Tierwohl: Schweine mit Beschäftigungsmaterial im Stall

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Helga Gebendorfer | am

Tipps zum Thema Schwanzbeißen

Gegen Schwanzbeißen gibt es kein Patentrezept. Vielmehr kommt es auf Feinheiten an, um möglichen Stress bei den Schweinen zu reduzieren. Die Tierhalter sollten Warnsignale früh erkennen und schnell darauf reagieren.

Mit Verhaltensstörungen wie Schwanzbeißen befasste sich ein Online-Seminar, veranstaltet vom Nationalen Wissensnetzwerk Kupierverzicht, Förderverein Bioökonomieforschung (FBF) in Bonn. Mit dem Blick der Biologin beleuchtete zunächst Dr. Sandra Düpjan vom Leibniz-Institut für Nutztierbiologie (FBN) Verhaltensabweichungen, die Warnsignale sind und aussagen, dass etwas nicht stimmt.

Abweichungen Verhalten

"Tierhalter müssen lernen, die Verhaltensabweichungen zu erkennen und darauf zu reagieren", betonte Dr. Sandra Düpjan vom Leibniz-Institut für Nutztierbiologie (FBN).

Schwanzbeißen sei wahrscheinlich ein umgerichtetes Explorationsverhalten, eventuell auch ein Nahrungsaufnahmeverhalten, das aber nicht mit Hunger assoziiert sei. "Schwanzbeißen ist ein multifaktorielles Problem, für das es keine Standard-Lösungen gibt", fasste Düpjan zusammen und empfahl genaues Beobachten und frühzeitiges Erkennen. Genauso wichtig sei es, vielfältige Ursachen in Betracht zu ziehen, beide Seiten zu betrachten und eine Reihe von Maßnahmen in die Wege zu leiten.

Haltung nach angeborenem Verhalten ausrichten

"Kann ein Tier sein Verhalten nicht ausführen, kommt es zur Frustration, die zu Stereotypien führen kann", stellte die Biologin fest. "Die Haltung sollte so gestaltet sein, dass das Tier sein normales Verhalten bzw. sinnvolle, unschädliche Alternativen ausführen und damit seine angeborenen Motivationen befriedigen kann", forderte sie.

Ihre Empfehlung: Tierhalter müssen auf Problemfälle gut vorbereitet sein. Sie sollten sich nicht auf die Suche nach "Schuldigen" fokussieren, sondern auf die Problemlösung.

Tipps aus Niedersachsen

Seine Erfahrungen und Tipps hatte Landwirt Dr. Albrecht Brandes mitgebracht. Der Teilnehmer am Modell- und Demonstrationsvorhaben (MuD) Tierschutz aus Flegessen, Landkreis Hameln-Pyrmont, arbeitet im geschlossenen System mit 170 Sauen und 1.600 Mastplätzen.

"Wir haben erkannt, dass Schwanzbeißen ein multifaktorielles Problem ist. Das führte zu Veränderungen und Umdenken in unserem Betrieb", erzählte er. Zur grundsätzlichen Erkenntnis gehörte, dass Probleme, die in der Ferkelaufzucht (FAZ) bzw. in der Mast auftreten, meist nur die Symptome sind und dass die Ursachen dafür weiter vorne liegen, also in der Abferkelung bzw. in der Aufzucht. "Das führte zur Problemsuche in allen Produktionsstufen, wobei das geschlossene System sich als Vorteil erwies", so Brandes. Der Landwirt hat mehrere Maßnahmen zur Reduzierung von Schwanzbeißen und Nekrosen durchgeführt.

In der Abferkelung

  • außer Wurfausgleich keine Maßnahmen am Ferkel bis zum 5. Lebenstag (kein Zähneschleifen, keine Eisengabe, keine Antibiotikagabe)
  • die Sau muss sicher/richtig in Milch sein, Ziel ist eine stabile Sau-Ferkel-Beziehung
  • maximale Besiedlung des Ferkeldarms mit positiven Milchsäurebakterien der Sauenmilch
  • zusätzlich Gesteinsmehl und Heu auf die Liegefläche
  • etwas andere Ferkelmilch: Pflanzenkohle, Kräuter, mittelkettige Fettsäuren
  • Umplatzierung der Ferkeltränke und Ausstattung der Tränke mit Tränkebügel
  • Umgestaltung der Bucht.Ausgangssituation war die klassische Bucht mit einem nur angedeuteten Ferkelnest, Raumtemperatur über 28 °C, fehlender Buchtenstruktur und Kotecke im Liegebereich. Nach dem Umbau der Bucht ist das Ferkelnest mit Jalousien deutlich abgetrennt, der Liegebereich ist 24 bis 26 °C warm, die Abteiltemperatur beträgt 20 °C und die Kotecke wurde an den Kontrollgang verlegt.

In der Ferkelaufzucht

  • klare Buchtenstrukturierung
  • Raufuttergabe
  • Beschäftigungsmaterial
  • Schalentränken
  • deutlich abgetrennter Liegebereich mit 24 bis 26 °C und Raumtemperatur 20 °C,
  • verlegte Kotecke.

In der Mast

  • tief angebrachte Schalentränken, gleiche wie in der Aufzucht
  • Raufutterkörbe mit täglich zweimaligem Auffüllen
  • Kontaktgitter
  • Selektionstore
  • geänderte Buchtenstruktur mit Kotecken am Fenster
  • zweistufige Reinigung der Futter-Rohkomponente
  • Vermahlungsgrad angepasst
  • Wechsel von mobiler zu eigener Mahl- und Mischanlage.

Ausdauer und Mut gefordert

"Mit konventionellen Produktions- und Haltungsformen kann das Ziel eines intakten Ringelschwanzes nur schwer erreicht werden", lautete die Bilanz von Brandes. Die Vorgehensweise müsse ganzheitlich in einem Kreislauf – Sauenherde, Ferkelaufzucht, Mast – gedacht werden.

Die Darmgesundheit sei der wichtigste Grundbaustein für einen intakten Ringelschwanz genauso wie der Einsatz von Raufutter und Gesteinsmehl. "Es gibt kein Patentrezept. Es braucht Ausdauer, aber man sollte mutig sein und einfach ausprobieren", so die Erfahrung des Landwirts.

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