Familie-Lorenz-Nordhessen-DSC04143
Imke Brammert-Schröder | am

Milch nach Verbraucherwunsch

Bei der Initiative „Du bist hier der Chef!“ entscheiden die Verbraucher, was ihnen bei der Produktion der Nahrungsmittel wichtig ist. Den Anfang machte die Milch. Seit Kurzem gibt es sie im Lebensmittelhandel zu kaufen.

Lebensmittel haben häufig ein Vertrauensproblem. Ist das drin, was die Verpackung suggeriert? Wo kommen die Rohstoffe her und wie werden sie produziert? Welches System unterstütze ich mit meinem Einkauf?

Bekommt der Verbraucher auf diese Fragen keine Antworten, greift er oft zum günstigsten Produkt. „Ein System, dass keine Antworten liefern kann, fällt irgendwann um“, sagt Nicolas Barthelmé, Gründer der Initiative „Du bist hier der Chef! Die Verbrauchermarke e.V.“.

Hier entscheiden die Verbraucher, nach welchen Kriterien die Lebensmittel produziert werden. Diese Initiative hat Barthelmé im Juni 2019 nach französischem Vorbild ins Leben gerufen. Der Verein bringt die Verbraucher zusammen, definiert mit ihnen die Ideal-Produkte und sorgt für Transparenz im Kreationsprozess und in der Wertschöpfungskette.

Die faire Milch macht den Anfang

Nicolas-Barthelmé-DSC04092

Immer mehr Menschen hinterfragen die Produktion der Lebensmittel, die sie im Handel kaufen können. Da kommt die Schaffung einer Marke gerade recht, die die Wünsche und Erwartungen der Verbraucher in den Vordergrund rückt.

Den Auftakt machte die Milch. Über einen Fragebogen im Internet konnten die Verbraucher abstimmen, welche Kriterien ihnen bei der Milch wichtig sind: Bio oder Konventionell, die Fütterung der Tiere, das Tierwohl, die Vergütung der Landwirte, die Verpackung und vieles mehr; acht Punkte standen zur Wahl.

Milchpreis liegt bei 0,58 je Liter

Du-bist-hier-der-Chef-Milch

„9.308 Verbraucher haben mitgemacht und den Fragebogen ausgefüllt“, erklärt Barthelmé. Daraus hervorgegangen ist eine Biomilch von Kühen, die mindestens vier Monate im Jahr Weidegang haben und im Stall mit regional erzeugtem Kraftfutter und Grundfutter, das aus Heu und Silage, aber auch aus frischem Gras besteht, gefüttert werden.

Die Extra-Portion Frischgras ist natürlich nur während der Vegetationsperiode möglich. Die Auswertung der Fragebögen ist unter www.dubisthierderchef.de veröffentlicht. Bei der Vergütung der Landwirte entschieden sich die Verbraucher für einen fairen Milchpreis, der es dem Landwirt ermöglicht, in seinen Betrieb zu investieren.

Er liegt bei 0,58 € je Liter Milch und leitet sich aus dem Biomilchmarker-Index ab. 70 Cent werden für die Molkerei, Verpackung, Logistik und Handel ausgegeben, die Initiative erhält sieben Cent und die Mehrwertsteuer macht zehn Cent aus. Ergibt zusammen einen Preis von 1,45 € für eine Liter Milch. Die Lieferanten sind zurzeit 15 Betriebe aus Nordhessen. Sie haben zwischen 25 und 120 Kühe und bewirtschaften durchschnittlich 130 Hektar Grünland und Acker.

Großer Erfolg in Frankreich

In Frankreich gibt es die Initiative mit dem Titel „C’est qui le patron?!“ seit vier Jahren. Dort werden mehr als 35 nach den Verbraucherwünschen erzeugte Produkte erfolgreich vermarktet, die Marke hat rund 16,2 Mio. Käufer.

„350 Landwirte leben heute in Frankreich von der für die Bewegung produzierte Milch“, berichtet Barthelmé. Die französische Bewegung zählt heute mehr als 10.000 Mitglieder. „C’est qui le patron?!“ sei in Frankreich die Lebensmittelmarke, mit dem stärksten Umsatzwachstum im vergangenen Jahr.

Barthelmé hat Betriebswirtschaft studiert und zwanzig Jahre in Marketing und Vertrieb im Lebensmittelbereich gearbeitet. In Deutschland läuft gerade die Markteinführung der ersten Verbrauchermilch an. Seit Juli steht die Milch der Initiative mit einer aufgedruckten Kaufpreisempfehlung von 1,45 € pro Liter in den Kühlregalen von 400 Rewe-Märkten in Hessen und im Rhein-Main-Gebiet.

Die Milchverpackung „spricht“ mit dem Käufer

Der blaue Tetrapack kommt ohne schöne Bilder aus, die Verpackung spricht für sich. Das beginnt mit dem Schriftzug „Diese Milch wurde von uns Verbrauchern gewählt“ und setzt sich bei der genauen Beschreibung fort, wie die Milch produziert wird und wie viel Geld jeder an der Verarbeitungskette Beteiligte für einen Liter erhält.

Als Partner fungiert die Upländer Bauernmolkerei aus Willingen im Norden von Hessen, die ausschließlich Biomilch aus der Region verarbeitet. „Wir fanden die Initiative von Anfang an gut“, erklärt Geschäftsführerin Karin Artzt-Steinbrink. Vor allem die Einbindung der Verbraucherwünsche hinsichtlich der Produktionsbedingungen der Milch begeistert sie – denn damit wird Vertrauen in die Produkte geschaffen. „Der Preis ist nur ein Problem, wenn die Verbraucher kein Vertrauen in das Produkt oder das System haben“, ergänzt Barthelmé.

Milch-Melken-Milchkuh-Melkstand-Kuh.jpg

Milchviehhalter sehen eine Riesenchance

Bei den Landwirten, die in der Milcherzeugergemeinschaft Hessen organisiert sind und ihre Biomilch an die Upländer Bauernmolkerei liefern, stieß die Idee von der Verbrauchermilch auf offene Ohren. Ihr Vorsitzender, Sven Lorenz, war früh mit Nicolas Barthelmé ins Gespräch gekommen und hat in dem Projekt Chancen für die Biomilcherzeuger gesehen.

„Wir produzieren im Schulterschluss mit den Verbrauchern. Das ist eine Riesenchance für uns Landwirte und genau das, was der Markt braucht“, so Lorenz. Er ist einer der fünfzehn Landwirte, die Milch für die Initiative liefern. Seine 120 Kühe stehen in einem Boxenlaufstall. Die breiten planbefestigten Laufgänge zwischen den Liegeboxenreihen kommen ohne Überdachung aus und dienen gleichzeitig als Laufhof. Das Melken übernimmt seit knapp drei Jahren ein Melkroboter. Im Sommer haben die Kühe täglich Weidegang und werden zusätzlich mit Frischgras statt Silage gefüttert. Diese Art der Fütterung bringt eine geringere Milchleistung mit sich. Das Kraftfutter für die Chefmilch soll ausschließlich regional erzeugt werden, ein großer Kostenfaktor.

Handel ist auf der Suche nach neuen Konzepten

Barthelmé hat seine Idee von der Verbrauchermilch bei verschiedenen Lebensmitteleinzelhändlern vorgestellt: „Die Resonanz war sehr gut, denn auch der Handel sucht nach neuen Konzepten“. Letztlich startete die Markteinführung bei Rewe.

„Der Empfang bei den Gesprächen war spannend“, berichtet Lorenz über die Vertragsverhandlungen. Auch Mitglieder des Vereins waren dabei, um die Seite der Verbraucher zu vertreten. „Wir haben durch den gemeinsamen Auftritt beim Handel den Schulterschluss zwischen Verbrauchern und Landwirtschaft demonstriert und deutlich gemacht, dass ein Mehr an Tierwohl auch etwas kostet. Die Forderung muss vom Verbraucher kommen, das stellt das bisherige System auf den Kopf“, sagt Lorenz.

Keine Diskussion im den Lebensmittel-Preis

Weil die Konzeption der Verbrauchermilch so klar und transparent ist, gab es auch keine Diskussionen um den Preis. Für Lorenz ist noch ein Aspekt sehr wichtig: „Durch das Projekt rücken Landwirte und Verbraucher wieder enger zusammen, es ist ein persönlicher Austausch möglich.“ Bei der ersten Mitgliederversammlung des Vereins, die in Form einer Webkonferenz stattfand, konnte der Bioland-Milcherzeuger viele Fragen zur Milchviehhaltung beantworten und auch bestehende Vorurteile hinsichtlich des Gülleeinsatzes auf den Feldern ausräumen.

Eier, Kartoffeln, Butter: Weitere Produkte in Planung

Und es geht weiter: Im Internet unter www.dubisthierderchef.de steht aktuell der Fragebogen bereit, mit dem Verbraucher die Kriterien für die Eierproduktion entscheiden können. Dabei geht es um Boden-, Freiland- oder Biohaltung, Futtermittel, Rasse, Vergütung für den Landwirt und auch, wie mit den männlichen Küken verfahren wird.

So wird der Verkaufspreis ermittelt. Alle Antworten des Fragebogens werden ausgewertet, das Ergebnis in einem Pflichtenheft zusammengefasst.Gleichzeitig suchen die Initiatoren Landwirte, Hersteller und Händler, damit das Produkt in die Vermarktung gehen kann. Die Einhaltung der festgelegten Produktmerkmale wird durch ein externes Prüfungsinstitut und durch Besuche der Initiative bei den Partnern kontrolliert. Auch die nächsten Produkte stehen schon fest. Es sollen Kartoffeln und Butter folgen.

Inhalte der Ausgabe

  • Thema der Woche: Landwirte im Klimawandel - Täter, Opfer oder Retter?
  • Tierhaltung: Innovationspreis Tierwohl (ITW) für Schweinemäster aus Haschenbrok
  • Forst: Ergebnis Waldzustandsbericht - Fichtenschäden sind verheerend

Reinschnuppern: 12 Ausgaben ab 10€

Jetzt bestellen

Digitale Ausgabe

Jetzt bestellen
digitalmagazin

✔ Mehrleser-Funktion

✔ Artikel merken und teilen

✔ exklusiv: Audio und Video

✔ 1 Tag früher informiert

Digitale Ausgabe

✔ 3 Endgeräte
✔ Merkliste
✔ Audio und Video
 
Das könnte Sie auch interessieren

Inhalte der Ausgabe

  • Thema der Woche: Landwirte im Klimawandel - Täter, Opfer oder Retter?
  • Tierhaltung: Innovationspreis Tierwohl (ITW) für Schweinemäster aus Haschenbrok
  • Forst: Ergebnis Waldzustandsbericht - Fichtenschäden sind verheerend

JETZT DAS WOCHENBLATT KENNENLERNEN – GEDRUCKT ODER DIGITAL!

Reinschnuppern: 12 Ausgaben ab 10€

Jetzt bestellen