Mastbullen-Stroh
Laura Schneider | am

Tierwohlverträge: Ungewisse Zukunft der Mastbullenbetriebe

Der Handel versucht, Mastbullenbetriebe für Stufe 3 der Haltungsform-Kennzeichnung unter Vertrag zu bekommen. Wenn einzelne Landwirte jetzt diese Verträge unterschreiben, kann das negative Folgen für die Branche haben.

Viele Bullenmästerinnen und -mäster blicken in eine ungewisse Zukunft. Neben den Vorgaben der Niedersächsischen Tierschutzleitlinie für die Mastrinderhaltung stehen die der Haltungsform-Kennzeichnung und der Borchert-Kommission im Raum. Um die Haltungsform-Kennzeichnung ging es kürzlich bei einer Sitzung des Rindfleischausschusses des Landvolks Niedersachsen.

LEH versucht Betriebe für Haltungsstufe 3 zu gewinnen

"Wir hören im Moment vermehrt von Landwirten, dass der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) versucht, Betriebe für Haltungsform Stufe 3 zu gewinnen", berichtet Ausschussvorsitzender Martin Lüking im Gespräch mit der LAND & FORST. "Der LEH will Landwirte unter Vertrag kriegen – zu für sie ungünstigen Konditionen." Deshalb rät er den Mästern dringend davon ab, die Verträge vorschnell zu unterschreiben.

Der Geschäftsführer des Berufsverbandes Rindermast (BVRM), Matthias Lambers, schließt sich diesem Rat an. Die bisherigen Angebote würden bei einem Aufschlag von rund 30 Cent liegen und damit weit unter den tatsächlichen Mehrkosten einer Umstellung auf Stufe 3. "Ich habe kürzlich Wirtschaftlichkeitsberechnungen für Betriebe mit Haltung auf Stroh und Gummispaltenboden gemacht. Mit den Durchschnittswerten der vergangenen Jahre kommen wir auf Mehrkosten von rund 75 Cent für Stufe 3 – mit zehn Prozent Risikoaufschlag sogar auf 95 Cent."

Mastbullenhaltung-Becker.jpg

Platzangebot von 4 m² pro Tier ab einem Lebendgewicht von 400 kg

"Ich bin geschockt von den Konditionen der Angebote des LEHs", betont Lüking. "Die Anforderungen von Stufe 3 liegen noch weit über dem, was die Niedersächsische Leitlinie ab 2030 fordert." Dazu zählt unter anderem ein Platzangebot von 4 m² pro Tier ab einem Lebendgewicht von 400 kg. Zu beachten ist dabei, dass sich die Förderbedingungen in den Bundesländern unterscheiden: In Nordrhein-Westfalen (NRW) wird die Nachrüstung von Gummimatten gefördert und Mäster erhalten eine Strohprämie, wenn sie Bullen auf Stroh bei einem Platzangebot von 4,5 m² halten. "Wenn man das runterrechnet, ergibt die Strohprämie einen Aufschlag von knapp 40 Cent“, erläutert Lambers. "Mit den zusätzlichen 30 Cent sind wir dann bei ungefähr 70 Cent. Wir müssen klarstellen, dass Betriebe in NRW von Vorneherein 40 Cent bekommen – Betriebe in anderen Bundesländern nicht."

Ungleiche Förderung

Die ungleichen Förderbedingungen hatte der BVRM im September in einem Anschreiben an das niedersächsische Agrarministerium kritisiert. Die Antwort war laut Lambers lediglich eine Auflistung der Möglichkeiten, in Niedersachsen eine AFP-Förderung zu erhalten – ohne Bezug auf die gezielte Förderung von Tierwohlmaßnahmen. Auch Lüking ärgert sich, dass das Land Niedersachsen eine solche bis heute nicht gewährt, obwohl es sie 2018 bei der Veröffentlichung der Mastrinderleitlinie angekündigt hat.

"Wenn einzelne Betriebe jetzt unterschreiben, haben wir keine Argumentationsmöglichkeiten mehr"

In NRW hätten erste Betriebe Verträge abgeschlossen. "Wenn einzelne Betriebe jetzt unterschreiben, haben wir keine Argumentationsmöglichkeiten mehr", warnt Lambers. Auch Lüking sieht in diesem Fall die Gefahr, dass andere Betriebe unter Druck geraten und regionaler Viehhandel und Erzeugergemeinschaften übergangen werden. Kritisch sieht er auch, dass die Mäster ihre Betriebe noch gar nicht für Stufe 3 zertifizieren lassen können. "Es ist ärgerlich, dass Stufe 3 schon verhandelt wird und sich Landwirte an den LEH binden, bevor sie zertifiziert sind. Der richtige Weg ist eine unabhängige Zertifizierung mit anschließendem freien Marktzugang. Wenn der LEH Stufe 3 schon jetzt auslobt und zum günstigen Segment macht, haben Tierwohl und Landwirte verloren."

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