Über Tierwohl-Ställe wird weiter fleißig diskutiert. Führende Expertinnen und Experten haben jetzt auf Haus Düsse ganz konkrete Stallmodelle präsentiert.

Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Martina Hungerkamp | am

Stimmung in der ASP-Zone: Eine betroffene Schweinehalterin berichtet

Der ASP-Ausbruch in einem Hausschweinebestand im Emsland war ein Schock. Wie geht es den betroffenen Schweinehalterinnen und Schweinehaltern?

Vor gut drei Wochen ist im Landkreis Emsland auf einem Mastbetrieb die Afrikanische Schweinepest (ASP) ausgebrochen. Jutta und Karl Hövels halten Schweine und sind somit sehr davon betroffen. Sie haben einen Pachtbetrieb im 3 km-Radius, ihr Hauptbetrieb liegt etwa in 5 km Entfernung zum Ausbruchsort.

Die Sauenhalterin Jutta Hövels beschreibt emotional und authentisch, wie die ersten Tage nach Feststellung des ASP-Ausbruchs bei ihr abgelaufen sind und was das für ihre Betriebe bedeuten könnte.

Jutta-Hoevels-Schweinehalterin-ASP-Emsland.jpg

Frau Hövels, wie haben Sie von dem Ausbruch der ASP erfahren?

Wir feierten am 1. Juli den Schulabschluss unseres Sohns. Er will jetzt zum Agrargymnasium gehen und möchte auch unseren Betrieb übernehmen. Abends war dann der Abschlussball, da haben wir mit vielen Bekannten sehr schön gefeiert, auch mit zwei weiteren Landwirten. Um etwa 22 Uhr habe ich mal auf mein Handy geschaut ... 20 Nachrichten bei WhatsApp. ASP in Emsbüren!

Was war Ihr erster Gedanke?

Schockstarre. Genau wusste es keiner, es wurden mehrere Ortsteile genannt. Ich bin mit dem Handy zu meinem Mann und dem anderen Landwirt. Eine Stunde Schockstarre. An dem Abend ist mir das Herz in die Hose gerutscht. Wir saßen noch bis um halb 3 zusammen. Als wir zu Hause waren konnte ich nicht einschlafen...das hat bis 5 Uhr gedauert.

Ratlosigkeit nach ASP-Ausbruch im Emsland

Was geschah am Samstag, nach der offiziellen Bestätigung?

Wir versuchten erstmal, die Lage zu erfassen. Bei wem ist es überhaupt ausgebrochen? Schnell stellte sich heraus, dass es bei einem Stammtischkollegen meines Mannes war.

Wir fragen uns auch, was unsere nächsten Schritte sein müssten. Es folgte eine endlose Telefonie bis nachmittags. Dann haben wir bei uns nochmal alles überprüft: Sind wirklich alle Zäune dicht, sind die Desinfektionsmatten alle dort, wo sie sein sollen.

Wir haben irgendwie funktioniert, auch wenn wir eigentlich alle neben uns standen.  Die Anteilnahme war riesig. Viele Leute, die nichts mit der Schweinehaltung oder Landwirtschaft zu tun haben, fragten uns, was das jetzt für uns zu bedeuten hat. Je mehr wir ihnen erklärten, desto länger wurden die Gesichter. Alle waren betroffen, alle Gedanken galten der Familie, in deren Betrieb die ASP ausgebrochen war.

Haben Sie viel von der Keulung auf dem betroffenen Betrieb mitbekommen?

Ja, bereits am Samstagsnachmittag wurden die ganzen Gerätschaften auf dem Hof aufgebaut, am Sonntagmorgen sollte es beginnen. Die zuständigen Behörden rieten der Familie, den Hof zu verlassen. Alle bis auf den Betriebsleiter sind weggefahren.

Es war Wahnsinn, mindestens drei TV-Sender haben versucht, von der hinteren Zufahrt her zum Betrieb zu kommen und Bilder von der Keulung zu machen. Ein Nachbar hat dann seinen Trecker quer auf die Straße gestellt, damit niemand mehr vorbeikonnte.

An der Haupteinfahrtsstraße stand nur eine Absperrung der Gemeinde, mit einem umgedrehten Schild. Mehr nicht.

Im Nachbarkreis Grafschaft Bentheim stehen inzwischen im Sperrgebiet überall Schilder, Warntafeln mit der Info, dass die Pest ausgebrochen ist. Sehr vorbildlich. Bei uns war nicht mal im 3-km-Umkreis irgendwas aufgestellt.

Gab es Informationen zum Vorgehen in dem ASP-Fall von offizieller Seite?

Ja, am Samstagnachmittag kam endlich ein Video unseres Ringleiters. Er gab uns genauere Informationen dazu, welches Prozedere jetzt wie abläuft.

Wir selbst hatten glücklicherweise vor dem Wochenende ziemlich viel ausgestallt. Aufgrund der ganzen miserablen Lage hatten wir bereits von 400 auf 200 Sauen abgestockt. Im Juni dieses Jahres stand nach reiflicher Überlegung der Plan, weiter auf 100 Sauen abzustocken und mit diesen im geschlossenen System weiterzumachen. So hatten wir erstmal genügend Platz. Nur 60 Mastschweine, die angemeldet waren, konnten wir bis heute nicht verladen und vermarkten. Wenn wir Glück haben, können wir sie zum nächsten Wochenende verladen, zu welchem Preis wissen wir nicht.

Haben Sie denn eine Ertragsschadensversicherung?

Ja, das wird der nächste Kampf sein. Aber durch den hohen Selbstbehalt, den wir haben, wird für uns nicht viel dabei rauskommen.

Mussten Sie aufgrund Ihrer Lage noch mehr beachten?

Ja, weil unser Pachtbetrieb im 3-km-Radius liegt. Das Veterinäramt informierte uns am Montagnachmittag (4. Juli) darüber, dass der Landkreis Bestecke zur Probenentnahme verteilt. Es gab die Anweisung, dass bei jedem Falltier eine Blutprobe gezogen werden muss und wie diese zu ziehen ist.

Was uns doch sehr verwunderte, ist, dass einige Institutionen ihre Mitarbeiter anscheinend nicht genug geschult hatten, so dass aus Biosicherheitsgründen schwere Fehler gemacht wurden.

ASP-Ausbruch könnte für viele Sauenhalter im Emsland letzter Sargnagel sein

Haben Sie Kontakt zu der vom ASP-Fall betroffenen Familie? Wie geht’s denen?

Wir haben sie angeschrieben, eben weil wir gut mit ihnen befreundet sind. Helfen können wir nicht. Es geht ihnen sehr schlecht.

Welche Lehren ziehen Sie aus dem ASP-Ausbruch im Emsland?

Bei uns persönlich geht es in der Schweinehaltung ans Eingemachte. Die letzten zwei Jahre waren schon hart, dies könnte für die Sauenhaltung auf unserem Betrieb der letzte Sargnagel sein. Zudem muss unser Stall komplett umgebaut werden, wenn wir künftig weiter Sauen halten wollen. Zum Glück haben wir dank unserer Biogasanlage ein zweites Standbein.

Hoffnung, dass es irgendwann irgendwie mal besser wird, haben wir aktuell nicht. Sollte es zudem in den nächsten Tagen nicht wirklich ergiebig regnen, ist der Mais, der jetzt anfängt zu blühen, ebenfalls dahin.

Was macht das mit Ihnen und Ihrer Familie?

Ich kann nur sagen, dass wir immer unser Bestes gegeben haben. Fürs Tier, fürs Feld. Oft genug hat mein Mann bereits am Donnerstag 50 bis 60 Stunden voll gearbeitet. Mehr konnten und können wir nicht tun.

Den anderen Landwirten hier geht es nicht besser. Sie alle sind durch die Investitionen in neue Stallbauten schon jetzt sehr knapp bei Kasse.

Ich hoffe, dass wir wenigstens alle mental und körperlich gesund bleiben. Aber die Berufskollegen, die nur ein Standbein Schwein haben, werden schlaflose Nächte haben.

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