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Norbert Lehmann | am

Warum der Milchpreis im Norden plötzlich höher ist als in Bayern

Das jahrelang übliche Süd-Nord-Gefälle der Milchpreise ist gekippt. Plötzlich sind die Milchbauern im Norden im Vorteil.

Über viele Jahre konnten die norddeutschen Milcherzeuger nur frustriert mit anschauen, wie die Molkereien in Süddeutschland Monat für Monat die höheren Erzeugerpreise auszahlten. Bayern und Baden-Württemberg lagen im regionalen Ranking regelmäßig an der Spitze, Schleswig-Holstein wohnte im Keller. Mit der aktuellen Hausse am Milchmarkt ist dieses gewohnte Preisgefälle jedoch ins Gegenteil gekippt. Plötzlich liegen die Auszahlungspreise im Norden über dem bundesweiten Durchschnitt. Einstige Spitzenauszahler im Süden haben im Milchpreisvergleich nun die rote Laterne übernommen. Wie kommt das?

Preisdifferenz zwischen Nord und Süd von mehr als 3 Cent

Die Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) sprechen eine eindeutige Sprache. Monatlich veröffentlicht die BLE durchschnittlichen Milchpreise in den Bundesländern. Und danach lag der Erzeugerpreis für konventionelle Kuhmilch im Jahr 2020 in Baden-Württemberg um 1,84 Cent und in Bayern um 1,51 Cent über dem bundesweiten Durchschnitt von 32,84 Cent/kg Milch ab Hof mit 4 Prozent Fett und 3,4 Prozent Eiweiß. In Schleswig-Holstein erhielten die Milcherzeuger hingegen im Mittel 1,76 Cent weniger als der Bundesdurchschnitt. Summiert betrug das Preisgefälle zwischen Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein 3,6 Cent zugunsten der Süddeutschen. Das ist eine enorme Differenz, mehr als 10 Prozent des Auszahlungsniveaus.

Jetzt führt der Norden die Tabelle an

Aktuell hat sich diese Preisdifferenzierung umgekehrt. Für den Januar, jüngere Zahlen hat die BLE noch nicht veröffentlicht, verzeichnet Baden-Württemberg und Bayern ein Auszahlungsniveau, das um 0,44 Cent beziehungsweise 0,34 Cent unter dem bundesweiten Durchschnitt von 41,64 Cent je kg Milch liegt. Die Milchbauern in Schleswig-Holstein konnten sich hingegen über ein mittleres Auszahlungsniveau von 43,55 Cent freuen. Sie hatten damit einen Vorteil von 2,25 bis 2,35 Cent gegenüber den Kollegen im Süden. Die Erklärung für dieses umgekehrte Verhältnis liegt in den typischen Verarbeitungsprodukten der Molkereien beziehungsweise in ihrer Abhängigkeit vom Lebensmitteleinzelhandel.

Nachteil durch den Lebensmitteleinzelhandel

Vereinfacht ausgedrückt gilt: Je mehr Milch eine Molkerei zu Massenprodukten wie Milchpulver und für den Export produziert, desto besser kann sie im Moment auszahlen. Umgekehrt gilt: Je mehr sie Verbraucherprodukte für den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) herstellt, desto schlechter ist das für den Milchpreis. Denn mit dem LEH schließen die Molkereien üblicherweise Lieferkontrakte. Diese haben meist eine Laufzeit von mehreren Monaten bis zu einem halben oder einem ganzen Jahr. Somit sind die Erlöse der Molkerei für diesen Zeitraum festgeschrieben. Einen schnell steigenden Milchpreis am freien Markt können sie mit ihrem Produktportfolio nicht erwirtschaften. Dagegen sind die Hersteller von Magermilchpulver und Butter, die auf dem Weltmarkt frei gehandelt werden, im Vorteil. Sie können ihre Erlöse im Gleichschritt mit dem anziehenden Weltmarktpreis erhöhen – und das auch an die Milchbauern weitergeben.

Spitzenauszahler plötzlich im Keller

In den vergangenen Jahren war das stets anders: Da waren jene Molkereien im Vorteil, die Markenprodukte mit höherer Wertschöpfung an den LEH lieferten. Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist die Genossenschaft MW Berchtesgadener Land. Lange Zeit konnte das Unternehmen dank seinen im Handel hochpreisig angesiedelten Produkten den Milchlieferanten einen Spitzenpreis auszahlen. Im Februar 2020 war der Auszahlungspreis der Pidinger Genossenschaft 2 Cent höher als das Bundesmittel. Im Februar 2022 hinkt der Erzeugerpreis dagegen um etwa den gleichen Betrag dem Bundesdurchschnitt hinterher. Auch Molkereien, die relativ viel Trinkmilch herstellen, wie etwa Hochland und Arla Foods, zahlen derzeit vergleichsweise schlecht aus. Eine umgekehrte Erfahrung machen Milcherzeuger, die an Deutschlands größte Molkerei liefern, das Deutsche Milchkontor (DMK). Die Bremer Genossenschaft, die zwar auch für den Einzelhandel, aber eben auch sehr viel für den Export produziert, lag im Februar 2020 mit 33,2 Cent um 1,6 Cent unter dem Bundesmittel. Im Februar 2022 gehörte das DMK zu den am besten auszahlenden Molkereien und übertraf den deutschlandweiten Durchschnitt deutlich.

Beobachter erwarten weiter massiv steigende Milchpreise

Aus Sicht des Verbandes der Milcherzeuger Bayerns (VMB) kommt daher den nächsten Kontraktverhandlungen zwischen Molkereien und Einzelhandel immense Bedeutung zu. Bisher stemmt sich der Lebensmitteleinzelhandel mit all seiner Einkaufsmacht gegen eine Anhebung der Einkaufspreise, die den gestiegenen Produktionskosten der Milcherzeuger Rechnung tragen würde. Der Milchindustrie-Verband (MIV) beobachtet, dass der Handel zum 1. April nur für die wenigsten Milchprodukte höhere Einkaufspreise akzeptiert hat. Eine größere Preisanpassung erwartet der MIV daher zum Sommer. Die wäre dringend notwendig. Der Milchindustrie-Verband schätzt, dass viele Molkereien finanziell stark unter Druck stehen. Zugleich müssen unbedingt höhere Erzeugerpreise erwirtschaftet werden, denn die Kosten der Milchbauern für Futter, Energie und Dünger sind extrem in die Höhe geschossen. Für den VMB ist daher klar: Die Milchpreise werden weiter massiv ansteigen, und das auch in Bayern.

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