Kalb an der Tränke - was brauchen Kälber?
Annette Reiners, LWK Bremen | am

Was Kälber wollen und brauchen

Bei einer Exkursion des Projekts Netzwerk Fokus Tierwohl auf den Zuchtbetrieb von Carsten Morisse in Bremen-Rekum standen die Kälber im Mittelpunkt. Morisse und Beraterin Bärbel Achelpöhler schilderten, was Kälber brauchen.

Bei einem Seminar des Netzwerks Fokus Tierwohl, veranstaltet von der LWK Bremen auf dem Zuchtbetrieb von Carsten Morisse in Bremen-Rekum, standen die Kälber im Mittelpunkt. Kälberberaterin Bärbel Achelpöhler (Dairy Top) schilderte anschaulich und praxisnah, wie einfach es sein kann, gesunde und frohwüchsige Kälber aufzuziehen – unabhängig von der Betriebsgröße.

Kolostrum sorgt für ein gutes Immunsystem

Besonders detailliert ging sie auf das Thema Kolostrum ein. Nur ein hygienisch einwandfreies Kolostrum innerhalb der ersten vier Stunden in der Menge von zehn Prozent des Geburtsgewichtes mit einem Brixwert von mindestens 22 und einer Tränketemperatur von 39 °C sorgt für den gewünschten Effekt: bestmögliche Funktion des Immunsystems.

Für die Bewertung der Brix-Refraktometerwerte gilt:

  • > 22 = gute Qualität,
  • 18 bis 22 = mit besserem Kolostrum mischen,
  • < 18 = Kolostrum für die zweite Mahlzeit.

Kolostrum richtig handhaben

Möchte das Neugeborene die Menge nicht aus der Flasche aufnehmen, empfiehlt Achelpöhler das Drenchen. Es bestehe immer das Risiko von Bakterien und Viren im Kolostrum, die mit den Immunglobulinen um den Zugang (Absorption im Dünndarm) konkurrieren. Häufige Beobachtungen in der Beratungspraxis seien, dass Kolostrum zu oft umgefüllt werde, zu lange bei Raumtemperatur lagere oder zu lange im Kühlschrank stehe. Gekühlte Kolostrumportionen können zehnmal mehr Bakterien enthalten als frisch gemolkene. Achelpöhler empfiehlt daher, Kolostrum zu pasteurisieren (Erwärmen auf 60 °C für 60 Minuten). Vorteile seien signifikant reduzierte oder eliminierte Krankheitserreger bei einer besseren Absorption der Immunglobuline. Es gingen keine Immunglobuline verloren und die Viskosität bleibe gleich.

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Gute Bedingungen vom ersten Lebentag an

Rinderzüchter Morisse führte die Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer durch seine Stallungen. Die Kälber stehen anfangs in Einzeliglus und anschließend im großen Kälberstall mit Gruppenabteilen auf Stroh und Tränkeautomat. Sie sind fit, agil und haben glattes Fell sowie zufriedenstellende Zunahmen. Ein Betriebszweig ist bei Morisse die Kälber- beziehungsweise Färsenaufzucht und die Färsenvermarktung über Auktionen.

"Um in diesem Betriebszweig bestehen zu können, bin ich darauf angewiesen, dass sich meine Nachzucht vom ersten Tag an gut entwickelt. Im Kälberstall wird der Grundstein gelegt, damit sich aus dem neugeborenen Kuhkalb eine gesunde, produktive Milchkuh entwickelt – nicht nur für die Verkaufstiere, sondern auch für die eigene Nachzucht. Hier bei uns kümmere ich mich selbst täglich um die Kälber", erklärte der Betriebsleiter.

Besatzdichte

Die Besatzdichte in den Gruppenbuchten ist gering mit vier bis fünf m² pro Kalb. Die Iglus und Gruppenbuchten sind mit viel Stroh eingestreut. Achelpöhler spricht von einer Einstufung der Einstreumenge und -qualität von eins bis drei:

  • Bei Nestscore 1 sind die Beine beim liegenden Kalb im Stroh komplett zusehen,
  • bei Score 2 sind sie halb
  • und bei Score 3 gar nicht zu sehen.

Mit viel Stroh einstreuen

Dass immer dick und trocken eingestreut sein muss, hat verschiedene Gründe:

  • Kälber werden mit wenig Körperfett geboren, doch Körperfett ist wichtig für das Immunsystem und hilft, die Körpertemperatur zu halten.
  • Kälber haben im Winter Kältestress. Sie nutzen Körperfett und Nährstoffe aus der Milch, um ihre Körpertemperatur zu halten, anstatt zu wachsen.
  • Betriebe mit einem Nestscore von 3 haben weniger Atemwegserkrankungen, da die Tiere keine Fettreserven mobilisieren müssen, um ihre Körpertemperatur zu halten. So stehen diese dem Immunsystem zur Verfügung. Deshalb sind Kälberdecken im Winter für jedes Kalb im Außenklima zu empfehlen.

Kälber mit Trocken-TMR bedarfsgerecht füttern

Morisse mischt speziell für die Bedürfnisse der Kälber eine schmackhafte Kälber-Trocken-TMR. Die Komponenten dafür kauft er einzeln, lagert sie ein und mischt alle 14 Tage auf Vorrat im Futtermischwagen. Achelpöhler nannte einige Punkte zur Trocken-TMR für Kälber:
  • Sie wird den Bedürfnissen der Kälber entsprechend zusammengesetzt.
  • Sie enthält alle Bestandteile, die das Kalb von den ersten Lebenstagen bis nach dem Absetzen benötigt (Stärke, Eiweiß, Energie und Struktur);
  • Wichtig sind hohe Protein-, Stärke – und Energiegehalte gepaart mit hoher Schmackhaftigkeit und ein hoher Energiegehalt mit ausreichender Struktur gegen Azidose.
  • Raufutter wie gemahlenes Stroh oder gemahlene Luzerne sollte eine Länge von ein bis zwei cm haben.
  • Die Kälber erhalten konstantes, immer gleichbleibendes Futter bis nach der Tränkephase.
  • Eine frühe und optimale Pansenentwicklung hat positiven Einfluss auf das Wachstum nach dem Abtränken.
  • Sortieren ist nicht möglich durch zum Beispiel flüssige Melasse in der TMR.
  • Der Rohproteingehalt liegt zwischen 16 und 19 Prozent, der Energiegehalt bei zehn bis zwölf MJ ME.
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