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Charlotte Meyer | am

Braunschweig: Super Seilschaften

Ohne Seile gäb es keine Autos, Feuerwehr, Schifffahrt, Medizintechnik oder Elektrizität. Trotzdem ist das Handwerk des Seilers bei den meisten Menschen unbekannt. Kevin Caje und Jan-Lukas Schulenburg klären über ihren Beruf auf.

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Große Hallen, aus denen der laute Klang arbeitender Maschinen dröhnt. Nach traditionellem Handwerk klingt das im ersten Moment weniger. Doch es sei gerade die Kombination aus modernster Technik und Handarbeit, die den Auszubildenden Kevin Caje am Beruf des Seilers faszinieren. Aber nur der Zufall brachte ihn zur Firma Seilflechter Tauwerk GmbH nach Braunschweig, denn ihm war das Handwerk lange Zeit völlig unbekannt.

Ein Video zu dieser Reportage sehen Sie in unserer digitalen Ausgabe.

Vom Bodenleger zum Seiler

Der 28-jährige machte nach seinem Schulabschluss zunächst eine Ausbildung als Bodenleger und verkaufte anschließend Küchen. Der erste Kontakt mit dem Beruf des Seilers entstand durch seine Freundschaft zum zukünftigen Juniorchef Tobias Halle. Kevin Caje war sofort beeindruckt vom Handwerk, also begann er im vergangenen Jahr die Ausbildung.

Daran seinen Beruf zu erklären, sei er mittlerweile gewöhnt: "Es begann schon damit, dass ich zunächst vor allem fragende Blicke von meiner Familie erntete, als ich entschied Seiler zu werden. Nach meinen Erklärungen war die Resonanz durchweg positiv. Eigentlich ist sie das immer, wenn ich jemandem erzähle, was ich mache. Seiler zu sein, ist etwas Besonderes."

Der Seiler, das unbekannte Wesen

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Auch Jan-Lukas Schulenburg musste seinen Beruf schon oft erklären: "Die erste Frage ist immer ‚Was macht man denn als Seiler?‘ Dabei hat man Seile im Alltag überall, man macht sich nur keine Gedanken, wo sie herkommen!" Der junge Geselle schloss seine Ausbildung im vergangenen Jahr als einer der Jahrgangsbesten in Deutschland ab. Dass die Firma den begeisterten Handwerker anschließend übernahm, war für Rainer Sattler selbstverständlich. Der Ausbilder wirkt stolz: "So einen großartigen, talentierten und motivierten Mitarbeiter ausbilden zu dürften, ist schon etwas Besonderes." Nachwuchs finden Rainer Sattler und Geschäftsführer Andreas Halle nur schwer, denn der Beruf sei körperlich sehr anstrengend und vor allem unbekannt.

Auch der 21-jährige Jan-Lukas kam nur durch einen Zufall auf den Beruf des Seilers: "Ich wollte damals das Gymnasium verlassen und habe mich auf die Suche im Internet gemacht. Nach kurzem Stöbern wurde mir der Beruf des Seilers vorgeschlagen." Die Ausbildung begann er 2016 nach einem zweiwöchigen Praktikum und bis heute ist der Geselle begeistert bei der Sache. Ein klassischer Arbeitstag für den Auszubildenden der Seilflechter Tauwerke beginnt um 7:00 Uhr. Die verschiedenen Arbeitsplätze an den Maschinen werden rotierend belegt, sodass selten Langeweile aufkommt.

Viel Abwechslung

Kevin Caje erklärt: "Die stetige Abwechslung ist eine Herausforderung, die mir aber sehr viel Spaß macht." Als am schwierigsten beschreibt er den schulischen Teil an der Textilschule in Münchberg in Bayern. Die verschiedenen Fächer wie Knoten- und Werkstoffkunde erfordern viel mathematisches und technisches Verständnis.

Bei den Praxisstunden lernt der Quereinsteiger beispielsweise das Handknüpfen von Netzen. Ausbilder Rainer Sattler ergänzt: "Natur-, Chemiefaser- und Stahlseile werden oft immer noch manuell gespleißt, verknotet oder mit beispielsweise Ösen und Haken versehen. Dafür gibt es noch keine vollautomatische Technik, das ist dann noch das ursprüngliche Handwerk des Seilers."

Tradition: Familie stellt seit 1745 Seile her

Als eine von drei großen Seil-Firmen in Deutschland feiert das Unternehmen Seilflechter Tauwerk in diesem Jahr ihr 275-jähriges Bestehen. Geschäftsführender Gesellschafter Andreas Halle führt das Unternehmen bereits in neunter Generation und auch sein Sohn plant die Tradition des Seilflechters weiterzuführen. Vom händischen Seilen auf der Reeperbahn in Hamburg bis zur fast vollmechanischen Seilherstellung in Braunschweig, Weltkriege und Reformen - das Familienunternehmen hat schon vieles erlebt.

Derzeit beschäftigt Andreas Halle rund 90 Mitarbeiter und kooperiert mit den Braunschweiger Werkstätten für Behinderte. Die Seilflechter stellen über 600 verschiedene Seile für die unterschiedlichsten Anforderungen her, beispielsweise für VW Nutzfahrzeuge, den Forst- und Offroadbereich, nautische Seile, Feuerwehrseile oder für den Freileitungsbau. Das dünnste Seil im Angebot des Unternehmens ist 0,8 mm im Durchmesser – das dickste ist im Vergleich 80 mm.

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