on_Weidekühe
Jan-Gerd Ahlers | am

Fütterung passt hier zum Weidesystem

Weidehaltung spart nicht nur Futterkosten und Arbeitszeit, sondern fördert auch die Tiergesundheit. Das Management wird anspruchsvoller. In der Wesermarsch sind viele Kühe halbtags auf der Weide, wie bei Landwirt Kaemena.

Weidegang entspricht dem natürlichen Verhalten der Wiederkäuer. Die Bewegung, die Aufnahme von frischem Futter, Licht und Luft fördern die Vitalität und Tier- und Klauengesundheit. Ein ausgeklügeltes Weidemanagement und eine kontinuierliche Zufütterung im Stall sind Voraussetzung für annähernd gleichbleibende Leistungen über das Jahr.

Vollweidesysteme sind bei niedrigem bis mittlerem Leistungsniveau möglich und insofern eher wenig verbreitet. Bei einem höheren Leistungspotenzial funktioniert das nicht. Zu einer Verbesserung von Tier- und insbesondere Klauengesundheit sowie der Vitalität trägt auch die Halbtagsweide zwischen den Melkzeiten bei. Und die wird bei Familie Kaemena in Stadland, Kreis Wesermarsch, praktiziert. Dabei handelt es sich (witterungsabhängig) um eine Tag- oder Nachtweide. Das funktioniert auch deshalb gut, weil 26 ha Fläche arrondiert am Hof liegen.

Witterung brachte Probleme

on_Familie

Auch Witterungsextreme bringen für einen Grünlandbetrieb (und dann noch mit Weidenutzung) immer neue Herausforderungen mit sich: Nässe 2017, Trockenheit 2018 und 2019 und jetzt auch im Frühjahr 2020 haben für Ertragseinbußen auf dem Grünland gesorgt. Darüber hinaus haben auf vielen Flächen in der Wesermarsch Feldmäuse von unten und vereinzelt Gänse von oben Gras gefuttert. Und dann war da noch das Auftreten von Tipula-Larven. Regelmäßig gibt es Neuansaaten oder Nachsaaten. In den ertragsschwachen Jahren besonders hilfreich war die extensive Bewirtschaftung von 5 ha Salzwiesen und 11 ha Vogelschutzflächen, um den Futtermangel etwas auszugleichen, auch wenn die Qualität durch das überständige Gras minderwertig war.

Futterplanung ist eine Herausforderung

Bei hohen Leistungen ist die Rationsplanung/das Fütterungsregime immer wieder eine Herausforderung. Die Anpassung der Rationen bei Weidehaltung wird auch dadurch anspruchsvoll, dass sich Energie-, Protein- und Rohfasergehalte der Weide im Saisonverlauf vom Frühjahr bis zum Herbst laufend verändern. Außerdem gibt es zwischen den einzelnen Weideflächen oft große Unterschiede bei der Futterqualität, die zu berücksichtigen sind.

Kaemenas leistungsstarke Herde ist durch den Weidegang auf eine zusätzliche Energiezufuhr angewiesen, um die Stoffwechselgesundheit und Körperkondition der Tiere zu erhalten. Mit einer gezielten Ergänzung energiereicher Futtermittel kann zudem eine bessere Ausnutzung des Proteins im Weidegras erreicht werden.

Zufütterung

Hohe Harnstoffgehalte bei gleichzeitig geringen Eiweißgehalten der Milch zeigen einen Überschuss an Futterprotein bei gleichzeitigem Energiemangel. Ein überhöhter Fett-Eiweiß-Quotient ist zum Beispiel ein Zeichen für Energiemangel und den Abbau von Körperreserven. Grund dafür können überständige Weiden sein oder längere Trockenperioden, in denen zu wenig junges, energiereiches Gras nachwächst. Die daraus resultierende geringere Energieaufnahme auf der Weide muss dann auch durch das Zufüttern energiereicher Futtermittel ausgeglichen werden. Kaemenas haben festgestellt, dass die Zahlen zwischen errechneten und der gefütterten Menge immer wieder voneinander abweichen.

Gefüttert wird auf dem Hof eine Teil-TMR mit Grassilage und Silomais sowie 3 kg Kraftfutter und Mineralstoffen, die sich unter anderem an den Harnstoffwerten orientiert. Die Ration wird so eingestellt und immer wieder angepasst, sodass die Harnstoffwerte sich immer im Bereich von 230 bis 240 befinden.

Leistunsorientiertes Kraftfutter

Das Kraftfutter (maximal 9,3 kg) gibt es zusätzlich leistungsorientiert an vier Stationen im Stall. Im Melkstand gibt es kein Lockfutter, eine Treibvorrichtung leitet die Kühe bei Bedarf sanft Richtung Melkstand. Stetig steigende Milchleistungen gehen einher mit enormen Stoffwechselleistungen der Kühe.

Wilke Kaemena hat sich in seiner Meisterarbeit mit dem Einsatz von konjugierter Linolsäure (CLA) beschäftigt. Die Verabreichung hat zu einer Reduzierung vom Milchfettgehalt und zu einem Anstieg der Milchmenge geführt. Und die Kühe sind schneller in Milch gekommen. "Mit über 40 l im Schnitt der Herde liefen sie schon am Limit", meint Kaemena. Die Gabe erfolgte in der Vorbereitungsfütterung 10 Tage vor der Kalbung bis zum 80. Laktationstag. Wegen der abgesenkten Milchinhaltsstoffe sinkt zwar der Milchpreis beim CLA-Einsatz, aber die Leistungssteigerung führt zu mehr Milch. Nach Abzug der Mittelkosten von 57 Ct/Kuh/Tag verblieb ein Mehrertrag. Zudem hat sich die Gesundheit der Herde verbessert.

Das erste Jahr ist wichtig

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Die Kinderstube ist auch bei den Rindern entscheidend für ihre weiteren Lebensweg. Besonders viel Wert legt man bei Familie Kaemena in der Wesermarsch auf die Entwicklung im ersten Lebensjahr. Gestartet wird mit Vollmilch.

Für den Nachwuchs zuständig auf dem Hof ist Ingeborg Kaemena. Für sie ist es wichtig, Auffälligkeiten bei den Kälbern frühzeitig zu erkennen. Durch den Einsatz einer fahrbaren Kälbertränke hat sie einen guten Überblick, welches Kalb zum Beispiel nicht oder nicht genügend trinkt. Der Einsatz einer mobilen Kälbertränke verringert zudem die Arbeitszeit beim Kälbertränken und sorgt für eine Arbeitserleichterung gegenüber dem Eimertragen.

Start mit Vollmilch

Für die Kälber gibt es nach der Biestmilchphase bis zu acht Wochen Vollmilch (bis zu 8 l täglich) mit Aufwerter und Kälbermüsli sowie Mineralstoffen. Danach bekommen auch die Kälber die Kuhmischung. Die Kälber stehen zunächst in Einzelbuchten und kommen nach zwei Wochen in Dreierbuchten ins Altgebäude. Dort gibt es eine Milchbar, beschickt wieder mit Vollmilch, mit drei Saugern.

Nach zwei Monaten geht es weiter in den neu errichteten Kälberstall, wo sie bis zum 12. Monat aufgezogen werden. Dort gibt es eine TMR mit Kraftfutter, damit die Rinder gut zulegen. Dafür wird im zweiten Jahr eher extensiv gefüttert, entweder auf der Weide ohne Zufütterung oder im alten Laufstall. Einige männliche Kälber, bevorzugt hornlos, werden aufgezogen und später als Deckbullen ab Hof verkauft. Zudem werden jährlich 30 bis 35 abgekalbte Färsen ab Hof über den Zuchtverband verkauft.

Die leistungsstarken Tiere bleiben in der Herde zur eigenen Nachzucht. Auch bei der Bullenauswahl zur Anpaarung in der eigenen Herde spielt der Faktor Hornlosigkeit mit über 50 % eine große Rolle. Hier gibt es eine enge Abstimmung mit dem Zuchtverband. Zu den wichtigsten Auswahlkriterien zählen Fundament und Euter.

Diverse Umbauten waren nötig

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Ingeborg und Lür Kaemena übernahmen 1991 den Grünlandbetrieb und stellten noch im gleichen Jahr den Bauantrag für einen Boxenlaufstall mit 43 Plätzen und Durchtreibemelkstand. 2006 folgte der große Erweiterungsschritt mit einem Laufstallbau mit 90 Plätzen und einem Doppel-Zehner-Melkstand steile Fischgräte. 2012 folgte ein weiterer Stall mit 47 Plätzen und einem Bereich für Trockensteher, Abkalber und Transitkühen. Vorerst letzte Baumaßnahme war ein Stall für 73 Kälber im Alter von drei bis zwölf Monaten.

Kaum Mortellaro

Ganz besonders liegt Kaemenas die Tiergesundheit am Herzen. Jeden Donnerstag um 9 Uhr kommt der Tierarzt. In erster Linie geht es um Trächtigkeiten und Fruchtbarkeitsfragen. Und weil Klauen die Milch tragen, kommt alle zwei Monate der Klauenpfleger. Auf jeden Fall unter die Lupe genommen werden alle Kühe 80 Tage nach dem Kalben. Bei akuten Klauenproblemen und vor dem Trockenstellen legen die Landwirte fachkundig selbst Hand an. Ein Kuhüberwachungssystem hilft bei Brunsterkennung und Tiergesundheit.

Mortellaro ist durch die ständige Kontrolle sehr selten. Diese hochgradig druckempfindliche Hauterkrankung tritt meist als runde bis ovale, stark gerötete und von einem Wulst umgebene offene Stelle auf. Weil die Wundoberfläche rot ist, trägt die Krankheit auch den Namen Erdbeerkrankheit. „Als Morzellaro freier Betrieb hat man locker 1.000 Liter mehr Milch pro Kuh“, berichtet Kaemena von seinen Erfahrungen.

Verlängerung der Rastzeit

Aktuell liegt die Zwischenkalbezeit bei Kaemenas Kühen noch bei 387 Tagen. Hier denkt man über eine Verlängerung nach, um die Hochleistungs-tiere zu entlasten – und die Milchproduktion wirtschaftlicher zu machen. Derzeit wird eine freiwillige Wartezeit von etwa 90 Tagen praktiziert. Kühe mit einer 305-Tage-Leistung über 9.000 kg müssen aus wirtschaftlicher Sicht nicht zwingend jedes Jahr abkalben.

Eine Verlängerung der Rastzeit kann sich zudem positiv auf die Gesundheit und auf die Langlebigkeit der Tiere auswirken. Ohnehin können viele Kühe erst in einem höheren Alter ihr genetisches Leistungsvermögen ausspielen.

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