugzwang. So denken Hans und Helmke schon seit längerem darüber nach, welche Früchte zur Auflockerung in die oft engen Fruchtfolgen pro-blemlos integriert werden können. Voraussetzung: Sie müssen sparsam mit dem Wasser umgehen und dennoch akzeptable Erträge bringen. Auch der Bau von Beregnungsanlagen ist nicht mehr so abwegig.

Auf Sojabohne fixiert

Martin Helmke hat schon konkrete Vorstellungen, wie er seine Fruchtfolge auflockern will. Die Zuckerrübe und die Wintergerste bleiben gesetzt, aber beim Stoppelweizen könnte er durchaus die Fläche kürzen. Eine Alternative dafür wäre z.B. der Einstieg in den Anbau von Dinkel. Hier werden zurzeit noch Flächen in der Region gesucht. Positiv ist, dass Dinkel ähnlich wie Weizen geführt werden kann. Erfahrungen liegen auch schon mit Körnermais vor. Hier stören Helmke aber die hohen Trocknungskosten und die großen Mengen an organischer Masse nach der Ernte.

Zusammen mit Friedrich-Wilhelm Hans hat er sich nun auf den Anbau von Sojabohnen fixiert. Um erste Erfahrungen auf den tiefgründigen Böden zu sammeln, haben die beiden auf einer kleinen Parzelle am 23. April die drei sehr frühreifen Sojasorten Merlin (000), Sculptor (0000) und ES Comandor (000) sowie die frühreife Sorte ES Mentor (00) bei besten Bodenbedingungen mit 70 Körnern/m2, einem Reihenabstand von 16,6 cm und 4 cm Tiefe ausgedrillt. Der enge Abstand wurde laut Helmke bewusst gewählt, um einen zu tiefen Hülsenansatz zu vermeiden.

Sojaanbau – "mit ersten Versuchen zufrieden"

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Das ungebeizte Saatgut wurde vorab mit Hi-Stick-Rhizobien geimpft, damit sich die erwünschten Knöllchenbakterien ausbilden können, die den Stickstoff aus der Luft binden sollen. Eine N-Düngung kann somit bei Soja unterbleiben. Der zu erwartende Unkrautdruck durch Hirse und Nachtschatten wurde mit einer Vor- auflauf-Herbizidbehandlung aus Artist 1,5 l/ha + Spectrum 0,5 l/ha unterbunden.

Anfang Mai ist die Saat aufgelaufen, wobei die sehr frühe Sorte Merlin die Nase vorn hatte. Am 24. Juni hatten sich die Bestände geschlossen und am 15. Juli wurden die ersten Hülsen registriert. „Insgesamt sind wir mit unseren ersten Versuchen sehr zufrieden“, zog Hans ein positives Zwischenfazit. Auffällig sei, so der Berater, dass die Sojabohne bis Anfang August gut mit den extremen Witterungsbedingungen zurechtgekommen ist. Trockenstressreaktionen wie bei Rüben gab es nicht. Und auch gegenüber Schädlingen zeigte sich Soja sehr widerstandsfähig.

"Wir müssen neue Wege gehen"

60 Pflanzen/m2 wurden gezählt, wobei im Mittel jede Pflanze zehn Hülsen angesetzt hat. Die ersten Hülsen wurden im Durchschnitt erst ab einer Höhe von 10 bis 15 cm ausgebildet, was den Druschvorgang erheblich erleichtern könnte. Pro Hülse hat Hans drei Körner gezählt. Bei einem TKG von rund 200 g hat er daraus einen Ertrag von etwa 3,6 t/ha errechnet. „Das ist nicht schlecht in diesem Jahr, aber eigentlich müssen wir mindestens 4 t/ha ernten, um klar zu kommen“, ordnete er die theoretischen Zahlen ein. Bei einem Preis von rund 365 €/t wäre unter diesen Bedingungen somit ein Umsatz von rund 1.400 €/ha möglich.

„Wir müssen neue Wege gehen, wollen aber nichts überstürzen“, zeigte sich der Berater überzeugt von solchen Versuchen. Vor dem Einstieg müsse aber erst ein Vermarkungspartner gefunden werden. Der wiederum benötigt auch eine gewisse Mindestmenge, mit der er planen kann. Das heißt, es sind im Vorfeld noch etliche Interessenten aufzuspüren, die den Einstieg in den Sojaanbau vor Ort wagen wollen. Als Vermarkter kommen lokale Partner wie der Landhandel Weiterer und die Agravis infrage.

2020 Einstieg in Sojaanbau

Mittlerweile sind die Sojaversuche abgeerntet. Das vorab errechnete Ertragspotenzial wurde zum Teil übertroffen. Schon am 2. September ernteten die Versuchsansteller 3,3 t/ha Sculptor mit 15 % Feuchte, am 14.9. rund 4 t/ha Merlin mit 16,5 % Feuchte sowie 4,1 t/ha Comandor mit 13,8 % Feuchte. Die Inhaltsstoffe lagen mit 38,5 % Rohprotein und 21,8 % Öl auf einem guten Niveau.

Martin Helmke hat sich entschieden, 2020 mit 2 bis 3 ha in den Sojaanbau einzusteigen. Hans hat in seinem Beratungsring weitere Einsteiger gefunden. 2020 wollen 15 Anbauer in einem Arbeitskreis die neue Frucht im Feldanbau ausprobieren. Dabei sind z.B. auch frustrierte Rapsanbauer, die trotz der hohen Aufwendungen und Intensität in den letzten Jahren durch den hohen Schädlingsdruck keine akzeptablen Erträge mehr erreicht haben.

Thema der Woche

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  • Tierhaltung: Tierwohl in der Hähnchenmast
  • Pflanzenbau: Auf Fehlersuche bei der Düngung
  • Leben auf dem Land: Beef Kings - Rindfleisch aus Bötenberg

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