Kuh-Fitter bei der Arbeit
Laura Schneider | am

„Elegant wie Models“: Wenn Kühe zum Friseur gehen

Öl fürs Euter, Spray fürs Fell und Toupets für den Schwanz – Wie Kuh-Fitter Rinder für ihre großen Auftritte herrichten.

Tobias Guggemos beginnt die Schönheitskur seiner Models immer am hinteren Körperteil. Seine etwa 600 Kilogramm schwere Kundin namens Granit erträgt ruhig, dass er die Schermaschine anwirft. „Sie ist das gewohnt“, sagt Guggemos.

Er hält große Stücke auf die Brown-Swiss-Kuh. Mit vier Jahren hat sie schon 8.500 Liter Milch gegeben. Bei der Bundesjungzüchterschau 2019 holte sie in der Kategorie „schönstes Euter“ den zweiten Platz.

Guggemos macht Rinder wie Granit als Kuh-Fitter für große Auftritte schön. Wie oft er das in den vergangenen sieben Jahren getan hat, weiß er nicht genau. „200 bis 300 Tiere werden es schon sein. Irgendwann hört man auf zu zählen“, berichtet der 23-Jährige.

Babyöl und Echthaar-Toupets

Er weiß, worauf es ankommt:

  • eine gerade Oberlinie am Rücken als Zeichen für Langlebigkeit,
  • die Betonung von breiten, abfallenden Beckenknochen, die wichtig für das Kalben sind,
  • gut sichtbare Adern, die viel Milch versprechen.

„Das Auge spielt immer mit“, erklärt Guggemos. Deswegen reibt er Euter mit Babyöl ein, kaschiert Unebenheiten am Rücken durch gerade Felllinien oder bringt ein Echthaar-Toupet am Schwanz an. „Manche finden auch Muster im Fell total toll, aber das mache ich nur spaßeshalber“, erzählt er.

Schönheitskur mit Konzentration und Geduld

Bis zu zweieinhalb Stunden kann es dauern, bis seine Kundinnen für eine Rinderschau bereit sind. Guggemos fasziniert, was man aus den Tieren herausholen kann. „Sie werden elegant wie Models. Dafür braucht man Leidenschaft und einen gewissen Ehrgeiz“, berichtet der Kuh-Fitter.

Eine gerade Oberlinie zu schneiden, zu bürsten, zu föhnen und mit Spray zu fixieren, erfordere Konzentration und Geduld. Gleiches gelte für die „Nassrasur“ des Fells am Euter auf einen Zehntel-Millimeter.

Nach Angaben des Bundesverbands Rind und Schwein (BRS) gibt es in Deutschland keine hauptberuflichen Kuh-Fitter. Etwa 25 Fitter seien im Nebenberuf aktiv. Darüber hinaus gebe es einige Nachwuchskräfte. „Davon leben kann man nur in den USA und vielleicht in der Schweiz“, sagt Guggemos.

Preisunterschiede von bis zu 100 Euro für Züchter

Schöne Kühe können Züchtern beim Verkauf der Kälber, Embryonen oder den Tieren selbst viel Geld bringen. „Für eine durchschnittliche Kuh bekommt man bis zu 2.000 Euro. Ein echter Champion kann aber auch 5.000 bis 10.000 Euro wert sein“, schätzt der Kuh-Fitter.

Wenn Kühe schön hergerichtet sind, kann das den Verkaufspreis um bis zu 100 Euro erhöhen, sagt Christoph Busch. Er ist bei der Allgäuer Herdbuchgesellschaft für Messen zuständig und als Richter bei Zuchtschauen aktiv.

Grenzen des Schönheitswettbewerbs

Gegen den Grundgedanken, die Vorteile einer Kuh durch schönes Herrichten hervorzuheben, hat Busch nichts einzuwenden. Er hat in seiner Freizeit selbst schon als Kuh-Fitter gearbeitet.

Der tierische Schönheitswettbewerb habe aber auch Grenzen, insbesondere in Bezug auf den Tierschutz. „Wenn ein Züchter seine Kuh zum Beispiel nicht melkt, damit das Euter bei der Schau optimal aussieht, kann ich das Tier disqualifizieren“, betont er. Das komme selten vor, müsse aber konsequent verfolgt werden.

Inzwischen gebe es auch Veranstalter, die diese Art der Vorbereitung bei ihren Schauen teilweise oder gar nicht mehr zulassen. „Da geht es um Chancengleichheit für Landwirte, die kein Geld dafür ausgeben wollen", erklärt Busch. Doch beim Kuh-Fitting gehe es längst nicht nur ums Geld: „Das ist auch eine Visitenkarte für die Betriebe, da ist eine gewisse Ehre dabei.".

In Übung bleiben

Die Coronakrise schränkt auch die Möglichkeiten der Kuh-Fitter ein: Schauen und Auktionen sind abgesagt, Kühe werden nur durch Direktvermarktung verkauft. Guggemos macht trotzdem weiter, um in Übung zu bleiben. Außerdem werde das Fell durch regelmäßiges Scheren feiner.

Nach mehr als einer Stunde ist Granit fertig frisiert: Kurzes Fell, gerade Oberlinie und gut sichtbare Adern. Friseur Guggemos ist zufrieden, die Kuh aber unruhig. „Sie muss jetzt in den Melkstand“, sagt er.

Ob er auch Menschen die Haare schneiden könnte? Das habe er sich trotz geschlossener Friseursalons in Zeiten von Corona nicht getraut, gibt Guggemos zu. Allerdings habe seine Schwester die Schermaschine benutzt, um seine Haare zu schneiden.

Mit Material von dpa

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