Schweine mit Seil im Stall, Tierwohl

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Christa Diekmann-Lenartz | am

Existenz von Höfen: Können wir uns Nutztiere noch leisten?

Mit der spannenden Frage, ob wir uns künftig noch Nutztiere leisten können, befasste sich die Raiffeisen Ems-Vechte. Die Antwort: Wir müssen uns sogar Nutztiere leisten, wenn wir keine Ressourcen verschwenden wollen.

Nicht nur bei den Tierrechtsaktivisten, die vergangene Woche im Raum Südoldenburg unterwegs waren, ging es um die Zukunftsberechtigung der landwirtschaftlichen Tierhaltung.

Auch das erste Veredlungsforum der Raiffeisen Ems-Vechte hatte sich die Frage gestellt: „Können wir uns in Zukunft noch Nutztiere leisten?“
 

Nutztierhaltung: Viele Menschen sind davon abhängig

Florian Kröger ist bei der Genossenschaft für die Mischfuttersparte verantwortlich. Er führte durch die Veranstaltung in Klein-Berßen, Landkreis Emsland, und brachte es auf den Punkt: „Diese Frage ist existenziell für die landwirtschaftlichen Betriebe in der Region“.

Die Mehrzahl dieser Betriebe hält nämlich Tiere – Milchvieh, Bullen, Schweine oder Geflügel. Für die Raiffeisen Ems-Vechte als Mischfutterhersteller ist die Frage nicht weniger wichtig. Sie betrifft nämlich ebenso die vor- und nachgelagerte Wirtschaft.

Kuh kein Klimakiller

So werden viele der über 300 Zuhörer in Klein Berßen gerne gehört haben, dass Prof. Wilhelm Windisch von der Technischen Universität München diese Frage gleich zu Beginn seines Vortrags mit einem eindeutigen „Ja“ beantwortete.

Er lieferte dafür klare Begründungen - mit denen sich oft gehörte Thesen von Tierhaltungskritikern widerlegen lassen. So etwa, dass Kühe per se Klimakiller sind und wir mit veganer Ernährung die Welt retten können. „Wer etwas dagegen sagt, gilt schon als Querdenker“, so der Tierernährungsfachmann.

Nahrungskonkurrenz durch Nutztiere problematisch

Aber Prof. Windisch hatte gute Argumente: Die landwirtschaftliche Nutzfläche wird nicht nur hierzulande knapper, das gilt weltweit. Man geht bis 2050 von einem Wachstum der Weltbevölkerung um 30 bis 50 % aus, gleichzeitig sinkt die verfügbare landwirtschaftliche Nutzfläche pro Mensch bis dahin um mindestens 30 %.

Dadurch wird die viel diskutierte Nahrungskonkurrenz durch Nutztiere tatsächlich zunehmend problematisch.

Auch bei pflanzlichen Lebensmitteln fällt "nicht-essbares" an

Die Verfechter einer rein pflanzlichen Ernährung klammern, so der Wissenschaftler, jedoch aus, dass bei der Erzeugung von 1 kg pflanzlichen, also veganen Lebensmitteln, auch mindestens 4 kg Biomasse anfallen, die Menschen nicht essen können.

Hierzu zählen neben den Nebenprodukten aus der Verarbeitung auch die Koppelprodukte wie das Stroh beim Getreide oder auch der Bewuchs auf absolutem Grünland. In Deutschland sind 30 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche nicht ackerfähig. „Viele Leute wissen schlicht nicht, dass man zum Beispiel in Hang- oder Höhenlagen nicht ackern kann“, so der Wissenschaftler.

Die nicht essbare Biomasse könnte theoretisch wieder zurück auf Feld gebracht werden („vegane Fruchtfolge“), was aber sehr ineffizient und mit hohen Emissionen verbunden ist. Wesentlich besser schneidet die Vergärung der Reststoffe zu Biogas ab. Die Gärreste sind ein hochwertiger Dünger, der punktgenau ausgebracht werden kann.

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Vor allem Wiederkäuer produzieren zusätzliche Nahrung

Alternativ kann die nicht essbare Biomasse an Wiederkäuer verfüttert werden. Sie wandeln ihr Futter in Milch oder Fleisch um und produzieren Wirtschaftsdünger. Letztere sind angesichts der steigenden Energiekosten heute mehr als konkurrenzfähig gegenüber mineralischen Düngern – die zudem knapp werden.

Für Prof. Windisch führt angesichts der Flächenknappheit kein Weg daran vorbei, dass die nicht essbare Biomasse möglichst effizient im System gehalten werden muss. In diesem Sinn sind Nutztiere, allen voran die Wiederkäuer, keine Nahrungsmittelkonkurrenz, sondern sie erzeugen zusätzliche Nahrung.

Und was ist mit Methan?

Ein weiteres Argument von Tierhaltungsgegnern: Rinder emittieren das Treibhausgas Methan (CH4). Methan ist jedoch sehr kurzlebig in der Atmosphäre. Laut Umweltbundesamt hat Methan nur einen Anteil von 6,7 % an den Gesamt-Treibhausgasen (in CO2-Äquivalenten), nur etwa 3,2 % davon kommen aus der Tierhaltung.

Würde man die ohnehin anfallende, nicht essbare Biomasse nicht an Wiederkäuer verfüttern, fehlten Fleisch, Milch, Käse etc. In Folge bräuchte man also noch mehr pflanzliche Nahrungsmittel, bei deren Produktion wieder zusätzlich CO2 anfallen würde.

Die Erzeugung tierischer Produkte verursacht natürlich auch CO2. Der CO2-Fußabdruck ist dabei stark von der Leistung der Tiere abhängig. Bei einer täglichen Zunahme von 500 g ist der CO2-Fußabdruck für Rindfleisch deutlich höher, als wenn die Zunahme bei 1.000 g/Tag liegt.

Und auch der Land-Fußabdruck (m2 Fläche/kg essbares Protein) ist deutlich niedriger bei hohen Leistungen. Daraus resultiert für den Tierernährer aus München, dass die Futtereffizienz, die Futterqualität, das Futtermanagement oder auch die Nutzungsdauer der Tiere weiter optimiert werden müssen.

Er forderte zudem dringend eine gesellschaftspolitische Diskussion dazu, dass landwirtschaftliche Biomasse ein hohes und knapper werdendes Gut ist, von dem nichts verschwendet werden darf. Die Tierhaltung hat dabei eine unverzichtbare Funktion.

Mehrere Aktivisten hatten sich vor dem Tor angeklebt, viele waren als blutbespritzte Kuh verkleidet.

Was sind die Alternativen zur Fleischproduktion?

Der derzeit vieldiskutierten Alternative zur Fleischproduktion, der Herstellung von In-Vitro-Fleisch, erteilte Prof. Windisch eine Absage – zumindest unter den heutigen Bedingungen:

„Ein Masthähnchen kann mit Mais und Getreide gefüttert werden, das In-Vitro-Fleisch braucht hoch aufbereitete Nahrung in sterilem Umfeld, deren Herstellung viel Geld und Energie kostet. Nur wenn für das In-Vitro-Fleisch nicht essbare Biomasse eingesetzt werden könnte, wäre eine Produktion seines Erachtens sinnvoll. Ähnlich sah er die Zucht von Insekten als Eiweißfutter.

Warnung vor Niedergang der Landwirtschaft

Der Wissenschaftler ließ einerseits keinen Zweifel daran, dass der weltweite Konsum an tierischen Produkten schon reduziert werden müsse. Aber eben nicht auf Null, sondern so, dass es ein optimales Gleichgewicht zwischen pflanzlicher und tierischer Produktion gibt.

Für den Einzelbetrieb könne man keinen allgemeinen Maximalbesatz/ha festlegen, wie manche sich das wünschten. Das sei von Region, Klima, Bodenausstattung etc. abhängig. Die sehr große Gefahr sieht Windisch aktuell darin, dass die landwirtschaftlichen Betriebe reihenweise wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit und/oder mangelndem Rückhalt in der Gesellschaft aufgeben:

„Die Betriebe, die heute aufgeben, kommen nicht wieder. Das ist gefährlich“, warnte er vor einem Niedergang der hocheffizienten Landwirtschaft hierzulande.

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