Verbot-Kükentöten-Interview-KAT-B1_CDL
Christa Diekmann-Lenartz | am

Kükentöten - wie geht die Branche mit dem Verbot um?

Seit dem 1. Januar diesen Jahres dürfen hierzulande keine männlichen Eintagsküken mehr getötet werden. Wir fragten Dietmar Tepe, Geschäftsführer des Vereins für kontrollierte alternative Tierhaltung e.V. (KAT), wie die Branche mit dem Alleingang Deutschlands umgeht.

Herr Tepe, ohne KAT-Siegel werden in Deutschland nur noch wenig Eier im Laden vermarktet. Die Thematik "Ausstieg aus dem Kükentöten" betrifft KAT also auch massiv. Wie viele Legehennenplätze gibt es aktuell in Deutschland und wie viele davon tragen das KAT-Siegel?

In Deutschland werden aktuell ca. 50 Mio. Legehennen gehalten, etwa 468 Mio. davon in Boden-, Freiland- oder Biohaltung. Von diesen ca. 46 Mio. Plätzen befinden sich etwa 42 Mio. in Betrieben, die eine KAT-Zertifizierung haben. Damit tragen rund 90 % der in Deutschland im Laden verkauften Bodenhaltungs- sowie Freiland- und Bioeier das Siegel unseres Vereins. Die Eier aus der Haltung in ausgestalteten Käfigen, die es aktuell ja auch noch gibt, können das KAT Siegel grundsätzlich nicht erhalten und gehen vorwiegend in die Verarbeitung.

Das Verbot des Kükentötens gilt in Deutschland seit dem 1. Januar diesen Jahres, das Gesetz wurde erst 2020 beschlossen, die Umsetzungszeit war also extrem kurz. Wie ist Ihre Einschätzung, haben alle Brütereien in Deutschland den Ausstieg geschafft?

Alle deutschen Brütereien mussten es schaffen, sonst würden sie sich strafbar machen seit dem 1 Januar 2022. Der Ausstieg ist vollzogen, diese Aufgabe war aber organisatorisch mehr als ambitioniert. Das Problem nun: Es gibt Brütereien in Nachbarländern wie den Niederlanden, Belgien etc., die Eintags-Legehennenküken an Junghennenaufzuchtbetriebe nach Deutschland liefern. Oder Brut und Junghennenaufzucht erfolgen im Ausland und die Junghennen gehen anschließend an Legebetriebe in Deutschland.

Für die Brütereien außerhalb Deutschlands gilt das neue Gesetz nicht, sie dürfen weiter Eintagsküken töten. Das ist ein klarer Wettbewerbsnachteil für deutsche Brütereien. Es ist das gleiche Problem wie bei den Käfigeiern vor einigen Jahren. In Deutschland wurde die Käfighaltung viel früher als in der übrigen EU verboten, aber importieren kann man weiter Käfigeier, auch das ist Wettbewerbsverzerrung.

Die Forderung nach einem Ausstieg aus dem Kükentöten kam ja auch von Verbraucherseite bzw. vom Lebensmittelhandel, LEH. Wie sieht es Ihrer Einschätzung nach im LEH mit den "OKT-Eiern", also den Eiern "Ohne Küken-Töten" aktuell aus?

Die großen Lebensmittelketten haben zum Teil ja schon länger sogenannte OKT-Eier im Angebot. Das waren zu Beginn einzelne Projekte wie zum Beispiel "Spitz und Bube" bei REWE oder die Bruderhahn-Initiative von Kaufland. Jetzt sind alle großen Ketten dabei, vielfach ist ausgelobt, dass künftig ausschließlich "OKT-Eier" angeboten werden sollen. Das Thema wird aktuell aktiv gepusht.

Bis etwa Mitte/Ende 2023 wird es in Deutschland naturgemäß aber noch Eier geben, die keine OKT-Eier sind. Hennen, die kurz vor Ende 2021 geschlüpft sind und sich aktuell erst in der Aufzucht befinden, werden spätestens im Mai 2022 als Legehennen eingestallt und dann noch rund 60 – 70 Wochen in den Legebetrieben stehen und Eier legen. Es gibt also eine biologische Übergangsfrist.

Welche Alternativen zum Kükentöten nutzen die deutschen Brütereien nach Ihrem Kenntnisstand?

Der KAT e.V. akzeptiert grundsätzlich alle gesetzlich zugelassenen Verfahren zur Vermeidung des Kükentötens.Sehr zugenommen hat in den vergangenen ein, zwei Jahren die Aufzucht von Bruderhähnen. Gerade in Niedersachsen sind dafür viele konventionelle Masthähnchenställe, aber auch Enten- und vereinzelt Putenställe umgerüstet worden. Viele Bruderhähne werden aber in Polen aufgezogen. Dort sind neue Ställe gebaut worden. Ob die Bruderhahnaufzucht eine längerfristige Alternative ist, bleibt abzuwarten. Während sie bei den Bioeiern wohl gängige Praxis bleiben wird, gibt es auch aus Nachhaltigkeitsgründen ernstzunehmende Kritik von Fachleuten.

Die Umstellung auf Zweinutzungsrassen als Alternative ist heute eine Nische und wird das meines Erachtens auch bleiben. Für Ökobetriebe mit Direktvermarktung kann das eventuell passen, nicht aber für die Mehrheit der Legehennenbetriebe.

Zur Geschlechtsbestimmung schon im Ei sind in Deutschland bereits mehrere Verfahren im Einsatz. Als Damoklesschwert schwebt über diesen Verfahren der Termin 1. Januar 2024, das ist schon in zwei Jahren. Ab dann muss die Geschlechtsbestimmung im Ei bereits vor dem 6. Bruttag erfolgen. Soweit mir bekannt, kann das aber bisher trotz intensiver Forschung keines der Verfahren auf dem Markt. Und von keinem der Verfahren gibt es eine Meldung, dass das in zwei Jahren funktionieren wird. Da bleibt abzuwarten, welche Fortschritte in den nächsten zwei Jahren noch gemacht werden.

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