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Laura Schneider | am

Biosicherheit: Nicht erst auf den Seuchenfall warten

Biosicherheit ist nicht nur im Seuchenfall wichtig, sondern schützt Tierbestände generell vor Infektionserregern. Tierarzt Dr. Jörg Willig erklärt, wie sich Biosicherheitsmaßnahmen praktikabel im Rinderbetrieb umsetzen lassen.

Corona, Geflügelpest, Afrikanische Schweinepest – Zoonosen und Tierseuchen sind in aller Munde. Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen begleiten uns im Alltag. Im Rinderbereich gibt es zum Glück derzeit kein akutes Seuchengeschehen, doch Biosicherheit ist auch hier ein wichtiges Thema. Sie schützt Bestände generell vor Infektionserregern, nicht nur im Seuchenfall. Das verdeutlichte Dr. Jörg Willig vom Rindergesundheitsdienst der LUFA Nord-West kürzlich bei einem Onlineseminar des Netzwerks Fokus Tierwohl.

Leitfaden Biosicherheit als Orientierungshilfe

Anders als bei Schwein oder Geflügel mit der Schweinehaltungshygiene- und der Geflügelpestschutzverordnung gibt es für Rinder keine allgemeingültigen Regeln zur Biosicherheit. Eine Orientierungshilfe bietet aber laut Willig der Leitfaden „Biosicherheit in Rinderhaltungen“. Rinderbetriebe unterscheiden sich stark in Größe, Form und Management, sodass betriebsspezifische Biosicherheitskonzepte nötig seien. Dem versuche der Leitfaden gerecht zu werden und einheitliche Empfehlung zur Biosicherheit zu geben – unterteilt in drei Stufen vom Mindeststandard (Stufe 1) bis zum „Goldstandard“, also dem Idealzustand einer möglichst hohen Biosicherheit (Stufe 3). Dabei unterscheidet er zwischen vier Bausteinen, auf die Willig in seinem Vortrag einging:

Baustein 1: Personen- und Fahrzeugverkehr

Zur Biosicherheit im Bereich Personen- und Fahrzeugverkehr zählt Willig zufolge, dass: 

  • keine unbefugten Personen das Betriebsgelände betreten (sicherstellen durch Warnschilder oder Tore)
  • nur saubere Fahrzeuge auf das Gelände fahren,
  • und Personen die Ställe nur in sauberer, am besten betriebseigener, Schutzkleidung betreten. Willig betonte, dass es Aufgabe des Betriebsleiters ist, hier entsprechende Voraussetzungen zu schaffen, indem er Schutzkleidung, Umkleide und Reinigungsmöglichkeiten stellt. Dazu gehöre auch ein Wasseranschluss mit entsprechendem Wasserdruck, um Stiefel inklusive Sohlen zu reinigen. Bei Stiefelputzmaschinen oder Desinfektionswannen sei der Betriebsleiter dafür verantwortlich, dass sie sinnvoll platziert sind, sodass Besucher und Mitarbeiter sie nutzen, und dass sie entsprechend gepflegt werden. „Sonst wird eine Desinfektionswanne zur Infektionswanne.“

Willig rief die Landwirte auf, regelmäßig gezielt mit einem kritischen Blick durch den eigenen Betrieb zu gehen, um Risikobereiche zu identifizieren – gerne auch einmal im Jahr gemeinsam mit dem Tierarzt.

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Baustein 2: Tierverkehr

Im Hinblick auf den Tierverkehr ist laut Willig Folgendes zu beachten:

  • Umgang mit kranken Tieren: Landwirte sollten kranke Tiere nie zu gesunden versetzen. Die Gefahr, dass sich die Krankheitserreger im Betrieb ausbreiten, lässt sich minimieren, indem kranke Tiere separiert werden, im Idealfall in einem Isolierstall.
  • Umgang mit Falltieren: „Tote Tiere kommen auf jedem Betrieb vor, aber jeder Kadaver ist ein potenzielles Biosicherheitsrisiko“, betonte Willig. Landwirte seien verpflichtet, Kadaver so zu lagern, dass keine Gefahr für Mensch, Tier und Umwelt besteht. Um den Kontakt zu Tieren, Personen und Fahrzeugen möglichst gering zu halten, ist der Mindeststandard ein separater, möglichst befestigter Lagerplatz für Kadaver nahe der Betriebsgrenze. Die Zufahrt sollte im Idealfall so möglich sein, dass der LKW der Tierkörperbeseitigungsanlage Kadaver abholen kann, ohne über das gesamte Betriebsgelände zu fahren und dabei möglicherweise Erreger einzuschleppen und zu verbreiten.
  • Tiertransporte: Auch bei innerbetrieblichen Transporten können Erreger übertragen werden – sowohl in betriebsfremden als auch in eigenen Fahrzeugen, wenn zum Beispiel vor der Fahrt zum Jungviehstall eine kranke Kuh transportiert wurde. Fahrzeuge sollten daher immer gereinigt und gegebenenfalls desinfiziert werden.
  • Schutz vor Kontakt mit Wildtieren: Es sollten keine Tiere aus den Stallungen entweichen und keine Wildtiere eindringen können.
  • Zukauf von Tieren: Dieser birgt laut Willig immer das Risiko, „Krankheiten einzukaufen“. Landwirte sollten daher möglichst den Gesundheitsstatus des Herkunftsbetriebes kennen und darauf achten, dass zugekaufte Tiere beim Einstallen nicht einmal durch den gesamten Stall laufen. Im Idealfall sollten sie die ersten zwei bis drei Wochen in einem Quarantäne- oder Isolierstall verbringen. Danach könne man zumindest die meisten Erreger für Atemwegs- und Darmerkrankungen ausschließen.

Baustein 3: Tiergesundheitsmanagement

Unter den Baustein Tiergesundheitsmanagement fällt die Verbesserung der Herdengesundheit und die Früherkennung von Krankheiten. Dazu gehören:

  • die Beurteilung der allgemeinen Tiergesundheit (Tierbeobachtung und Auswertung produktionsbiologischer Daten),
  • fachliche Begleitung durch Klauenpfleger, Fütterungsberater oder Tierarzt (integriertes Bestandsbetreuungsprogramm mit Fokus auf Prophylaxe),
  • Tierseuchenmonitoring und schnelle Reaktion bei Gesundheitsproblemen (in Zusammenarbeit mit dem Tierarzt),
  • sowie, wo möglich, Reinigung und Desinfektion, um den Infektionsdruck zu senken (leere Buchten, Kälberboxen).
Schweinestall-Zaun

Baustein 4: Landwirtschaftliches Bauen

Dem Leitfaden zufolge werden die Voraussetzungen für die Umsetzung der Biosicherheitsmaßnahmen schon beim Stallbau geschaffen. Willig räumte ein, dass Betriebe in den meisten Fällen nach und nach wachsen, was es erschwert, Biosicherheit in die Bauplanung einzubeziehen.

Gewisse Punkte könne man aber dennoch berücksichtigen, zum Beispiel den Weg des Viehhändlers: Wenn die Iglus der Bullenkälber an einer Stelle getrennt von den weiblichen Kälbern stehen, kann der Viehhändler gezielt dorthin fahren, ohne den übrigen Betrieb zu durchqueren. „Das bedeutet zusätzlichen Aufwand bei der Versorgung der Kälber, hat aber seine Berechtigung, wenn man an Biosicherheit denkt.“ Weitere Beispiele sind Zugangsbegrenzungen oder desinfizierbare Flächen, zumindest in sensiblen Bereichen wie Kälber- oder Abkalbebereich.

Besonders sensible Bereiche im Rinderbetrieb

In diesen beiden Bereichen sieht Willig eine besonders große Gefahr, Erreger innerhalb des Betriebes zu verschleppen:

  • Abkalbestall: Auch bei einer gesunden Abkalbung könnten viele Erreger ausgeschieden werden – beispielsweise mit einer gesunden Nachgeburt 108 infektiöse Einheiten des Q-Fiebererregers Coxiella burnetii. Auch der Erreger Neospora caninum, der bei Milchkühen Aborte verursacht, wird über die Nachgeburt weitergegeben. Eine besondere Gefahr sind hier Hunde, die die infizierte Nachgeburt fressen und anschließend über ihren Kot übertragen. Willigs Tipps für den Abkalberbereich lauten:
  • Kritisch hinterfragen, ob es Probleme gibt mit Nabelentzündungen oder Durchfall bei Kälbern beziehungsweise bei den Kühen Gebärmutterausfluss kurz nach dem Kalben oder Mastitiden aus der Trockenstehphase. In diesem Fall lohne es sich, das Management im Abkalbebereich zu überdenken.
  • Den Abkalbebereich regelmäßig misten und mindestens ein bis zweimal im Jahr auskärchern und desinfizieren.
  • Die Abkalbebucht ist keine Krankenbucht. Sie sollte nie mit kranken Tieren belegt werden.
  • Kälberstall: Er ist laut Willig ein weiterer Hochrisikobereich, weil die Tiere hier besonders empfänglich sind. Als wichtige Aspekte nannte er:
  • Nabeldesinfektion,
  • standardmäßiges Desinfizieren der Kälberiglus
  • und Tränkehygiene (Eimer/Automat/Milchbar/Melkhygiene): Die Keimlast in der Milch sollte möglichst gering sein, weil sonst die Resorption von Nährstoffen, Mengen- und Spurenelementen im Darm gehemmt ist mit negativen Folgen für die Immunabwehr. Darüber hinaus können auch über die Milch Erreger übertragen werden. Paratuberkulose zum Beispiel habe eine Inkubationszeit von bis zu zehn Jahren, aber 85 Prozent der Infektionen fänden in den ersten Lebenswochen statt – übertragen durch Kot, kontaminierte Milch oder Geräte. Bei Problemen mit Paratuberkulose gelte es daher, Biosicherheitsmaßnahmen in der Kälberhaltung umzusetzen.

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