Kuh-Geburt

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Imke Brammert-Schröder | am

Zehn Tipps rund um die Geburt von Kälbern

Wie lassen sich Störungen bei der Geburt frühzeitig erkennen, wann sollten Landwirtinnen und Landwirte Geburtshilfe leisten und wie sieht eine korrekte Geburtshilfe aus? Das schilderte Tierärztin Dr. Theresa Scheu bei einem Seminar.

Die meisten Kühe bringen ihr Kalb ohne Hilfe zur Welt. Doch was ist zu tun, wenn die Geburt stockt oder Komplikationen auftreten? Tierärztin Dr. Theresa Scheu gab in einem Seminar an der Lehr- und Versuchsanstalt Neumühle (Rheinland-Pfalz) Tipps zur frühzeitigen Erkennung von Störungen und zur richtigen Geburtshilfe.

1. Nicht zu früh belegen

Sie erläuterte, dass Rinder in der Regel mit sechs bis neun Monaten geschlechtsreif, aber noch lange nicht zuchtreif sind. Die Zuchtreife beschreibt den Zeitpunkt, ab dem eine Fortpflanzung möglich ist, ohne die körperliche Entwicklung des Muttertieres negativ zu beeinflussen. Neben dem Alter entscheide bei Jungrindern die körperliche Entwicklung über den Zeitpunkt der ersten Belegung. „Eine zu frühe Trächtigkeit stoppt oder verlangsamt den Entwicklungsprozess der Mutter“, betonte Scheu. Gerade Mutterkühe haben ihrer Erfahrung nach oft noch nicht die mentale Reife für Kälber. Sie sei aber schwer zu messen. Die Tierärztin riet den Rinderhaltern, ihre Tiere gut zu beobachten und rechtzeitig nach Geschlecht zu trennen, um die ungewollte Belegung von Jungrindern zu vermeiden.

2. Die Geburt gut vorbereiten

Die Abkalbebox sollte laut Scheu gut zugänglich sein und es dem Betreuer erlauben, die Kuh gut zu beobachten, ohne sie zu stören. Ruhe und Platz seien wichtig für die Kalbung. Störungen könnten vor allem bei Färsen Stress auslösen und den Geburtsablauf ins Stocken bringen. Die Kuh sollte die anderen Tiere der Herde sehen und Futter und Wasser gut erreichen können. Fressgitter oder schwenkbare Gatter als Fixierungsmöglichkeit seien vorteilhaft. Mutterkuhhaltern empfahl Scheu, mit den Kühen das Anfassen und das Berühren des Euters zu üben. Das erleichtere die Geburtshilfe.

3. Geburtsstadien erkennen

Für die Entscheidung, ob eine Kuh bei der Geburt Unterstützung braucht, ist es Scheu zufolge wichtig, zu wissen, in welchem Geburtsstadium sie sich befindet. Sie empfahl den Landwirten, sich in Ruhe eine normale Geburt anzuschauen, um das Normale zu kennen. Das Vorbereitungsstadium könne mehrere Tage dauern. Anzeichen seien:

  • Unruhe,
  • Nestbauverhalten,
  • Anschwellen und Rötung der Scheide,
  • Füllung der Zitzen mit Milch
  • und die Lockerung der Beckenbänder.

Die Öffnungs- oder Aufweitungsphase leite die Geburt ein. Die Wehentätigkeit beginnt und der Muttermund öffnet sich. Die Dauer von sechs bis 16 Stunden, die in älteren Lehrbüchern angegeben sei, treffe bei modernen Kühen nicht mehr zu. In der Öffnungsphase sieht man laut Scheu nicht viel und sie sei zeitlich nicht abzuschätzen. Sie empfiehlt, eine Uhr im Abkalbestall anzubringen und bestimmte Zeitpunkte zu erfassen:

  • Wenn die Kuh den Schwanz waagrecht abhält, ist das ein sicheres Zeichen für den Beginn der Geburt.
  • Etwa eine halbe Stunde später sei im Normalfall ein Fortgang der Geburt zu beobachten, indem eine Wehe oder die Fruchtblase sichtbar wird.
  • Wenn die Klauenspitzen sichtbar werden, sollte die Geburt innerhalb der nächsten zwei Stunden vorangehen.

Mit dem Sichtbarwerden der Stirn des Kalbes geht die Öffnungsphase laut Scheu in die Austreibungsphase über, die nur Minuten dauere. Wehen mit verstärkter Bauchpresse setzen ein. Wenn der Kopf des Kalbes geboren ist, entstehe eine kurze Pause im Geburtsprozess, die die Kuh brauche, um die Scheide weiter zu dehnen. Wenn hier voreilig eingegriffen wird, drohe Verletzungsgefahr.

4. „Zwei Füße – zwei Stunden“-Regel beachten

„Wenn sich zwei Stunden ab Sichtbarwerden der Klauenspitzen nichts tut, stimmt etwas nicht“, betonte Scheu. Ein weiteres Zeichen dafür, dass etwas nicht in Ordnung ist, sei blutiger Schleim.

5. Die Gründe für Probleme bei der Geburt bestimmen

Probleme bei der Geburt können laut Scheu unterschiedliche Gründe haben:

  • Wehenschwäche: Sie kann durch Energie- und Kalziummangel entstehen. Die Kühe würden kalt wirken und Glucose und Kalzium brauchen. Auch eine lang anhaltende Geburt könne zur Wehenschwäche führen. Die Erschöpfung sei vor allem bei Erstkalbinnen schnell erreicht.
  • Missverhältnis zwischen Größe des Kalbes und Becken der Mutter: Gerade bei zu früh gedeckten Jungrindern komme es relativ oft vor, dass das Kalb nicht durch das Becken passt. Durch den ovalen Beckenring des Rindes entstehe eine Engstelle an den Beckenkämmen sowie oben und unten. Um festzustellen, ob die Stagnation der Geburt von einem Missverhältnis zwischen Kalb und Mutter herrührt, helfe ein Kontrollgriff in den Geburtskanal: Hand beziehungsweise Fingerspitzen müssen zwischen Kopf und Kreuzdarmbein und zwischen Ellenbogen und Schambein des Beckens passen. Ist das nicht der Fall, bleibe nur der Kaiserschnitt.
  • Gerade bei Erstkalbinnen können die Geburtswege zu eng sein. Oft stelle die Enge von Vagina und Scheide ein Problem dar.
  • Andere Gründe für eine Stagnation der Geburt seien eine mangelnde Öffnung des Muttermundes oder Geburtshindernisse wie ein Vorfall der Blase oder der Vagina.
  • In den meisten Fällen, in denen die Geburt stagniert, würden sich die Kälber allerdings in einer falschen Lage beziehungsweise Stellung oder Haltung im Mutterleib befinden.

6. Viel Geduld, warmes Wasser und Gleitgel

Wenn die Geburtswege zu eng sind, hilft laut Scheu nur Geduld. Der Tierhalter sollte langsam mit den Händen dehnen, am besten unter Zuhilfenahme von warmem Wasser, das über die Scham gegossen wird, oder mit in warmem Wasser gelegten Handtüchern. Gleitgel sei ein wichtiges Hilfsmittel und sollte in ausreichender Menge vorhanden sein. Auch Akupunktur und Homöopathie könnten helfen, die Geburtswege zu weiten.

7. Lage prüfen und wenn möglich korrigieren

Im Normalfall kommt das Kalb Scheu zufolge in Vorderendlage, also mit den Vorderbeinen zuerst, in oberer Stellung und gestreckter Haltung zur Welt.

  • Die Lage beschreibt, ob das Kalb mit den Vorderfüßen oder den Hinterfüßen zuerst auf die Welt kommt. „Von den 20 Prozent Geburten, die Hilfe benötigen, sind 15 Prozent Hinterendlagen“, verdeutlichte Scheu. Hinterendlagen seien immer eine Indikation für Geburtshilfe. Querlagen seien sehr selten.
  • Für die Stellung ist die Wirbelsäule der Mutter der Bezugspunkt. Obere Stellung bedeutet, der Rücken des Kalbes weist zum Rücken der Kuh. In unterer Stellung liegt das Kalb mit den Beinen nach oben und kann nicht geboren werden. Ein erfahrener Geburtshelfer kann versuchen, das Kalb im Mutterleib zu drehen. Andernfalls bleibt nur ein Kaiserschnitt.
  • Die Haltung beschreibt die Position der Gliedmaßen des Kalbes zum Rumpf. In gestreckter Haltung sind beide Beine gestreckt. Wenn nur eine Klaue sichtbar ist, kann eine einseitige Beugehaltung an Fessel oder Ellenbogen vorliegen.

Eine Geburt ist laut Scheu nur in Vorder- oder Hinterendlage sowie in oberer Stellung und gestreckter Haltung möglich. Zu den wenigen Möglichkeiten für Tierhalter, Lagen allein zu korrigieren, würden Korrekturen der Haltung zählen. Allerdings erfordere es einige Übung, zu fühlen, ob es sich um Vorder- oder Hinterbeine handelt und in welcher Stellung das Kalb liegt. Korrekturen seien noch schwieriger. Sie sollten immer im Stehen vorgenommen werden. Oft müsse man das Kalb wieder zurückschieben, wobei die Klauen immer mit der Hand geschützt werden müssten, um Verletzungen an der Gebärmutter zu vermeiden.

8. Wichtige Informationen für den Tierarzt bereithalten

Bei einer stagnierenden Geburt sei es wichtig, sich einen Überblick zu verschaffen, wie das Kalb liegt und welche Probleme vorliegen. Eine eindeutige Sprache helfe dem Tierarzt, zu entscheiden, wie eilig es ist. Wichtige Informationen für den Anruf beim Tierarzt seien

  • zeitlicher Stand der Geburt,
  • Lage- und Stellungsbeschreibung des Kalbes,
  • Position des Kalbes: vorgetreten (vor dem Becken), eingetreten (im Becken), durchgetreten (durch das Becken durch)
  • und der Hinweis auf blutigen Schleim.

9. Auf Hygiene achten

Scheu hob die Rolle von Hygiene bei der Geburtshilfe hervor. Der Geburtshelfer müsse vor jedem Kontrollgriff Hände und Arme gründlich mit Seife, Bürste und warmem Wasser reinigen. Vor dem ersten Kontrollgriff sei zudem die Hinterpartie der Kuh zu reinigen.

10. Fachgerechte Geburtshilfe leisten

Für die Geburtshilfe gelte Folgendes:

  • Ketten oder Geburtsstricke lassen sich am besten im Stehen anlegen. Ketten eignen sich dabei besser als Stricke, weil Stricke sich eher zuziehen und die Beine abschnüren.
  • Zur Geburt sollte die Kuh liegen. Mit einem Strick und einer bestimmten Schnürtechnik lassen sich die Kühe zum Hinlegen bewegen.
  • Der Auszug des Kalbes sollte Wehe für Wehe erfolgen. In der Wehenpause ist auch Zugpause.
  • Am besten gelingt die Geburtshilfe mit zwei Personen: Ein Helfer kann die Geburtswege mit beiden Händen weiten, während der andere die Ketten auf Spannung hält.
  • Grundsätzlich sollte nur mit der Kraft einer Person gezogen werden.
  • Bis zum Schulterdurchtritt hat sich der wechselseitige Zug bewährt, um den Umfang des Schultergürtels zu verringern. Bis zum Durchtritt des Schultergürtels bewegt sich das Kalb im Geburtskanal parallel zur Wirbelsäule.
  • Sind Kopf und Schulter geboren, muss der Zug Richtung Euter erfolgen, damit die Knie das Becken passieren können.
  • Ein Geburtshelfer erleichtert die Arbeit, wenn er sachgerecht eingesetzt wird. Eine Zugkraftabriegelung verhindert, dass zu große Kräfte auf Kalb und Kuh wirken.

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