Wildblumenwiesen statt Rasenflächen auf dem Friedhof Oldenburg-Bürgerfelde
Anne Voß | am

Gütesiegel "Grüner Hahn" für Oldenburger Friedhof

Neben Begonien und Tagetes sprießen auf dem Neuen Friedhof in Oldenburg-Bürgerfelde neuerdings auch Wildblumen und Kräuter. Den Anstoß gab das kirchliche Umweltsiegel „Grüner Hahn“.

Wildblumen und Kräuterflächen liegen rechts und links des Weges. „Mit mehreren Blühwiesen auf dem Friedhofsgelände wollen wir dem Insektenschwund entgegenwirken und etwas für die Umwelt tun“, erklärt Pastor Jens Kieseritzky von der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Oldenburg-Stadt. Für die Umgestaltung erhielt der Neue Friedhof im vergangenen Jahr das kirchliche Umweltsiegel „Grüner Hahn“ – als erster in der Stadt Oldenburg.

 

Nachhaltig und ökologisch

Der „Grüne Hahn“ zeichnet Kirchengemeinden für nachhaltiges und ökologisches Wirtschaften aus. Erst seit Kurzem wird das Siegel auch auf Friedhöfe angewendet. „Die Untere Naturschutzbehörde, der Nabu und weitere Experten unterstützten uns dabei, Biotope zu schaffen, Flächen ökologisch aufzuwerten und Alternativen zum Rasen zu finden“, sagt Friedhofsmeister Roland Renken. Bereits 2017 ging es los: „Zuerst haben wir ausgewählte Flächen nicht mehr gemäht, um zu schauen, welche Pflanzen sich im Boden verbergen. In der Rasensaat stecken ja auch Kräuter und Blumen, die man durch das Mähen nur nicht sieht.“ Ans Licht kamen teils seltene oder gefährdete Pflanzen, darunter das Erdbeer-Fingerkraut, Wald-Gelbstern, Frühlings-Fingerkraut und Berg-Ehrenpreis. „Wir achten jetzt darauf, für die Blühwiesen heimische Arten anzusäen, die sind wertvoller für die hiesigen Insekten. Daher verwenden wir unter anderem spezielles Regiosaatgut für Feldraine und Säume, auch um die Vielfalt der Pflanzen zu fördern“, so Renken.

Infotafeln klären über Wildwuchs auf

Friedhofsmeister Roland Renken (l.) und Pastor Jens Kieseritzky aus Oldenburg.

Auf ungenutzten Rasenflächen Blühwiesen anzulegen, ist nicht nur ökologischer, sondern auch wirtschaftlicher. „Die Zahl der Rasengräber nimmt zu, und das nicht nur, weil sie billiger sind“, weiß Jens Kieseritzky. „Traditionelle Erdbestattungen im Familiengrab sind auch darum weniger gefragt, weil die Menschen ihren Nachkommen, die oft nicht mehr am Ort wohnen, keine Arbeit mit der Grabpflege aufhalsen wollen.“
Denn Rasengräber werden von den Friedhofsmitarbeitern gepflegt – und die haben immer mehr zu tun. Auch weil auf dem Neuen Friedhof durch aufgegebene Grabstellen zwischen einst dicht besetzten Reihen in den letzten Jahren zahlreiche „Leerstellen“ entstanden sind. „Von oben betrachtet wirkt das wie ein Flickenteppich“, sagt Friedhofsmeister Renken. „Die leeren Flächen haben wir bisher meist mit Rasen angesät, den wir alle vierzehn Tage mähen.“ „Allerdings ist ein kurzer Rasen ökologisch betrachtet so wertvoll wie ein Parkplatz“, wirft Pastor Kieseritzky ein.
Die Pflege der Einzelflächen verursacht zudem höhere Kosten für den Friedhofsbetreiber, in diesem Fall die Kirchengemeinde Oldenburg-Stadt, die bereits mit geringeren Einnahmen durch die Rasengräber kalkulieren muss. Die Blühwiesen haben damit sogar einen doppelten Nutzen.

Trotzdem waren nicht alle Friedhofsnutzer begeistert: „Es gab kontroverse Diskussionen über den ‚Wildwuchs‘“, so Pastor Kieseritzky. „Darum haben wir Infotafeln aufgestellt und suchen das Gespräch, insbesondere wenn es um die Frage geht, warum ‚Unkraut‘ ausgerechnet neben der eigenen Grabstelle wuchern soll.“ Bei einem Gemeindefest unter dem Motto: „Blühendes Leben auf dem Friedhof“ stand die ökologische Umgestaltung ebenfalls im Mittelpunkt. Das wiederum kam sehr gut bei den Besuchern an.

Bestattungsbäume als Alternative

Als Reaktion auf den Wunsch nach alternativen Bestattungsformen denkt die Gemeinde inzwischen über einen Bereich mit Bestattungsbäumen auf dem Friedhofsgelände nach. „Bestattungen im Wald und auf See werden beliebter. Manchmal fehlt dann jedoch ein fester Ort, um sich zu erinnern und zu trauern“, gibt der Pastor zu Bedenken. „Ein Grab auf dem Friedhof bietet dagegen solch einen Ort. Ich freue mich aber auch, wenn die Menschen den Friedhof für Spaziergänge besuchen und sich an der Natur erfreuen. Immerhin ist der Neue Friedhof eine der größten zusammenhängenden Grünflächen in der Stadt.“ Die Wildblumenwiesen sind inzwischen allerdings gemäht – sie dürfen im Frühling wieder sprießen.

Info: Das Umweltprogramm „Grüner Hahn“ unterstützt Kirchengemeinden, ihre Umweltverträglichkeit zu überprüfen und Verbesserungen im Klima- und Umweltschutz vorzunehmen.
Mehr unter www.gruener-hahn.net.

Mit Material von Antje Wilken

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