Erlebnisse mit Rentieren und Huskys sind das Steckenpferd auf der Wildnisfarm Wildguide.

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Corinna Mayer | am

Ein Hauch von Skandinavien im Solling

Einmal mit einem Rentier wandern, einmal von Huskys durch den Schnee ziehen lassen. Das geht! In Silberborn in Südniedersachsen bietet Axel Winter Rentier- und Huskyerlebnisse auf seiner Wildnisfarm Wildguide an.

Niedlich stupsend fressen die Rentiere mit ihren weichen Lippen Flechten aus meiner Hand und tapsen mit ihren breiten Hufen – so versinken sie weniger im Schnee – durch die frostige Winterlandschaft. Ihnen so aus nächster Nähe zu begegnen, ist schon etwas ganz Besonderes. Axel Winter macht diese einzigartigen Begegnungen auf seiner Wildnisfarm Wildguide in Silberborn im Landkreis Holzminden seit dem Jahreswechsel 2020/2021 möglich.

Nur 150 Rentiere in Deutschland

Zehn der hauptsächlich in den nördlichen Teilen Nordamerikas und Eurasiens vorkommenden Tiere hält er im Solling – vier Bullen und sechs Kühe. „Insgesamt gibt es nur 150 Rentiere in Deutschland, die meisten in Zoos und Tierparks“, erzählt der Erlebnis- und Wildnispädagoge und zupft ein letztes Stück Bast vom Geweih eines der Tiere. Stundenlang könnte man sie anschauen, mit ihrem prächtigen „Kopfschmuck“ und dem kuschelig dicken Fell, das sie fast aussehen lässt wie Stofftiere. Doch einer ist ja nackig auf dem Kopf. „Ja, stimmt. Johann hat sein Geweih schon verloren“, erklärt der 39-Jährige, „das passiert immer vor Weihnachten. Und das Interessante ist, dass er damit auch seine Stellung als Platzhirsch in der Gruppe los ist. Das ranghöchste Weibchen mit Kalb führt nun die Herde.“ Denn Rentiere sind die einzige Hirschart, bei der beide Geschlechter ein Geweih tragen. 

Auf der Wildnisfarm können Besucher mit Rentieren wandern und sie füttern.

Tierische Erlebnisse in der Natur

Mit diesen sanftmütigen Tieren, die mit einem Stockmaß von bis zu 130 Zentimeter viel kleiner sind, als man denkt, bietet Axel Winter, unterstützt von der Region Solling-Vogeler, der Jugendherberge Silberborn und den Niedersächsischen Landesforsten tierische Erlebnisse an. Von Rentiertrekking über Rentiere füttern bis hin zu einer Übernachtung bei den Tieren können Outdoorbegeisterte und Naturverbundende wählen. Bei all seinen Angeboten steht das Erleben der Natur und in Kontakt treten mit dem Tier im Vordergrund. „Die Welt wird immer hektischer und lauter, da möchte ich Leute für das Draußen-Sein begeistern, ihnen ermöglichen ‚tierisch‘ die Natur zu erleben“, erklärt der hauptberufliche Familienhelfer. So endet sein Portfolio auch nicht mit den Rentieren, sondern er bietet ebenso Huskytrekking, Hundeschlittentouren, Dogscootertouren und Messerbaukurse an. 

Winterwunderlandschaft in Alaska

Wie jeder Landwirt weiß, ist die Arbeit mit Tieren und der Natur die schönste, doch wieso fiel die Wahl ausgerechnet auf Rentiere und Huskys? „Ich bin viel gereist, viel nach Skandinavien, mich hat die dortige Flora und Fauna fasziniert“, erzählt er. „Aber auch da sind noch menschliche Einflüsse spürbar. So habe ich mir meinen Traum erfüllt und bin für neun Monate nach Alaska gegangen.“ Zu Fuß und mit dem Kanu wurde das Land erkundet, nicht selten konnte er Bären, Adler und Elche beobachten. Weihnachten 2010 strandete er auf einer Huskyfarm mit 54 Hunden und durfte sich dort auf einer Plattform im Schnee und Eis selbst ein kleines Blockhaus bauen. Auf diesen 16 Quadratmetern  hat er überwintert und die jungen Hunde trainiert, die noch nicht mit auf Schlittenfahrten unterwegs waren. „Diese  Erfahrungen haben mich nachhaltig beeindruckt und verändert“, gesteht er. Fast jeden Abend zeigte sich die Schönheit der Polarlichter, tagsüber schien die Sonne auf die bis zu -60 Grad beeindruckende Winterwunderlandschaft. „Da war mir klar, dass ich solche Einblicke auch anderen Menschen ermöglichen möchte.“

Im Winter fühlen sich Rentiere am wohlsten, aber auch Sommer ist kein Problem für sie.

Huskys sind schnelle Powerpakete

Schritt für Schritt setzt er, der damals bei der Bundeswehr in Holzminden war, seine Idee in die Tat um und kaufte aus Polen, Russland, Frankreich, der Schweiz Huskys. Gerade ist er Hundevater von zwölf felligen Schönheiten. Die Rudeltiere, die bis zu 28 kg auf die Waage bringen, sind so anpassungsfähig, dass auch sie das ganze Jahr draußen gehalten werden. Und nicht nur das, es sind auch echte Muskelkerle. Aus dem Stand kann ein Husky 260 kg ziehen, natürlich nicht weit. Aber so hat man eine ungefähre Vorstellung mit wie viel Power die Hunde mit dem Schlitten durch den Schnee brausen. „Je nach Länge der Strecke und Anzahl der Personen benötigt man unterschiedlich viele Tiere“, erklärt der Tierfreund. „Huskys lieben einfach Bewegung und Zugarbeit.“ 

Mit den Hunden die Natur erleben ist ein großartiges Ereignis.

-40 Grad sind für Rentiere kein Problem

Parallel zum Aufbau des Rudels telefonierte Axel Winter Rentierzüchter in Deutschland ab, doch niemand hatte Tiere abzugeben. 2017 klingelte dann sein Telefon, ein Züchter würde ihm seine Herde überlassen – einziges Problem: Sie müssten innerhalb der nächsten zwei Wochen umziehen. Zum Glück hatte das Wisentgehege in Springe Platz, so kam er dort erstmal mit den Tieren unter, bis er alle in das heutige Wildguide-Camp zwischen der Jugendherberge Silberborn und dem Klettergarten umsiedelte. Wo sie momentan Schnee und Forst genießen. Doch wie finden sie den niedersächsischen Sommer? „Generell macht Wärme ihnen nichts aus, ihr Fell funktioniert wie eine Thermoskanne“, so der Experte, „es besteht aus Röhrenhaaren, die innen hohl sind. Im Sommer lässt es die Hitze nicht an den Körper und im Winter die Kälte nicht.“ So sind Temperaturen von -40 Grad kein Problem. 

Klingt doch eigentlich alles ganz einfach, wieso gibt es denn dann nur 150 Tiere in Deutschland? „Rentiere sind kompliziert in der Haltung. Sie brauchen viel Platz, 1.000 qm pro Tier und sie sind sehr anfällig gegenüber Parasiten, Zecken und Mücken und somit für Krankheiten wie Anaplasmose.“ Auch er hat schon Tiere an die parasitäre Viruserkrankung verloren. Deshalb beobachtet er viel, schon die kleinsten Abweichungen im Verhalten können Anzeichen sein. Seine Faustregel: „Wenn der Arsch schmal wird, stimmt was nicht.“ 

Bewegungsdrang und Zugarbeit sind die Merkmale der Hunde.

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