Nutztierstrategie-Niedersachsen_B_CDL
Christa Diekmann-Lenartz | am

Abbau der Tierhaltung in viehdichten Regionen geplant

Niedersachsens Tierhalter stehen enorm unter Druck – von vielen Seiten. Die Landesregierung will den Umbau der Tierhaltung unterstützen und stellte dazu seine Nutztierstrategie vor. Sie stößt aber auch auf Kritik.

Das Land Niedersachsen hat seine eigene Nutztierstrategie im Kabinett vorgestellt. Niedersächsische Tierhalter sollen damit eine Perspektive und eine verlässliche Weichenstellung für die Zukunft erhalten. Zu finden im Strategiepapier sind allerdings auch viele Forderungen in Richtung Berlin.

Auf Nachfrage teilte das Landwirtschaftsministerium Hannover (ML) mit, dass gerade bei der Finanzierung des Umbaus der Tierhaltung in erster Linie der Bund gefragt sei. In diesem Sinne hat Niedersachsen gleichzeitig eine Bundesratsinitiative auf den Weg gebracht. Darin wird die zügige Realisierung einer Tierwohl-Abgabe nach den Vorschlägen der Borchert-Kommission angemahnt. An der Erstellung dieser Vorschläge war Niedersachsen maßgeblich beteiligt.

Bekenntnis zur Nutztierhaltung?

Mit seiner vergangene Woche veröffentlichten Nutztierstrategie bekennt sich die Niedersächsische Landesregierung zur landwirtschaftlichen Nutztierhaltung in unserem Bundesland. Niedersachsen nehme diesbezüglich eine führende Stellung in Deutschland ein. Eine nachhaltige und zukunftsfähige Gestaltung der Nutztierhaltung habe für die niedersächsische Landesregierung oberste Priorität, heißt es.

Anerkannt wird, dass die Nutztierhaltung vor allem in den nordwestlichen Landesteilen das wirtschaftliche Rückgrat der Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie der ländlichen Räume bildet. Benannt werden aber auch das ökonomisch schwierige Umfeld, in dem sich die Betriebe bewegen, sowie die gestiegenen gesellschaftlichen Erwartungen im Hinblick auf Tierwohl oder Nachhaltigkeit bzw. die neuen rechtlichen Anforderungen. Mit der Nutztierstrategie will Niedersachsen den Prozess für eine langfristige Verbesserung der Nutztierhaltung anstoßen.

Abbau von Tierbeständen in viehdichten Regionen

Ein Strukturbruch soll vermieden werden, er hätte weitreichende negative Auswirkungen auf den ländlichen Raum. Insgesamt werde deutlich, so heißt es im Papier, dass die landwirtschaftliche Nutztierhaltung den gesellschaftlichen Erwartungen nur sehr eingeschränkt gerecht werde und in der Folge erheblich an gesellschaftlicher Akzeptanz eingebüßt habe.

„Will sie sich wieder in der Mitte der Gesellschaft verankert sehen, muss sie – ggf. auch um den Preis von Bestandsabstockungen und einer geringeren Ressourceneffizienz – besser als bislang die gesellschaftlichen Erwartungen erfüllen“, so der Wortlaut.

Angestrebt werde eine gleichmäßigere, die Schließung von Stoffkreisläufen erleichternde und die Emissionssituation entlastende regionale Verteilung der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung. Dies werde konsequenterweise mit dem Abbau von Tierbeständen in den viehdichten Regionen einhergehen.

Aufbau der Tierhaltung in vieharmen Regionen

Im Gegenzug wird die Stärkung der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung in vieharmen Landesteilen angestrebt – inklusive regionaler Schlachtung und Vermarktung. Zu diesem Zweck sollen „Modellregionen nachhaltige Nutztierhaltung“ etabliert werden.

Im Fokus sollen gesellschaftlich akzeptierte, besonders tiergerechte und flächengebundene (maximal 2 Großvieheinheiten/ha) Formen der Nutztierhaltung stehen. Diese sollen gefördert werden.

Tatsache sei, so das ML, dass es den Wunsch der Verbraucher nach mehr Regionalität gebe. Nach Einschätzung des ML werde mit der Etablierung der Modellregionen der Rückhalt für die Tierhaltung in den vieharmen Regionen bei der Bevölkerung und bei den Landwirten vor Ort wieder wachsen.

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Weiterentwicklung des Umwelt- und Baurechts

Das Land Niedersachsen bekennt sich in dem Strategiepapier aber auch zu Innovationen in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung und strebt einen Ausbau der Innovationsführerschaft an, die die niedersächsische Agrarbranche innehabe. Auch hier sei Ziel, Ökologie, Tierwohl und Ökonomie besser als bislang in Einklang zu bringen und auch hierfür gibt es Fördermittel.

Daneben setzt die niedersächsische Nutztierstrategie auf die Weiterentwicklung des Umwelt- und Baurechts sowie den intensiven Dialog mit Landkreisen aus viehdichten Regionen. In Abstimmung mit dem Umweltministerium werde derzeit einen Erlass vorbereitet, mit dem die Genehmigungsbehörden mit einem Blick prüfen könne, ob ein Bauantrag im Bereich Sauenhaltung mehr Tierwohl ermögliche.

Der „Runde Tisch landwirtschaftliches Bauen/Genehmigungsverfahren“ habe bereits getagt, so das ML. Begleitet werden soll die Nutztierstrategie ansonsten von einem Dialogprozess, an dem Vertreterinnen und Vertreter aus Landwirtschaft, Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutz sowie Handel beteiligt werden sollen.

Kritik an Umverteilungsplänen

Auf Unverständnis und Kritik stieß die Niedersächsische Nutztierstrategie beim Agrar- und Ernährungsforum Oldenburger Münsterland, AEF. Beim AEF-Vorsitzenden Uwe Bartels löste das Papier „nur ungläubiges Kopfschütteln aus“, sagte er.

„Wie kann das Ministerium zu einer Zeit, in der die Veredelungsregionen sich konstruktiv an der Neuausrichtung der Tierhaltung einbringen,(…), den Rückbau der Tierhaltung und deren Verlagerung einschließlich der vor- und nachgelagerten Bereiche in die Ackerbauregionen des Landes als Zielvorgabe postulieren?“, fragte er.

Die Landesregierung sei sich immer der Bedeutung der boomenden Wirtschaftsregion Oldenburger Münsterland bewusst gewesen und hier insbesondere des Clusters Agrar– und Ernährungswirtschaft. Ebenso sahen sowohl die Landesregierung als auch das AEF die Notwendigkeit der Neuausrichtung der Tierhaltung zu einer nachhaltigen, tierwohlgerechten und gesellschaftlich akzeptierten Produktion als vorrangig an. Dazu sei auch vor vier Jahren der Transformationsverbund „Trafo-Agrar“ am Standort Vechta eingerichtet worden.

Innovationen vor Ort entwickelt

Die Region sollte ihre Stärken in Zusammenarbeit mit der Wissenschaft nutzen, um für die Transformation in der Agrar- und Ernährungswirtschaft beispielhaft die eigene Neuausrichtung zu betreiben und auch für andere Regionen und Länder als Blaupause zu dienen.

Viele Innovationen im Bereich der Haltungssysteme, der Robotik, der Digitalisierung, der Treibhausgasreduzierung, der Tierwohlverbesserung, Güllereduzierung, Aufbereitung von Gülle und Gärresten, seien von den Unternehmen bis zur Einsatzreife gebracht worden. Nach Einschätzung von Bartels verabschiede sich der jetzt veröffentlichte Strategieplan aus dieser gemeinsamen Zielsetzung.

Enttäuschend sei, dass eigenständige Lösungen zur Erleichterung von Um- und Neubauten von Ställen ohne Erhöhung der Tierzahlen nicht angesprochen würden. Bartels verwies darauf, dass das Landeskabinett die Vorlage zur Kenntnis genommen, aber noch nicht beschlossen habe. Das AEF hoffe, dass über den Strategieplan des Ministeriums noch verhandelt werden kann, bevor er tatsächlich vom Kabinett beschlossen werde.

"Landesregierung ist auf dem Holzweg"

Auch Dr. Torsten Staack, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands, ISN, übte Kritik an dem Vorhaben, den Abbau der Viehbestände in den viehstarken Regionen voranzutreiben und einen Aufbau in den vieharmen Regionen zu fördern:

„Damit ist die Landesregierung auf dem Holzweg.“ Er sah in diesen Plänen eine Schwächung der erfolgreichen Wertschöpfungsketten im Nordwesten des Landes. Der Strukturwandel sei ohnehin stark in Gange, das Land dürfe diesen nicht noch befeuern.

Begrüßt wurde von der ISN die Bundesratsinitiative Niedersachsens. Entscheidend sei dabei aber, dass sich die Initiativen aus den Ländern und dem Bund nicht gegenseitig behindern und die Fäden am Ende zu einem Gesamtkonzept zusammengeführt würden, so die ISN.

Mit Material von ISN, AgE

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