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Jan-Gerd Ahlers | am

Den Wolf jetzt mit Glocken vergrämen?

Was ist ein maximal zumutbarer Herdenschutz und wie kann er auf der Weide umgesetzt werden? Darüber gibt es schon mal unterschiedliche Ansichten zwischen Veterinäramt und Schafhaltern. Was tun? Sind Glocken eine Alternative?

Drei Wolfsrudel gibt es im Landkreis Lüchow-Dannenberg, Lomitz liegt mitten im Einzugsgebiet des Gartower Rudels. Dort hielt Isabell Dismer auf ihrem Ökobetrieb mit Schwerpunkt Ackerbau 90 Mutterschafe, um 70 ha Grünland zu nutzen und Winterzwischenfrüchte besser zu verwerten. Heute sind es nach vier Wolfsattacken nur noch 50 Mutterschafe.

Als Zaun dienten bis zur ersten Wolfsattacke 90 cm hohe Netze mit Doppelspitzen an den Pfählen zur besseren Standfestigkeit im Boden. "Die Ecken werden bei uns seit jeher mit Eisenstangen gespannt. 12 V-Akkugeräte dienten zur Stromversorgung. Die Netze entsprechen dem Mindestgrundschutz bezüglich Herdenschutz, waren fachgerecht aufgebaut und sicher unter Strom", so die Landwirtin. 

Neue Reize setzen?

Noch am Tag des ersten Wolfsübergriffes im Februar bekam Dismer vom NLWKN leihweise zehn Euronetze, die 120 cm hoch waren. Sie bestellte sofort neue Netze und bekam diese zu 100 % gefördert. Im März schaffte es ein Wolf trotz des höheren Netzes, in den Pferch zu gelangen und ein Schlachtlamm zu reißen.

Die Kreisveterinärin schlug weitere "optischen und akustischen Reize" am Pferch vor. Man müsse sich hier natürlich "erfinderisch" zeigen, denn der Beutegreifer gewöhne sich natürlich an die immer gleichen Reize schnell. 

Erneute Wolfsrisse trotz akustischer Reize

Dismer hat nach dem zweiten Riss im März Plastiktüten auf ausrangierte Zaunpfähle um den Pferch gestellt, die flattern und rascheln. Außerdem hat sie ein Windspiel in die Bäume gehängt. Trotzdem gab es im August erneut einen Wolfsangriff. 

Zwei Wochen später attackierten Wölfe erneut die Schafe - zwei tote Schafe im Pferch, sechs weitere tote Tiere vor dem Pferch und sechs Schafe sind seitdem verschollen. Die vorerst letzte Attacke mit vier toten und vier verletzten Schafen gab es in der vergangenen Woche.

Nach den Rissen im August hat sie mit einem geliehenen Baustellenradio versucht, die Wölfe von den Schafen fernzuhalten. Neueste Errungenschaft sind Glocken für 40 Mutterschafe. Dismer hoffte auf einen abschreckenden Effekt - vorige Woche hielten die Glocken den Wolf jedoch nicht vom Übergriff ab.

Doppelter Zaun gegen Wolfsrisse

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Die Herde mit den Schlachtlämmern wurde sicherheitshalber bereits mit einem doppelten Zaun (90 und 120 cm) im Abstand von 1 m zueinander eingezäunt. "Diese Maßnahme ist schon mit einem großen Aufwand verbunden und nicht dauerhaft durchführbar", so die Landwirtin.

Isabell Dismer gibt zu bedenken, dass sie mehrmals wöchentlich die Schafpferche umbaut und auch mehrere Herden hat. Schon der Aufbau der Netze mit 120 cm Höhe bringt eine enorme körperliche Anstrengung mit sich. Hier noch weitere Litzen, eine doppelte Einzäunung mit Elektronetzen oder ähnliches aufzubauen, hält Dismer für nicht mehr zumutbar. 

Viel Aufwand für den Schutz

Die Kreisveterinärin Dr. Birgit Mennerich Bunge möchte sich nun, bevor sie der Schafhalterin "weitreichende und kostenintensive Maßnahmen zum Herdenschutz auferlegt", einen Überblick verschaffen, welcher Beutegreiferschutz in den Herden angewendet wird und wo die Ursachen der wiederholten Übergriffe liegen könnten. Dazu soll es unangemeldete Kontrollen geben.

Dismer soll deshalb bis Ende April 2021 dem Veterinäramt laufend den aktuellen Standort incl. konkreter Beschreibung der am Standort umgesetzter Herdenschutzmaßnahmen mitteilen. Bei einem Standortwechsel soll die Mitteilung unaufgefordert für jede Herde am Tag der Umsetzung der Herde erfolgen. Diese mögliche Anordnung hält Isabell Dismer für unangemessen und überzogen.

Schafhalterin wünscht sich "klare Ansagen"

Auch Isabell Dismer weiß natürlich, dass es einen hundertprozentigen Wolfsschutz auf der Weide nicht gibt.

Dies liegt darin begründet, dass man bei Schutzmaßnahmen immer Kompromisse machen muss zwischen dem, was gut schützt und dem, was vom Aufwand her realisierbar ist. Der Schutz der Weidetiere bringt zusätzliche Arbeit mit sich, die nicht entlohnt wird. Um diesen Aufwand abzufangen, wünscht sich Dismer von der Politik, zumindest in Wolfsgebieten über Weidetierprämien nachzudenken.

Sie wünscht sich eine klare Ansage, welche Maßnahmen zum "maximal zumutbaren Herdenschutz" vom Tierhalter gefordert werden. Wenn trotz der Schutzmaßnahmen weitere Übergriffe passieren, wünscht sich die Schafhalterin eine gezielte Entnahme des Wolfes, der über die Zäune springt, damit die anderen dies nicht von ihm lernen.

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