Übermäßiges Alkoholtrinken ist eine schwere Erkrankung - Suchtkranke schaffen es meist nicht aus eigener Kraft, auf Dauer damit aufzuhören.
Silke Bromm-Krieger | am

Mama, trink doch nicht so viel!

Knapp 2,7 Millionen Kinder leben in Deutschland mit süchtigen Eltern zusammen. Eins davon ist Hanna, deren Mutter alkoholkrank ist. Zum Glück hat sie eine Vertrauensperson gefunden, mit der sie offen sprechen kann.

Hannas Mutter fing an zu trinken, als Hanna elf Jahre alt war. Zuvor hatten sich ihre Eltern getrennt. Der Vater zog aus und nahm sich eine eigene Wohnung. Hannas Mutter kam über die Trennung nach zwölf Ehejahren nicht hinweg. „Sie fühlte sich oft einsam und traurig und weinte viel“, erzählt Hanna. Bei der Arbeit der Mutter, die Einzelhandelskauffrau ist, lief es auch nicht so gut. Es gab Ärger mit den Kollegen.

Hanna beobachtete, dass ihre Mutter sich angewöhnte, abends immer öfter Bier oder Wein zu trinken. Sie nahm allen Mut zusammen und sprach ihre Mutter irgendwann darauf an. "Meine Mutter meinte, das brauche sie zur Entspannung, um nach einem anstrengenden Arbeitstag runterzukommen. Ich solle mir keine Gedanken machen", berichtet Hanna. 

Schleichend trank ihre Mutter abends beim Fernsehen immer größere Mengen Alkohol. Sie wurde dann müde und schlief gleich auf der Couch ein, schaffte den Weg ins Schlafzimmer nicht mehr. Morgens war sie wie gerädert und blieb manchmal einfach noch liegen, obwohl sie für Hanna eigentlich das Frühstück machen wollte.

Hanna lernte, sich selbst den Wecker zu stellen, alleine rechtzeitig aufzustehen und die Schulbrote zu schmieren. Wenn sie morgens sah, dass leere Flaschen vom Vorabend im Wohnzimmer herumstanden, räumte sie sie weg. Sie wollte nicht, dass ein zufälliger Besuch die Flaschen sah. Ebenso übernahm sie den überwiegenden Teil der Hausarbeit. Niemand sollte merken, was mit ihrer Mutter los war.

Von der Sucht betroffen ist die ganze Familie

"Wenn eine Mutter oder ein Vater trinkt, zeigen sich die Kinder trotz allem solidarisch. Kinder lieben ihre Eltern, auch wenn ihr Verhalten schwierig ist oder etwas falsch läuft. Sie wollen die Familie auf jeden Fall zusammenhalten", erklärt Tuire Spielvogel. Die Familientherapeutin kümmert sich bei der Evangelischen Stadtmission in der Abteilung "Suchthilfe" um suchtkranke Menschen und ihre Familien. Denn Fachleute wissen: Suchtkrankheiten, wie eine Alkoholsucht, sind niemals das alleinige Problem des erkrankten Menschen, betroffen sind immer alle Familienangehörigen.

"Gerade Kinder merken schnell, wenn zu Hause etwas nicht stimmt und machen sich Sorgen, selbst wenn sie nicht genau benennen können, was eigentlich los ist", erläutert die Familientherapeutin. Manchmal befürchten Kinder insgeheim, dass sie an dem Verhalten der Eltern schuld sein könnten. "Dann erkläre ich ihnen, dass eine Sucht eine Krankheit ist. Sohn oder Tochter haben diese Erkrankung nicht verursacht und können sie auch nicht heilen oder kontrollieren."

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Kinder lügen für ihre suchtkranken Eltern

Einmal war es mit dem Trinken so schlimm, dass Hannas Mutter am nächsten Morgen nicht zur Arbeit gehen konnte. Hanna rief beim Chef an und entschuldigte sie wegen einer Grippe. Sie log, um ihrer Mutter Schwierigkeiten zu ersparen. "Doch es tut Kindern nicht gut, wenn sie die Verantwortung für das Verhalten ihrer Eltern übernehmen", sagt Tuire Spielvogel. Auch sei es für Kinder schwer zu lernen, was richtig oder falsch im Leben ist, wenn sie für ihre Eltern schwindeln müssen.

Weil Hanna nie wusste, wie es ihrer Mutter gerade ging, hörte sie auf, spontan Freundinnen mit nach Hause zu bringen. "Ich wollte nicht, dass sie meine Mutter in einem Zustand sehen, für den ich mich später schäme", gesteht sie.

Doch neben den schlimmen Phasen, gab es mit ihrer Mutter auch schöne und entspannte Phasen, in denen fast alles so war wie früher. Dann hatten beide viel Spaß zusammen, kuschelten, kochten gemeinsam Spaghetti mit Tomatensoße, lachten und spielten ‚Mensch ärgere dich nicht‘.

"In den Momenten, wo es meiner Mutter gut ging, versprach sie mir, mit dem Trinken aufzuhören, das sei alles kein Problem, wenn sie nur will", blickt Hanna zurück. Doch die Versprechungen der Mutter waren nie von Dauer. "Es ging ein, zwei Wochen gut und dann trank sie doch wieder etwas. Darüber war ich sehr enttäuscht und wütend".

Kranke Eltern brauchen Hilfe von Experten

Tuire Spielvogel weiß aus Gesprächen mit alkoholkranken Menschen, dass es ihnen in diesen klaren Momenten mit dem Aufhören durchaus ernst ist. Weil aber das übermäßige Alkoholtrinken eine schwere Erkrankung ist, schaffen Suchtkranke es meist nicht aus eigener Kraft, auf Dauer damit aufzuhören. Dafür benötigen sie Unterstützung von Experten, zum Beispiel Ärzten und Suchttherapeuten.

Hanna spürte nach einiger Zeit, dass sie dringend jemanden braucht, mit dem sie über ihre Situation reden kann. Doch wem sollte sie sich anvertrauen? Sie liebte ihre Mutter sehr und wollte sie deshalb nicht beim Vater in die Pfanne hauen oder bei Oma und Opa anschwärzen. Nach außen hin sah ja alles weiterhin in Ordnung aus. Niemand schöpfte bisher Verdacht, dass etwas nicht stimmen könnte.

Hanna, die immer eine gute Schülerin war, merkte, dass ihr das Lernen für die Schule zunehmend schwerer fiel. Sie schaffte es nicht mehr, sich länger auf eine Sache zu konzentrieren. Nachts schlief sie schlecht und wälzte sich im Bett herum. Nachdem Hanna einmal mehrere Klassenarbeiten hintereinander verhauen hatte, fühlte sie sich nur noch mies. Eine langjährige Freundin der Mutter, die Hanna zufällig traf, sprach sie offen darauf an: "Du siehst so traurig und blass aus. Bedrückt dich etwas?"

Hanna geht zu einer Famiilentherapeutin

Hanna beschloss, zu sagen, was mit ihr los ist. Zwei Jahre hatte sie geschwiegen, jetzt brach alles aus ihr heraus. Ihre Wut, ihre Enttäuschung und ihre Angst, wie es in Zukunft weitergehen sollte. „Die Freundin redete daraufhin mit meiner Mutter. Sie sagte ihr, wie traurig und verzweifelt ich bin. Dann schlug sie ihr vor, in eine Suchtberatungsstelle zu gehen.“ Das Gespräch mit der Freundin hatte die Mutter wachgerüttelt. Schmerzlich wurde ihr bewusst, wie sehr Hanna unter ihrem Trinken litt.

Sie liebte ihre Tochter und wollte ihr nicht wehtun. Deshalb versprach sie, sich einen Termin in der Suchtberatungsstelle der Stadtmission zu holen - und hielt Wort. „In der Beratungsstelle hat meine Kollegin der Mutter empfohlen, erst einmal in eine Klinik für suchtkranke Menschen zu gehen“, berichtet Tuire Spielvogel. Hier erfuhr die Mutter auch, dass es ein spezielles Beratungsangebot für Kinder gibt. Sie willigte ein, dass Hanna zu der Familientherapeutin gehen darf. Bei den Einzelgesprächen hörte Hanna, dass sie nicht allein betroffen ist, sondern dass es anderen Kindern genauso geht wie ihr. Das machte ihr Mut und entlastete sie enorm.

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