Abschlussbericht-AI-NGW-B1_CDL

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Jule Brüssau, Dieter Oltmann | am

Dauerhaft mit der Vogelgrippe leben?

Immer wieder ist die Geflügelwirtschaft von der Geflügelpest betroffen. Im vergangenen Winter gab es das bisher schlimmste Seuchengeschehen in Europa, aktuell ebbt es noch nicht ab. Die Branche hierzulande wappnet sich.

Es sind nicht mehr nur regionale Gebiete, die von der Aviären Influenza (AI) oder Geflügelpest betroffen sind. Es trifft Betriebe in großen Teilen Deutschlands, Europas und weltweit. Ein massives Geschehen gibt es aktuell etwa in den USA. Es zeigt sich speziell in diesem Frühjahr, dass eine Viruslast latent das ganze Jahr über bestehen bleibt. Es gibt mittlerweile ganzjährig AI-Virusfunde bei Wildvögeln. Die Abstände zwischen neuen Meldungen zu AI-Ausbrüchen werden immer kürzer.

1,2 Millionen Tiere in Niedersachsen getötet

In Niedersachsen wurden in dem AI-Seuchengeschehen des vorletzten Winters 2020/2021 rund 1,2 Mio. Tiere getötet, davon ca. 714.000 Puten. Nach den massiven Geflügelpest-Verlusten war speziell die Putenwirtschaft gefordert, Vorsorgemaßnahmen zu entwickeln. Rund um den NGW (Niedersächsische Geflügelwirtschaft Landesverband) hat sich in diesem Sinne eine Arbeitsgruppe gebildet, um das AI-Seuchengeschehen aufzuarbeiten. Beteiligt sind Brütereien, Tierärzte, landwirtschaftliche Berater und Putenhalter.

Kriterienkatalog gemeinsam erstellt

Um mögliche Rückschlüsse auf einen Seucheneintrag ziehen zu können, wurde von der Arbeitsgruppe gemeinsam ein Kriterienkatalog zur Abbildung der einzelnen Farmstandorte erstellt. Dieser beinhaltet Stallmerkmale sowie Umwelt- und Umgebungsverhältnisse. Dabei wurden insgesamt 205 putenhaltende Betriebe in den Landkreisen Cloppenburg und Oldenburg im Ausbruchszeitraum vom 21.12.2020 bis zum 24.03.2021 untersucht. Berücksichtigt wurden insgesamt 39 Ausbruchs- und 166 Nichtausbruchsbetriebe. Von der AI betroffen waren in diesem Zeitraum 517.740 Puten.

In dem Kriterienkatalog wurden unterschiedliche Merkmale zu den Stall- und Umweltbegebenheiten abgefragt. Es wurde die Lage und Umgebung der Betriebe untersucht, ob es zum Beispiel Wasserzüge und/oder Feuchtgebiete in Stallnähe gibt. Erfasst wurde auch, ob sich Wildvögel in Stallnähe aufhalten und wie weit die Entfernungen zu anderen geflügelhaltenden Betrieben sind. Es wurde zudem nach der Bauweise und Lüftung der Ställe gefragt. In der betroffenen Region gibt es sowohl Offenställe als auch geschlossene Ställe. Von besonderem Interesse war auch die Tränkesituation, welche Tränkeform ist in den Ställen verbaut und wo befinden sie sich im Stall? Zu unterscheiden war, ob die Tränken sich an der Außenwand oder in der Stallmitte befinden.

Abgefragt wurde auch, welche Biosicherheitsmaßnahmen an den Standorten gefahren werden – ob es eine Hygieneschleuse vor jedem Stall gibt und ob vor jedem Stall ein Kleidungswechsel vollzogen wird. Außerdem wurde untersucht, welches Einstreumaterial verwendet und wie das Material vom Außenbereich in den Stall gelangt oder ob es im Stall gelagert wird.

30 % Primär- und 70 % Sekundärausbrüche

Unterschieden wurde bei der Betriebsanalyse zwischen Primär- und Sekundärausbruchsbetrieben. Als Primärausbruch gilt ein Viruseintrag, ohne dass es ein räumliches und zeitliches AI-Geschehen im Vorfeld gab. Bei Sekundärausbrüchen handelt es sich um einen AI-Eintrag, bei dem es zuvor ein räumliches und zeitliches AI-Geschehen gegeben hat. Bei dem AI-Ausbruchsgeschehen 2020/21 wurden 30 % als Primärausbrüche und 70 % als Sekundärausbrüche bestimmt.

Das Alter der betroffenen Puten lag im Mittel bei 15,1 Wochen (Minimum 7 Wochen, Maximum 22 Wochen). Alle Primärausbruchsbetriebe gaben Zugvögel in Stallnähe an. Dementsprechend ist eine Häufung erkennbar, dass sich Wassergeflügel, Zugvögel und/oder heimisches Wildgeflügel in Stallnähe der Ausbruchsbetriebe aufhielten. Zudem war eine Häufung der Ausbrüche bei hofnahen Ställen zu erkennen (75 %).

Ebenso war zu sehen, dass bei den Ausbruchsbetrieben überwiegend Glockentränken (Offentränken) verbaut waren. Bei den Sekundärausbrüchen handelte es sich zu 81,5 % um Ställe, die Jalousien verbaut haben. Hierzu muss allerdings ergänzt werden, dass es in der ausgewerteten Region überwiegend Offenställe (Jalousien und Klappen) für die Putenhaltung gibt und eher selten geschlossene Putenställe (mit Zwangsentlüftung). Laut Auswertung waren unter den Ausbruchsbetrieben wenige Betriebe, die vor jedem Stall eine Hygieneschleuse haben und vor jedem Stall einen Kleidungswechsel vollziehen.

Eintrag durch Wildvögel sehr wahrscheinlich

Ein Geflügelpest-Ausbruch lässt sich nicht immer nur durch einen Faktor erklären, oftmals sind es mehrere Ursachen, die zu einer Infektion führen. Die ausgewerteten Cluster in der Betriebsdatenerhebung ergeben demnach keinen monokausalen Zusammenhang. Ein Eintrag über die erhebliche Zunahme der Zugvogelpopulation/Wassergeflügelpopulation wird in Fachkreisen und von Wissenschaftlern als sehr wahrscheinlich angenommen. Wie das Virus passiv (bewegte Vektoren?) in den Stall gelangt, bleibt jedoch auch durch die Erhebungen unklar.

Festzuhalten ist, dass die Wetterlage bei den letzten Geflügelpest-Geschehnissen im untersuchten Zeitraum einen großen Einfluss auf Sekundärausbrüche hatte. Insbesondere starke Winde, Böen und Sturm tragen dazu bei, dass Virus-belastete Aerosole und andere Partikel von AI-Ausbruchsbetrieben in benachbarte Stallanlagen (zum Beispiel mit offenen Jalousien) eingetragen werden können. Trockene Böden, beispielsweise Sandböden, auf nicht bewachsenen Flächen bieten dem Virus eine Grundlage, mit dem Wind weitergetragen zu werden. Hohe Niederschlagsmengen in den Wintermonaten verringern dagegen die Staublasten, so dass am Boden haftendes Virusmaterial nicht so leicht vom Wind transportiert werden kann.

Schlussfolgerungen aus dem AI-Winter 2020/21

Neben der Erhebung und Auswertung der einzelnen Stallmerkmale und Umgebungsbegebenheiten der über 200 Farmstandorte hat die Arbeitsgruppe ein AI-Monitoring entwickelt. Es ist als Frühwarnsystem zu sehen, um eine Viruslast in einem Bestand frühzeitig erkennen zu können.

Der Landkreis Cloppenburg hat die höchste Putendichte in Europa, besonders hoch ist die Dichte in den beiden Gemeinden Bösel und Garrel. Im Zeitraum 1. November 2021 bis 30. April 2022 wurde daher das AI-Monitoring für den Landkreis Cloppenburg installiert. Es sollte dazu dienen, frühzeitig eine Viruslast im Bestand feststellen und somit die Sekundärausbrüche verhindern oder eindämmen zu können. In Privatlaboren wurden regelmäßig zweimal wöchentlich Tränkewasser- und Falltierproben (gute frischtote Tiere) untersucht. Neben der privatwirtschaftlichen Beprobung der frischtoten Falltiere und des Tränkewassers beteiligte sich der Landkreis Cloppenburg ebenfalls an dem AI-Monitoring mit ca. 20 Betrieben. Deren Probenmaterial wurde im Zeitraum vom 13. Dezember 2021 bis 31. März 2022 im Landeslabor des LAVES untersucht.

AI-Monitoring ist erfolgreich etabliert

Insgesamt gab es in dem genannten Untersuchungszeitraum im Winter 2021/22 52 Untersuchungstage, an denen 117 Putenbetriebe beprobt wurden. Im Vorfeld wurde die Region mit den zu beprobenden Putenfarmen mit dem Veterinäramt des Landkreises abgestimmt. Insgesamt wurden 2.053 Betriebsproben untersucht und ausgewertet. Es gab hierbei 117 AI-positive Betriebsproben (Tabelle).

Durch die Beprobung des Tränkewassers konnte ein H5-Geschehen frühzeitig erkannt und durch die Merzung des Tierbestandes ein größeres Sekundärgeschehen vermieden werden. Zudem wurde ein H6-Geschehen in der Region sichtbar, das sich in dem Beprobungsgebiet ausgebreitet hatte. Neben dem H6N1-Subtyp wurde mit H9 ein weiterer Subtyp diagnostiziert. Entscheidend bei einem Seuchengeschehen ist der Zeitfaktor, um das Virus frühzeitig erkennen und dementsprechend handeln zu können.

Im Ergebnis bleibt festzuhalten, dass sich das AI-Monitoring beim Tränkewasser bewährt hat und Influenza- A-Viren frühzeitig detektiert werden können. Es ist eine zuverlässige und einfach zu handhabende Methode für die Tierhalter und kann dazu beitragen, ein größeres AI-Sekundärgeschehen zu verhindern.

Fazit

  • Immer wieder ist die Geflügelwirtschaft von der Aviären Influenza (AI/Geflügelpest) betroffen.
  • Nach den massiven Geflügelpest-Verlusten im Winter 2020/21 war speziell die Putenwirtschaft gefordert, Vorsorgemaßnahmen zu entwickeln.
  • Rund um den NGW bildete sich hierfür eine Arbeitsgruppe.
  • Bei dem AI-Ausbruchsgeschehen 2020/21 wurden 30 % als Primär-und 70 % als Sekundärausbrüche bestimmt.
  • Bei den Sekundärausbrüchen handelte es sich zu 81,5 % um Ställe, die Jalousien verbaut haben.
  • Laut Auswertung waren unter den Ausbruchsbetrieben wenige, die vor jedem Stall eine Hygieneschleuse haben und vor jedem Stall einen Kleidungswechsel vollziehen.
  • Die Wetterlage hatte im Winter 2020/2021 großen Einfluss auf Sekundärausbrüche.
  • Starke Winde, Böen und Sturm tragen dazu bei, dass Virus-belastete Aerosole und andere Partikel von Stall zu Stall getragen werden können.
  • Die Arbeitsgruppe hat ein AI-Monitoring entwickelt.
  • Es ist als Frühwarnsystem zu sehen, um eine Viruslast in einem Bestand frühzeitig erkennen zu können.
  • Das AI-Monitoring hat sich im Winter 2021/22 bewährt.
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