Wolfsbegegnungen nehmen in Niedersachsen stark zu.
Ellen Hartmann | am

Der Wolf breitet sich aus: werden Nahbegegnungen bald alltäglich sein?

Die Meldungen von Wolfsbegegnungen häufen sich, gerade in Niedersachsen. So traf eine Zwölfjährige im Landkreis Cuxhaven erst kürzlich auf zwei Wölfe und sogar im Hermann-Löns-Park in Hannover wurden die Raubtiere vermutet. Bestätigt hat sich der Verdacht nicht. Der Jagdverband ist sich dennoch sicher: Wolfsbegegnungen werden bald normal sein.

Seit Anfang des Jahres wurden in Niedersachsen bislang 64 Wolfsbegegnungen gemeldet. "Bei einer Nahbegegnung ist der Wolf nicht nur am Horizont erkennbar", erklärt Umweltminister Olaf Lies. "Eine solche Nähe ist bei einem Wildtier nicht zu erwarten." Seiner Meinung nach sei es daher verständlich, dass sich die Niedersachsen Sorgen machen würden. Denn im vergangenen Jahr habe es nur 21 Nahbegegnungen mit den mutmaßlichen Raubtieren gegeben. 

War es ein Wolf im Hermann-Löns-Park?

Erst vor wenigen Tagen meldeten mehrere Zeugen mutmaßliche Wolfssichtungen im Hermann-Löns-Park, einem Stadtpark im Hannoveraner Stadtteil Kleefeld. Mitten in der Stadt wollen mehrere Anwohnerinnen und Anwohner am 25. und 26. September Wölfe gesichtet haben. Das Umweltministerium reagierte, installierte Wildtierkameras und setzte einen spezialisierten Suchhund ein - ohne Erfolg. Bei zwei Einsätzen habe der Spürhund, der auf Wolfskot spezialisiert sei, nicht angeschlagen, heißt es vom Ministerium. Zudem hätten auch die Wildtierkameras bislang keine Hinweise auf Wölfe im Lönspark sowie im angrenzenden Tierpark geliefert. Laut Olaf Lies sei es wegen der urbanen Lage des Parks sehr richtig, besonders sensibel vorzugehen. Dies habe der zuständige Wolfsberater getan. 

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Wolfsbegegnungen häufen sich immer mehr

Eine weitere Wolfsbegegnung gab es wohl in Sellstedt im Landkreis Cuxhaven, so berichtet es die "Nordsee-Zeitung". Hier sei eine Zwölfjährige auf dem Nachhauseweg vom Schulbus auf zwei Wölfe gestoßen. Dass mehrere Tiere in der Nähe der Gemeinde leben, ist durch Wildtieraufnahmen belegt. Auch diese Wolfssichtung erklärte das Umweltministerium für glaubwürdig. Im vergangenen März wurde ein Wolf in der Innenstadt von Lohne im Landkreis Vechta gesehen. Von der Nahbegegnung gibt es ein Video. Nach Angaben von Minister Lies leben allein in Niedersachsen 36 Rudel mit mindestens 350 Tieren. "Diese Veränderung beunruhigt", so der SPD-Politiker. Er ist sich daher sicher: die Zahl der Wolfsbegegnungen und auch die der Wolfsrisse wird weiter zunehmen. 

Könnten Wölfe in Parks bald alltäglich werden?

Einer der das auch so sieht, ist Helmut Dammann-Tamke. Er hält die Möglichkeit, dass sich Wölfe neue Reviere in Stadtparks suchen könnten, weiter für wahrscheinlich. Dammann-Tamke sitzt für die CDU im niedersächsischen Landtag und ist Vize-Präsident des Deutschen Jagdverbandes. "Es ist nicht so wie in den Grimm’schen Märchen, dass Wölfe nur durch finstere Wälder streifen", so der Experte gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ). "Die gibt es in unserer Kulturlandschaft ohnehin kaum noch. Angesichts des ungebremsten Wachstums der Wolfspopulation werden Meldungen über Wolfssichtungen in Großstädten künftig häufiger vorkommen." 

Wölfe stehen unter Artenschutz

In Deutschland sind Wölfe streng geschützt, für den Abschuss braucht es bislang eine behördliche Genehmigung. In Niedersachsen wird bereits seit langem darüber diskutiert, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen - bislang ohne Erfolg. Parallel lässt das Umweltministerium derzeit analysieren, wie viele Tiere für den Fortbestand der Art erforderlich sind. Auf Basis dieser Daten könne dann eine Obergrenze für Wölfe ausgesprochen werden. Dennoch: Minister Olaf Lies sieht in einer einmaligen Annäherung eines neugierigen Wolfes kein Problem. Sollten die Raubtiere allerdings die nötige Distanz zum Menschen verlieren, helfe nur der Abschuss. Derzeit liegt in Niedersachsen für keinen Wolf eine Ausnahmegenehmigung zum Abschuss vor, so Lies weiter. 

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Die Angst vor dem Raubtier

Bisher wurden die Tiere selten in urbanen Gebieten und eher in ländliche Räumen gesichtet. "Der Wolf ist jetzt nicht mehr nur Thema auf dem Land", weiß Dammann-Tamke. "Die urbane Bevölkerung wird sich die Frage stellen müssen, ob sie dem Raubtier weiterhin mit größtmöglicher Toleranz begegnen will und kann." Eine Parallele zieht der Jäger zu den Wildschweinen. Diese seien, wie Wölfe, sehr intelligent und würden Menschen normalerweise meiden. "Aber in Berlin gehören Wildschweine mittlerweile selbst am helllichten Tag zum Stadtbild", erinnert er. "Die Tiere haben gelernt, dass ihnen vom Menschen keine Gefahr droht. Warum sollte dieser Lerneffekt nicht auch beim Wolf eintreten?"

"Was, wenn der Wolf den Dackel auf Abendspaziergang als Konkurrent sieht und attackiert?"

Aus diesem Grund setzt sich der Jäger für die Bestandsregulierung des Wolfes ein. Doch auch von der kommenden Bundesregierung erhofft er sich keine großen Änderungen in der bundesweiten Vorgehensweise. Denn sowohl die Grünen als auch die SPD, allen voran Bundesumweltministerin Svenja Schulze, seien strikt gegen einen härteren Umgang mit dem Raubtier. Dennoch glaubt Dammann-Tamke daran, dass der Druck auf die Politik steigen werde. "Es kann niemand garantieren, dass solche Begegnungen auf Dauer friedlich ausgehen", mahnt der Jäger. "Was, wenn der Wolf den Dackel auf Abendspaziergang als Konkurrent sieht und attackiert?" Mit dieser Sorge müssten sich nun auch viel Städter auseinandersetzen. 

Mit Material von welt.de, NOZ, dpa
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