Schlachthaus

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Janina Schuster | am

Schlachtbranche in der Krise: Sögel und die Abhängigkeit von Tönnies

In Sögel ist der größte Schweineschlachthof Norddeutschlands zu finden. In vielerlei Hinsicht ist das Dorf abhängig vom Schlachthofbetreiber hinter dem Tönnies steckt. Für die Gemeinde ist das problematisch.

Pro Woche können in Sögel 100.000 Schweine geschlachtet werden. So hieß es jedenfalls vor Corona und vor dem Ukrainekrieg. Diese Zeiten liegen jedoch längst hinter Sögel. Für das Dorf im Emsland ist das ein Problem, denn wirklich symbiotisch ist die Beziehung der Gemeinde zu „ihrem“ Schlachthof nicht. Dem Dorf kann es nur gut gehen, wenn es dem Schlachthof gut geht. Das Unternehmen hinter diesem ist Weidemark und gehört zum Tönnies-Konzern. Die 100.000 Schweine pro Woche werden jedoch schon lange nicht mehr geschlachtet und somit leidet auch das Dorf. Eine ähnliche Beziehung pflegen beispielsweise Volkswagen und Wolfsburg oder die Meyer Werft und Papenburg.

Die Gerüchteküche in Sögel brodelt

Mit den Krisen kam die Existenzbedrohung für die Fleischbranche. Analyst Klaus-Martin Fischer brachte die Situation vor einer Weile folgendermaßen aus den Punkt: „Die Konsolidierung ist großes Thema in der Branche. Von Standortschließungen bis hin zu einzelnen Unternehmen, die bereits wackeln und den Markt verlassen, ist derzeit alles denkbar.“ Ist diese Krisenstimmung auch in Sögel angekommen? Im Ort heißt es nur, die Gerüchteküche brodele, doch öffentlich wolle sich niemand äußern. Was als Erkenntnis bleiben dürfte: es könnte dem Ort zum Verhängnis werden, diese Abhängigkeit vom einzigen großen Industriebetrieb der Gemeinde.

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Wohlstand im Dorf dank Tönnies

Dabei sah es lange Zeit wirklich gut aus. Das Unternehmen legte ein beachtliches Wachstum hin. Nach der Übernahme durch Tönnies im Jahr 1998 entstand in Sögel ein hochmoderner Betrieb und ließ Sögel wachsen. Ein aufgeräumter Ort mit schönem Marktplatz und großem Rathaus. Die Gemeinde hat 8.000 Einwohner, die Samtgemeinde zählt 16.000. Die Kläranlage der Kommune ist auf 60.000 Einwohner ausgelegt. Oder auf das reichliche Schmutzwasser aus dem Schlachthaus. In der Samgemeindeverwaltung beschäftigen sich 120 Mitarbeiter nur mit Tätigkeiten rund um den Schlachtbetrieb: amtliche Fleischbeschauer und Veterinäre. Mit dem Rückgang der Schlachtungen wird dieses Tätigkeitsfeld kleiner.

Tönnies gibt sich optimistisch

Wie viel weniger geschlachtet wird ist nicht bekannt. Lediglich, dass es sich auf dem Vorjahresniveau bewege. Das wiederum würde ein bisschen mehr als die Hälfte der maximal erlaubten Schlachtungen bedeuten. Ebenfalls wenig hilfreich sind die stark gestiegenen Kosten in diesem Jahr für Energie, Verpackung und die Schweine selbst. Immer mehr Bauern haben aufgegeben oder lassen ihre Ställe phasenweise leer stehen und somit gibt es weniger Schweine als sonst. Tönnies begegnet dieser Entwicklung ungerührt: „Der Standort in Sögel ist hochtechnisiert und hervorragend aufgestellt, um diesen Veränderungen Stand zu halten und weiterhin erfolgreich zu sein.“ So die Aussage der Unternehmenszentrale in Rheda-Wiedenbrück.

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Der Wohnungsmarkt spricht Bände

Die Gerüchteküche in Sögel beeindruckt diese Gelassenheit nicht. Dass es Weidemark nicht gut geht hat sich bis in die Landespolitik in Niedersachsen rumgesprochen. Wie schlecht jedoch genau, das ist nicht klar. Von Tönnies heißt es dazu: „Die Gerüchte häufen sich tatsächlich in den vergangenen Wochen, das bekommen wir auch mit. Aber da ist nichts dran.“ In Sögel stehen indes vermehrt Wohnungen leer, die vormals von Schlachthof-Mitarbeitern bewohnt wurden. Von der einstiegen Wohnungsknappheit ist nichts mehr zu spüren. Die Arbeitsagentur hingegen beobachte keine Auffälligkeiten rund die Gemeinde. Der Wohnungsmarkt spricht da jedoch eine andere Sprache. Geht es weiter in Sögel? Laut Tönnies ja, auch wenn sich eine Erholung der Situation derzeit nicht abzeichnet. Dafür sorgt der Rückgang des Fleischkonsums und der Exportstopp nach China.

Mit Material von noz, dpa
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