Rüssel eines Schweins
Christa Diekmann-Lenartz | am

Bricht die deutsche Ferkelerzeugung weg?

Politik und Gesellschaft streiten weiter über die Schlachthöfe. Der Schweinestau wird dadurch jedoch nicht weniger. Auch die Wirtschaft schlägt Alarm. Die Ferkelerzeugung bei uns droht wegzubrechen.

„Die prekäre Lage am Schweinemarkt trifft die Ferkelerzeuger mit Härte. Deshalb ist es wichtig, jetzt ein Zeichen der Solidarität zu setzen“, erklärt Johannes Korfhag, Geschäftsführer der Schweinebesamungsstation Weser-Ems e.V.. Er räumt Kunden für die kommenden Monate einen „Solidarrabatt“ von 30 Cent pro Spermaportion ein und ist sich im Klaren darüber, dass es für den einzelnen Ferkelerzeuger nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist.

Gerade der „solide, gesunde Mittelbau“ bei den Kunden, das sind Sauenhalter mit 200 bis 500 Tieren, drohe massiv wegzubrechen. "Diese Familienbetriebe sind am stärksten betroffen vom Rückstau bei den Ferkeln,“ sagt Korfhag. Sie konkurrieren – bei mangelnder Nachfrage – noch viel stärker als sonst mit den Großbetrieben oder den Importferkeln. Er befürchtet, dass nach Ende der coronabedingten Marktprobleme der Selbstversorgungsgrad bei Ferkeln deutlich weiter gesunken sein wird.

Regionalität und Tierwohl ist gewünscht

„Familienbetriebe, regionale Herkunft, weniger Tiertransporte, mehr Tierwohl – all das wollen Gesellschaft und Politik, aber die Entwicklung geht genau in die andere Richtung“, kritisiert er und appelliert an Branche und Politik, dies doch noch zu stoppen.

Johannes Korfhage ist bewusst, dass längerfristig eine gewisse Verknappung des Angebots für die verbleibenden Betriebe natürlich positiv zu bewerten ist und dass die Marktsituation sich für die aktiven Ferkelerzeuger dann wieder stark verbessern wird. Bis dahin ist es aber noch ein längerer Weg.

Sauenhalter stehen vor Tierschutzproblemen

Bei Sauenhaltern macht sich Niedergeschlagenheit breit, denn ihre Ställe quellen über. Das bereitet auch Eduard Eissing, Topigs Norsvin, große Sorgen: „Forderung Nr. 1 an die Schweinehalter ist schon seit langem ‚mehr Tierwohl‘, überall geht es darum. Jetzt drohen ernsthaft Tierwohl-Probleme in den Ställen, für die die Ferkelerzeuger nicht selbst verantwortlich sind. Und da werden sie alleingelassen, im Stich gelassen von ihren Politikern."

Seine Sorge ist auch, dass in den emotionalen Ausnahmezuständen weitreichende betriebliche Entscheidungen getroffen werden, die später nicht mehr rückgängig zu machen sind.

Ferkelerzeugern fehlt eine Strategie

„Wir befinden uns zweifelsohne in einer nie dagewesenen Krise", so Eissing weiter. Das Problem für Ferkelerzeuger sei, dass sie jahrelang keine Strategie entwickeln konnten für ihre Betriebe. Es gab und gibt zu viele Unsicherheiten. Kastration und Kastenstand sind nur zwei Beispiele.

Investitionen konnten ebenfalls nicht getätigt werden. Für dringend notwendig hält er deshalb, neben dem kurzfristig zwingend erforderlichen Wiederhochfahren der Schlachtungen, das Aufzeigen der Perspektiven für die deutsche Ferkelerzeugung und klare Ansagen, was hierzulande gewollt sei. Dann könne man als Sauenbetrieb fundierte Entscheidungen treffen.

"Deutsche Ferkel werden wieder gefragt sein!"

Eissing geht infolge der aktuellen Entwicklungen inklusive Afrikanischer Schweinepest (ASP) jedoch von einer Strukturbereinigung aus. Sie wird seines Erachtens aber auch die Schlachthöfe betreffen.

Der hiesige Markt müsse sich weg von immer mehr Menge hin zu mehr Qualität bewegen. Zwangsläufig damit verbunden ist für ihn ein Schub in Richtung Zusammenarbeit in der Kette, mehr Integration. Darin sieht er aber auch die Chance für deutsche Ferkel.

Natürlich macht sich der Rückstau an Ferkeln auch bei Topigs Norsvin bemerkbar: „Kunden konnten ihre bestellten Jungsauen nicht abnehmen, weil der Quarantänestall voll mit Ferkeln ist,“ nennt er ein Beispiel. Längerfristig werden deutsche Ferkel aber wieder gefragt sein, ist er sicher, Qualität werde noch wichtiger werden.

Mit welchen wirtschaftlichen Auswirkungen Sauenhalter rechnen müssen, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der LAND & FORST 45/2020 oder in der digitalen Ausgabe.

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