Schlachthofschließungen-Corona-B1_CDL
Christa Diekmann-Lenartz | am

Schweinemarkt: "Ernst der Lage noch nicht begriffen“

ASP reicht eigentlich schon, aber für Schweinehalter kommt es derzeit immer noch dicker: Corona-Ausbruch erst in Sögel, dann bei Vion. Zwar ist die Schließung in Sögel erst mal abgewendet, aber das hilft nicht weit. Bernd Terhalle, Geschäftsführer der emsländischen Erzeugergemeinschaft für Qualitätsvieh Hümmling, schätzt die aktuelle Lage ein.

Bernd Terhalle hat in seinem Berufsleben schon viele schwierige Zeiten erlebt: langanhaltend katastrophale Preise, bei denen auf den Betrieben richtig Geld verbrannt wurde, oder die Schweinepest mit massenhaften Keulungen gesunder Tiere.

Aber die derzeitige Situation ist für ihn nicht vergleichbar: „Viele haben den Ernst der Lage überhaupt noch nicht begriffen“, sagt er zu den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskussionen und „Lösungsvorschlägen“, die angesichts der schon jetzt übervollen Ställe keine wirkliche Entlastung bringen würden.

Enormer Rückstau an Schweinen

Schlachthofschließungen-Corona-Terhalle_CDL

Terhalle ist Geschäftsführer der emsländischen Erzeugergemeinschaft für Qualitätsvieh Hümmling (EZG) in Lorup. Diese vermarket pro Jahr gut 1 Mio. Schlachtschweine und nicht viel weniger Ferkel, rund 850.000 waren es 2019. Das sind pro Woche etwa 16.000 Ferkel und 20.000 Schlachtschweine.

Und bei beidem gibt es einen deutlichen Rückstau – genauso wie bei anderen Vermarktern. Der Stau hat sich langsam aufgebaut, angefangen mit den ersten Corona-bedingten Schlachthofschließung in Nordrhein-Westfalen im Juli, dann folgten die reduzierten Schlachtmengen an allen Schlachthöfen durch Corona-Vorsichtsmaßnahmen.

Schlachthof Sögel schlachtet 5.000 Schweine

Nach dem vergangene Woche zunächst verhängten Schlachtverbot für Weidemark in Sögel hat der Landkreis Emsland am Wochenende zugestimmt, dass ab Montag dort zumindest wieder 5.000 Schweine pro Tag geschlachtet werden können – mit strengsten Hygieneauflagen. Vorher wurden 18.000 Schweine pro Tag geschlachtet.

Schweinehalter hatten vergangene Woche eine Demo in Meppen vor dem Kreishaus organisiert, aber auch Tönnies als Betreiber des Schlachthofs Weidemark hatte gegen die Schließung rechtliche Schritte eingeleitet.

Stau an Schweinen wird dramatisch

Bei Vion in Emstek musste die Schlachtmenge infolge von Corona-Infektionen bei Mitarbeitern auf 7.000 Tiere pro Tag zurückgefahren werden, sonst sind es weit über 10.000. „Das ist natürlich besser als gar nichts, aber der Stau an Tieren wird immer noch dramatisch größer“, sagt Terhalle. Es kommen immer noch mehr Schweine dazu, als vermarktet werden können.

Drei Wochen Wartezeit für Schweinehalter

Die Mäster seiner EZG müssen nach Anmeldung ihrer Schlachtschweine aktuell bis zu drei Wochen warten, bis ihre Tiere abgeholt werden. Dass die Schlachtgewichte da häufig die 100 kg-Marke überschreiten, ist klar.

Um den Schaden etwas abzumildern, wurde die EZG- eigene Abrechnungsmaske in der Gewichtsobergrenze um 3 kg angehoben. Aber über die Bezahlung wird derzeit nicht diskutiert, jeder sei nur froh, wenn die Schweine abgeholt werden.

Fehlende Schlachtkapazität: 200.000 Schweine pro Woche

Nach Ansicht von Bernd Terhalle bringt der Vorschlag, an Sonn- und Feiertagen Schlachtungen zuzulassen, nicht viel Entlastung: „Den Schlachthöfen fehlt doch das Personal für Extraschichten“, weiß er.

Diese Einschätzung teilt Heiko Plate vom Vermarkter VzF Uelzen. Plates Vorschlag: Es müssten zusätzliche Arbeitskräfte aus Osteuropa angeworben werden, damit die Schlachtmengen wieder erhöht werden können. Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands, ISN, bezifferte die fehlenden Schlachtkapazitäten mit derzeit etwa 200.000 Schweinen pro Woche.

Keine freien Kapazitäten an Schlachthöfen

Doch wo und wie sollen die geschlachtet werden? Vion teilte auf Anfrage mit, dass an allen anderen Standorten an der derzeit möglichen Kapazitätsgrenze gearbeitet werde. Die personelle Lage lasse auch keine zusätzlichen Schichten am Wochenende zu.

So können alle Lieferanten in Emstek derzeit nur etwa 50 % ihrer üblichen Mengen bringen. Auch an den niederländischen Schlachtstätten von Vion gebe es keine freien Kapazitäten. Und die Schlachtmengen in Deutschland könnten auch nur so gehalten werden, weil intern die Zerlegung umgesteuert werde. Bei den anderen Schlachthöfen dürfte die Situation nicht viel anders sein.

Betroffen sind längst auch die Ferkelerzeuger

Betroffen von den reduzierten Schlachtmengen sind längs auch die Ferkelerzeuger. „Im Flatdeck wird zu wenig Platz noch viel schneller problematisch als im Maststall, es kann dann schnell Beißereien etc. geben,“ weiß Bernd Terhalle.

Da in seiner EZG sowohl Ferkelerzeuger als auch Mäster Mitglieder sind, gibt es derzeit eine klare Ansage: Wer als Mäster sofort Ferkel wieder einstallt, wird bevorzugt bei der Abholung der Schlachtschweine.

„Wir müssen das so handhaben, anders geht es nicht,“ sagt er – und räumt ein, dass nicht alle Mäster dieser Meinung sind. Da gibt es auch mal harte Worte in diesen Tagen das bleibt aber die Ausnahme, viele Mäster haben dafür Verständnis.

Zugute kommt den Erzeugergemeinschaften – auch seiner – heute jedoch, dass es zu einem großen Anteil feste und langjährige Ferkelerzeuger-Mäster-Direktbeziehungen gibt – wo aktuell Solidarität gelebt werde.

Kapazität an Schlachthöfen müssen hochgefahren werden

Das reicht aber natürlich nicht, den Stau an Schweinen aufzulösen. Laut ISN gehen die Ferkelimporte schon etwas zurück, aber auch da gibt es langfristige Verträge mit Ferkelerzeugern in Dänemark oder den Niederlanden, die einzuhalten sind.

Das Einzige, was nach Auffassung von Bernd Terhalle hilft, ist, die Kapazitäten der Schlachthöfe wieder hochzufahren – natürlich unter Beachtung der nötigen Corona-Vorsichtsmaßnahmen. Momentan ist das jedoch nicht zu erkennen.

Die ISN meldete vergangene Woche schon einen Anstieg bei den Sauenschlachtungen. Aber weniger Besamungen, wie auch Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast sie forderte, kommen frühestens in einem halben Jahr mit weniger Ferkeln und in einem dreiviertel Jahr mit weniger Mastschweinen zum Tragen.

Das ist eine lange Zeit und das sind noch viele Schweine, die bis dahin geschlachtet werden müssen. Daran, dass es Nottötungen geben könnte, will auch Bernd Terhalle (noch) nicht denken.

Ein Schweinehalter berichtet

Mehr zum Thema gibt es auch zum Hören: Im Interview mit LAND & FORST-Chefredakteurin Maren Diersing-Espenhorst berichtet Jörn Ehlers über die aktuelle Lage der Schweinebrache. Ehlers ist Vizepräsident des niedersächsischen Landvolks und Schweinehalter, der von der Situation selbst betroffen ist und das persönlich schildert.

Ihnen gefällt diese Zusammenfassung aus der digitalen Ausgabe der LAND & FORST?

Lesen Sie jetzt den ausführlichen Artikel inklusive Audio-Interview mit Jörn Ehlers und testen Sie unverbindlich die digitale Ausgabe!

Produkte entdecken

Digitale Ausgabe

Jetzt bestellen
digitalmagazin

✓ Mehrleser-Funktion

✓ Artikel merken und teilen

✓ exklusiv: Audio und Video

✓ 1 Tag früher informiert

 
Das könnte Sie auch interessieren

Inhalte der Ausgabe

  • Agrarpolitik: Nährstoffbericht - Bedarf und Düngung nähern sich an
  • Pflanzenbau: Tipps zur Zuckerrübenaussaat
  • Tierhaltung: Wohlfühlatmosphäre für Kälber

JETZT DAS WOCHENBLATT KENNENLERNEN – GEDRUCKT ODER DIGITAL!

Reinschnuppern: 12 Ausgaben ab 10€

Jetzt bestellen