Geflügelpest in Niedersachsen - Hühner im Stall mit Warnschild im Vordergrund
Christa Diekmann-Lenartz | am

Geflügelpest in Niedersachsen: "Es sind große Anstrengungen nötig"

Der aktuelle Geflügelpestzug war der bislang folgenschwerste in Deutschland. Er scheint jetzt beendet. Aber das Virus wird im Herbst wieder da sein. Wir sprachen mit Dr. Ursula Gerdes von der Niedersächsischen Tierseuchenkasse.

Das Tierseuchenkrisenzentrum im Landwirtschaftsministerium und der Krisenkoordinierungsstab beim Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wurden deaktiviert. Ist der aktuelle Geflügelpestzug in Niedersachsen vorbei?

Ja, das Geflügelpest-Geschehen dieses Winters/Frühjahrs, das mit dem ersten Fall in Cloppenburg in der Woche vor Weihnachten begann, kann nach heutigem Stand als beendet angesehen werden. Es gab am 23. Mai 2021 noch einen Ausbruch in einer kleinen Hobbyhaltung in Bremen, hier reichen die Restriktionszonen noch nach Niedersachsen hinein, aber diese werden voraussichtlich auch in Kürze aufgehoben.

Wie sieht es im übrigen Deutschland aus?

Das aktuelle Geflügelpestgeschehen war das Umfangreichste in der Geschichte der Bundesrepublik. Es gab seit Dezember 2020 insgesamt 258 Ausbrüche in Nutz- und Hobbyhaltungen in Deutschland sowie 1.337 Fälle bei Wildvögeln. In Niedersachsen gab es insgesamt 181 Fälle bei Nutz- und Hobbyhaltungen sowie Wildvögeln, in Bremen fünf. Sehr stark betroffen waren daneben die Küstenländer Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, aber auch Brandenburg, Baden-Württemberg, Bayern und Thüringen hatten etliche Fälle. 

Wie viele Nutztierbestände in Niedersachsen waren betroffen und wie viele Tiere mussten gekeult werden?

Wir sind aktuell noch in der Abklärung der letzten Daten. Anhand der Entschädigungsanträge und Unterlagen der Landkreise gehen wir bis heute von 72 Ausbrüchen in Nutzgeflügelbeständen in Niedersachsen aus plus einem in Bremen. Dabei waren 52 Putenbestände, fünf Enten-, vier Elterntier-, vier Legehennen- sowie zwei Masthähnchenbestände. Insgesamt mussten ca. 1,1 Mio. Tiere gekeult werden.

Wie war die räumliche Verteilung der betroffenen Betriebe in Niedersachsen?

Der eindeutige Schwerpunkt lag im Landkreis Cloppenburg mit 40 Fällen, davon allein 28 in den beiden Gemeinden Bösel und Garrel. Nirgendwo in Deutschland gibt es eine vergleichbare Dichte an Putenbeständen wie in diesen beiden Gemeinden. In den umliegenden Landkreisen Oldenburg, Diepholz, Vechta und Emsland gab es einige Ausbrüche sowie einzelne in anderen Landkreisen.

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Wie lief die Abwicklung der Geflügelpestfälle, sprich die Tötung und Entsorgung der Bestände, die Reinigung und Desinfektion der Ställe?

Da kann ich den für die Abwicklung zuständigen Behörden und Organisationen GESEVO und im Emsland GSV und ihren Dienstleistern nur meine Hochachtung aussprechen. Alle Fälle wurden reibungslos abgewickelt, die Abläufe sind seit Jahren ge- und erprobt. Das LAVES liefert sechs Stunden nach Probenanlieferung das Ergebnis. Vom ersten Verdacht bis zur Keulung nach positivem Befund verging in der Regel maximal ein Tag. Bei einer hohen Viruslast zählt jede Stunde, da sind wir sehr gut aufgestellt.

Wie hoch sind die Kosten dieses Geflügelpestzuges?

Die Gesamtkosten des aktuellen Geflügelpestzuges liegen bei 22 Mio. €, davon entfallen fast 20 Mio. € auf den Putenbereich. Von den 22 Mio. € zahlt die Tierseuchenkasse 25 %, weitere 25 % kommen vom Land und 50 % von der EU.

Kann man abschließend etwas sagen zu den Ursachen des Seucheneintrags?

Beobachtungen aus dem Sommer und Herbst und der genetische Abgleich haben gezeigt, dass der Eintrag durch Zugvögel direkt oder indirekt aus asiatischen Bereichen erfolgte. Dass die Ausbreitung so heftig war, liegt unter anderem daran, dass das Geflügelpestvirus dieses Mal sehr aggressiv war, betroffene Tiere wiesen eine hohe Viruslast auf. Infolge gab es auch im Umfeld infizierter Tiere sehr viel Virus.

Begünstigt wurde das Pestgeschehen ohne Zweifel durch die sehr große Zugvogel-Population in Norddeutschland. Viele Zugvögel ziehen im Winter gar nicht mehr weiter nach Süden und Westen, sie bleiben hier. Je mehr Kontaktmöglichkeiten es bei einem Stall dann zur Außenwelt gibt, desto stärker ist der Bestand gefährdet.

Und nicht wegdiskutieren lässt sich, dass es im Landkreis Cloppenburg in einigen Gemeinden eine große Tierdichte bei Puten gibt.

Was bedeuten diese Erkenntnisse für die Zukunft?

Der Vorstand der Niedersächsischen Tierseuchenkasse wird dem Verwaltungsrat empfehlen, die Geflügelkasse in zwei Jahren wieder zu füllen. Wir werden hier vermutlich dauerhaft mit dem Geflügelpestvirus leben müssen. Bislang war es so, dass 60 % der Kosten eines Seuchengeschehens von Haltern der betroffenen Tierart wieder einbezahlt werden müssen, 40 % von den Geflügelhaltern allgemein. Wir haben in Niedersachsen die Besonderheit, dass es bei Geflügel insgesamt zehn verschiedene Beitragskassen gibt, bei Puten noch mal unterteilt nach Alter und Geschlecht.

Die Tierseuchenkasse möchte darauf hinwirken, dass es künftig eine verursachergerechtere Verteilung der Kosten gibt.  Eines ist klar: Das Virus wird im kommenden Winter nicht weg sein und es werden große Anstrengungen nötig sein, neue Pestfälle zu verhindern. Unsere Kasse kann nicht jedes Jahr ein Seuchengeschehen von diesem Ausmaß finanzieren. Die Frage ist, ob es stallbautechnisch oder strukturell Änderungen geben kann, die den Seuchenschutz verbessern.

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