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Christa Diekmann-Lenartz | am

Cloppenburg: Weichenstellungen für die Tierhaltung

Am Küstenkanal sollen zwei Großanlagen zur Gülle- bzw. Mistaufbereitung entstehen. Gegner sehen darin eine "Zementierung der Intensivtierhaltung", Befürworter eine nachhaltige Lösung des Nährstoffproblems.

Die Pläne sind eigentlich nicht neu: Großanlagen, die zentral Gülle und/oder Mist aus der intensiven Veredlungsregion Weser-Ems aufbereiten und damit die Nährstoffüberschüsse abbauen helfen.

Immer wieder einmal hat es in den vergangenen Jahrzehnten Ansätze gegeben, große Aufbereitungsanlagen für Gülle oder Festmist zu bauen, realisiert wurde bislang keine. Meistens schon im Keim erstickt wurden diese Ansätze allein durch Proteste von Anwohnern, die Lärm-, Geruchs- und Emissionsbelastungen befürchteten.

Viele Widerstände

Auch bei den aktuellen Projekten im Industriegebiet c-Port am Küstenkanal gibt es viele Widerstände. Bürgerinitiativen haben sich gegründet, es gibt eine Online-Petition und öffentliche Streitereien auf politischer Ebene.

Im c-Port soll nach den Plänen der Betreiber zum einen eine Biomethananlage entstehen, die als Endprodukt grüne Kraftstoffe wie Biomethan und Bio-LNG ("Liquefied Natural Gas" = Flüssigerdgas) aus landwirtschaftlichen Reststoffen erzeugt. Die angedachte Verarbeitungskapazität liegt bei 800.000 t Festmist plus 200.000 t Gülle jährlich. Betreiben möchte diese Anlage das Unternehmen revis bioenergy GmbH mit Sitz in Münster. Das Unternehmen ist auf die Erzeugung von grünen Kraftstoffen mittels Biomethananlagen spezialisiert.

Die zweite Anlage soll Schweinegülle aufbereiten. Betreiber ist die Kaskum GmbH. Angedacht ist hier eine Verarbeitungsmenge von 1 Mio. cbm pro Jahr. Als Endprodukte des mehrstufigen Verfahrens sollen flüssige Düngerfraktionen sowie Feststoffe und in Vorfluter einleitbares Wasser entstehen. Beteiligt an der Kaskum GmbH sind die beiden Kreislandvolkverbände Cloppenburg und Vechta, die Futtermittelhersteller GS agri und Fleming & Wendeln. Geschäftsführender Gesellschafter ist Gert Stuke.

Erste Schritte gemacht

Am c-Port wurden vor Kurzem die Grundstückverkäufe an die beiden Investorengruppen genehmigt. Damit ist der Weg frei für die Baugenehmigungsverfahren. Cloppenburgs Landrat Johann Wimberg ist der Vorsitzende der Verbandsversammlung c-Port. Als sehr wichtige Aufgabe für die kommenden Monaten sieht er es, "die Bevölkerung mitzunehmen". Eine geplante Infoveranstaltung konnte wegen der Coronakrise nicht stattfinden. Dafür wurde ein umfangreicher "Faktencheck" zu den Anlagen auf der Homepage des c-Ports eingestellt. Hier sind zu vielen Bedenken von Anwohnern und Fragen, die sehr kontrovers diskutiert wurden/werden, Informationen zusammengestellt.

Ausreichend Rohstoffe

So gibt es auch die Sorge, dass die Anlagen zum Ziel von Gülletourismus aus den nicht weit entfernten Niederlanden werden könnten. Sowohl Gert Stuke als auch revis-Geschäftsführer Simon Detscher entkräften diese Sorge. Detscher: "Im Landkreis Cloppenburg und den benachbarten Regionen Ammerland und Emsland fielen laut Nährstoffbericht des Landes 2018/19 insgesamt mehr als 12 Mio. t Wirtschaftsdünger pro Jahr an. Da wir zu einem Großteil Festmiste einsetzen, die gerade in der Region um den c-Port in großen Mengen vorhanden sind, können wir unseren Rohstoff aus einem Umkreis von nur ca. 30 km beziehen."

Geflügel- und Rindermist

In der revis-Biomethananlage sollen sowohl Geflügel- als auch Rindermist verarbeitet werden, es gibt laut Detscher bereits Vorverträge mit 80 Landwirten aus dem 30-km-Einzugsgebiet. Angedacht sind langfristige Verträge mit zehn Jahren Laufzeit und festen Preisen. Die Preise bzw. die Vergütungen der Wirtschaftsdünger richten sich nach Qualität, Menge und Transportentfernung. Die Kalkulationen können bei revis angefragt werden. Für die Anlieferung setzt revis auf eine eigene Logistik mit eigenem Fuhrpark aus geschlossenen LKWs. „Wir beabsichtigen, die Miste zeitnah und direkt nach der Entmistung abzuholen, um etwaige Zwischenlagerungen zu vermeiden. Für Geflügelmist bedeutet dies, dass, sobald die Tiere aus dem Stall sind, die direkte Beladung der Lkw erfolgt“, erläutert Detscher.

290 LKW-Fuhren pro Tag

Für die Anlieferung zur geplanten Anlage sollen Bio-LNG-Lkws genutzt werden. Diese emittieren  99 % weniger CO2, 70 % weniger Stickoxide, 90 % weniger Feinstaub im Vergleich zu Diesel-LKWs und sind zudem halb so laut, so der revis-Geschäftsführer. Für den angedachten Input sind 160 LKW-Touren pro Tag nötig. Die nächste Wohnsiedlung ist 1,5 km vom c-Port entfernt und würde von den Transporten nicht tangiert.

Bei der Schweinegülleaufbereitung der Fa. Kaskum wären ca. 130 LKW-Anlieferungen pro Tag nötig. Einzugsbereich wären die Landkreise Cloppenburg, Vechta, Emsland und Ammerland. Auch hier setzt man auf längerfristige Vereinbarungen sowohl mit einzelnen Landwirten als auch Güllebörsen, Maschinenringe etc.

Kaskum hat bereits 2012 mit den ersten Versuchen zur Gülletrennung begonnen. Wichtig war den Gesellschaftern, dass ein Konzept gefunden werden sollte, das für die Landwirte keine Extra-Investitionen bedeutet wie zusätzliche Behälter. Außerdem sollte die bestehende "Gülletransport-Infrastruktur" genutzt werden. Das ist mit dem Kaskum-Projekt umgesetzt.

Präzisionsdünger gefragt

Wichtigeres Argument für ihn ist jedoch, dass durch die Beschränkungen der Düngeverordnung, aber auch durch "Precision Farming" der Trend hin zu immer exakteren, passgenaueren Düngermengen/-zusammensetzungen geht: "Das lässt sich mit herkömmlicher Gülle nicht mehr umsetzen", betont er.

Gülle wird seines Erachtens künftig nur noch für die Grundversorgung der Kulturen eingesetzt werden, der Feinschliff müsse über Exaktdünger erfolgen. Dafür werde unter anderem auch Kaskum die passenden Produkte liefern – hergestellt aus dem wertvollen Rohstoff regionale Gülle. Dabei wird auch ein überregionaler Absatz angestrebt – ein pelletierter Dünger lasse sich nun mal besser transportieren als Gülle, so Stuke.

Detscher führt weitere Argumente für die zentrale Aufbereitung der Wirtschaftsdünger an: "Für den einzelnen Landwirt werden die Ausbringfenster künftig noch enger gefasst, er muss mehr Lagerraum schaffen und noch mehr dokumentieren." Zudem werde der Transport von Wirtschaftsdüngern über weitere Entfernungen künftig noch teurer werden durch die steigende CO2-Bepreisung von Diesel.

Reduktion von Treibhausgasen

Die geplante Biomethananlage soll als Endprodukte die Biokraftstoffe Biomethan und LNG erzeugen. Die Vergärung von Wirtschaftsdüngern ist ein wichtiger Beitrag zur Reduktion der Treibhausgase. Laut Nährstoffbericht 2018/19 werden in Niedersachsen bisher nur 17 % der Wirtschaftsdünger energetisch genutzt. "Die Klimaschutzpläne des Bundes sagen ganz klar, dass Wirtschaftsdünger, also Mist und Gülle, energetisch genutzt werden sollen", so Detscher. Dies sei so auch in den europäischen Richtlinien wie dem Green Deal oder der Farm2Fork-Strategie formuliert.

Das Landvolk Vechta ist ein Gesellschafter der Kaskum GmbH. Dr. Johannes Wilking ist ihr Vorsitzender. Er betont: "Durch die beiden Anlagen am c-Port werden Nährstoffe aus dem landwirtschaftlichen Kreislauf entfernt und veredelt im Sinne von Nachhaltigkeit." Seiner Ansicht nach seien für beide Seiten Planungssicherheit und marktgerechte Preise wichtig.

Fazit

  • Im Nordkreis Cloppenburg sollen zwei Großanlagen zur Nährstoffaufbereitung gebaut werden.
  • Eine Anlage will Schweinegülle mehrstufig aufbereiten.
  • Eine Anlage will Biokraftstoffe aus überwiegend Festmist erzeugen.
  • Die jährlichen Verarbeitungsmengen liegen bei 1 Mio. cbm Gülle sowie 800.000 t Festmist plus 200.000 t Gülle.
  • Es gibt viele Widerstände gegen die geplanten Anlagen.
  • Die Grundstückverkäufe an die Investoren wurden kürzlich genehmigt.
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