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Heinz Bremeyer, LWK Niedersachsen | am

Wintersaaten sind stark gefährdet

Jedes Jahr gefährden Insekten als Virusüberträger (Vektoren) unsere Getreidebestände. Da die Ausgangspopulation in diesem Herbst hoch ist, stellt sich die Frage, wie wir Ertragsverluste durch Virusüberträger verhindern können?

Blattläuse als Überträger des Gerstengelbverzwergungsvirus und neuerdings Zikaden, die das Weizenverzwergungsvirus übertragen, können im Wintergetreide erhebliche Ertragseinbußen verursachen. Um die aktuelle Lage richtig einzuschätzen, geben wir einen Überblick über die Befallssituation und notwendige Bekämpfungsmaßnahmen. Um welche insektenübertragbaren Getreideviren handelt es sich im Einzelnen?

  • Gerstengelbverzwergungsvirus (Barley yellow dwarf virus – BYVD). Dieses Virus gehört derzeit zu den ökonomisch bedeutsamsten Viruserkrankungen im Wintergetreide. Gefährdet sind alle Wintergetreidearten, insbesondere die Frühsaaten. Hier können je nach Saattermin und Befallssituation schnell Ertragsverluste von bis zu 50 % und im Extremfall darüber hinaus auftreten. Dieses Virus wird neben der Hafer- und Maisblattlaus vor allem durch die sehr robuste Große Getreidelaus übertragen.
  • Weizenverzwergungsvirus (Wheat dwarf virus – WDV). Dieses Virus wird von der Wandersandzirpe (Psammotettix alenius) übertragen. Die Wandersandzirpe ist eine von über 630 in Deutschland vorkommenden Zikadenarten. Diese Art gewinnt in den letzten Jahren durch klimatische Veränderungen bei uns immer mehr an Bedeutung. Auch dieses Virus kann ebenfalls zu erheblichen Ertragseinbußen führen.

Welches sind die maßgeblichen Faktoren für die Intensität der Virusausbreitung?

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Primär spielen die Vektorendichte (Anzahl der Blattläuse) und die Anzahl der Infektionsquellen die größte Rolle. Infektionsquellen sind z.B. Ungräser am Wegrand, Ausfallgetreide oder Zwischenfrüchte mit Getreideanteil bzw. Ausfallgetreide.

Eine erhöhte Infektionsgefahr für die Getreidebestände im Frühjahr besteht, wenn die Blattläuse nicht im Holozyklus, sondern im Anholozyklus (Lebendüberwinterung) überwintern. Dies geschieht in der Regel in milden Wintern. Wenn dann noch der Blattlausflug sehr früh beginnt, können die virustragenden Blattläuse sofort das Virus in der Fläche verbreiten und somit ein hohes Viruspotenzial etablieren.

Wenn nach der Getreideernte potenzielle Infektionsquellen in Form von Ausfallgetreide als "grüne Brücke" zur Verfügung stehen, werden diese mit Virus infiziert. Das zeigt sich in diesem Herbst sehr deutlich, denn erste Analysen weisen einen hohen Virusbefall von bis zu 46 % im Ausfallgetreide aus. Von hier aus wird das Virus dann durch geflügelte Blattläuse in die Neuansaaten weiterverbreitet.

Zwei Kriterien

Für eine Gefährdungsbeurteilung der Neuansaaten sind zwei Kriterien von besonderer Bedeutung:

  • Wie intensiv ist der Flug der mit Virus beladenen Blattläuse? Hier zeigen die vom Pflanzenschutzamt betreuten stationären Saugfallen ab Mitte September eine ähnliche, überdurchschnittliche Steigerung des Blattlausfluges wie im letzten Jahr. Die weitere Entwicklung bleibt zu beobachten.
  • Wie hoch ist die Befallssituation mit Virus im Ausfallgetreide? Im Vergleich zu den Vorjahren ist das Infektionspotenzial in den Ackerbauregionen Niedersachsens aktuell hoch. Die Laboranalysen zeigen einen durchschnittlichen Befall mit 7 % BYVD und 3 % WDV, wobei allerdings auch beachtliche Werte mit 46 % BYDV und 27 % WDV zu finden sind.

 

Was ist zu tun?

  • Ab Auflaufen des Getreides bis zur Vegetationsruhe sollte eine intensive wöchentliche Bestandskontrolle auf Blattlausbefall durchgeführt werden. Eine Bekämpfung ist angeraten, wenn ohne langes Suchen Blattläuse gefunden werden.
  • Zum Einsatz kommen Mittel mit entsprechender Indikation „Blattläuse als Virusvektoren“ (Tabelle). Eine sehr frühe Behandlung (vor ES 12 bis 13) lässt bei deutlichem Blattzuwachs und späterem Flughöhepunkt wegen mangelnder Wirkungsdauer (Pyrethroide etwa sieben Tage) keine ausreichende Wirkung erwarten.
  • Hinzu kommt, dass die Pyrethroide nur eine Kontaktwirkung haben und die neu zugewachsene Blattmasse ungeschützt ist. Dann wäre eventuell eine Zweitbehandlung erforderlich. Normalerweise soll bei Schwellenüberschreitung mit einer Maßnahme ab dem 3-Blattstadium die Sekundärverbreitung des Virus innerhalb des Bestandes durch die Nachkommen der zugeflogenen Blattläuse verhindert werden.
  • Nur wenn schon vorher sehr hohe Besatzdichten mit Blattläusen festgestellt werden, ist eine zeitnahe frühe Bekämpfung angeraten. Aus Resistenzgründen sollte bei einer notwendigen Zweitbehandlung das in Gerste zugelassene Mittel Teppeki zum Einsatz kommen. 
  • Leider gibt es keine zugelassenen Insektizide mit der Indikation „Zikaden als Virusvektoren“. Diese lassen sich nach Versuchserfahrungen auch nur sehr schwer bekämpfen. Wahrscheinlich haben die Zikaden durch ihre hohe Mobilität (springende Fortbewegung) wenig Kontakt mit dem Spritzbelag und nehmen zu wenig Wirkstoff auf.

Vorbeugend eingreifen

Zu den vorbeugenden Maßnahmen gegen Virosen im Getreide zählen:

  • konsequente Beseitigung des Ausfallgetreides,
  • frühe Saattermine erhöhen das Infektionsrisiko erheblich,
  • Anbau BYDV-toleranter Wintergerstensorten wie z.B. Sensation oder Paradies.

 

Fazit:

  • Im Getreide treten zwei unterschiedlichen Viren auf.
  • Viruskrankheiten können erhebliche Ertragseinbußen verursachen.
  • Das Gerstengelbverzwergungsvirus (BYDV) wird durch Blattläuse übertragen.
  • Das Weizenverzwergungsvirus (WDV) wird von einer Zikadenart übertragen.
  • In den beiden vergangenen milden Wintern konnten die Blattläuse als lebende Insekten überdauern.
  • In diesem Herbst ist das Viruspotenzial im Ausfallgetreide überdurchschnittlich hoch.
  • Es ist aktuell von einer hohen Gefährdung der Wintersaaten durch Virosen auszugehen.
  • Intensive Bestandskontrollen auf Blattlausbefall sind angeraten.

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