Demo-Edeka-Wiefelstede-LKW-Trecker
Anne-Maria Revermann | am

Oldenburg: Treckerdemo vor Edeka-Supermarkt (aktualisiert)

Knapp 250 Landwirte haben in der Nacht zu Montag mit ihren Treckern vor dem Zentrallager von Edeka in Wiefelstede, Landkreis Ammerland, demonstriert.

Vor dem Großlager der Supermarktkette Edeka in der Nähe von Oldenburg haben am späten Sonntagabend Bauern mit etwa 250 Traktoren demonstriert.

Es handelte sich hierbei um eine spontane Demo, die bis ca. 4.00 Uhr am Montagmorgen dauerte. Anlass für die Aktion sei ein Protest gegen ein Werbeplakat der Supermarktkette. Auf diesem ist Komiker Otto Waalkes zum 100-jährigen Firmenbestehen mit dem Spruch abgebildet: "Essen hat einen Preis verdient: den niedrigsten".

In den sozialen Medien tauchte das Werbeplakat am Sonntagabend auf. Schnell war den Bauern klar, dass sie gegensteuern wollen und müssen. Keine zwei Stunden später fuhren über 250 Landwirte aus dem Oldenburger Raum, dem Ammerland, Friesland und der Wesermarsch mit ihren Traktoren zum Edeka-Zentrallager nach Wiefelstede-Neuenkruge im Landkreis Ammerland. Sie versperrten die Zufahrtswege, um vor Ort ihren Protest zu zeigen, berichtet das Landvolk. Mit der Protestaktion wollten sich die Bauern gegen das Verramschen von Lebensmitteln wehren.

Dirk Toepffer (CDU): "Beschämende Preis-Kampagne"

Dirk Toepffer, Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion, kommentiert die beschämende Preis-Kampagne von Edeka:

„Es stimmt, Lebensmittel haben einen Preis verdient: Einen, der ihren Wert widerspiegelt und unseren Landwirten ein vernünftiges Auskommen sichert. Denn nur wenn unsere Landwirte vernünftig für Ihre Arbeit entlohnt werden, können Sie das machen, was die Gesellschaft erwartet: Regionale und nachhaltige Lebensmittel produzieren. Die Kampagne von Edeka ist beschämend und zeigt, dass der Konzern es nicht verstanden hat. Wer im Jahre 2020 bei Lebensmitteln den niedrigsten oder „supergeilsten“ Preis fordert, sollte nicht mit der Botschaft „wir lieben Lebensmittel“ werben. Ich erwarte, dass sich Edeka bei den Landwirten entschuldigt, sich von der Kampagne distanziert und diese stoppt.“

Edeka Minden-Hannover kündigte eine Stellungnahme zu den Protesten an, ohne weitere Details zu nennen. Die Werbung stehe in krassem Widerspruch zu der Aussage, dass Lebensmittel eine höhere Wertschätzung verdient haben, sagte eine Sprecherin des Landvolks. Die Werbung passe in keiner Weise zu der Aussage "Wir lieben Lebensmittel".

„Es sind genau solche Aktionen, die uns Landwirte darin bestärken, den aktuellen Druck aufrechtzuerhalten und weiter auf unsere Situation aufmerksam zu machen“, erklärt Landvolkpräsident Albert Schulte to Brinke.

Der Streit um(s) Essen wirft dabei auch ein Schlaglicht auf den derzeitigen Konflikt zwischen Landwirtschaft und Politik. Denn nur Stunden, nachdem die Trecker das Lager blockierten, schlug sich auch Agrarministerin Julia Klöckner, die seit Monaten bei den Bauernprotesten im Zentrum der Kritik steht, auf die Seite der Landwirte.

Landwirtschaft ist Streitthema in der Politik

Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner, äußert sich so zu den Vorkommnissen:

„Ich kann den Ärger der Bauern verstehen. Es ist wie David gegen Goliath, wenn Bauern mit dem Handel verhandeln. Dass gerade Lebensmittel immer wieder für Lockangebote und für Dumpingpreise herhalten müssen, kann ich beim besten Willen nicht mehr nachvollziehen. Der Handel beklagt zwar, Verbraucher würden nicht mehr bezahlen wollen, aber er setzt selbst immer mehr Tiefstpreise. Da darf man sich nicht wundern, wenn Verbraucher sich daran gewöhnen. Am Ende badet das der Erzeuger aus, dem immer weniger bleibt. Das ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit. Beim Treffen am 3.2. im Kanzleramt werden wir das thematisieren.“

Das SPD-geführte Umweltministerium legte nach. "Essen hat einen Preis verdient - und zwar einen, der die Wahrheit sagt über Produktionskosten, aber auch über Umweltauswirkungen», schrieb das Ministerium auf Twitter und forderte "faire Preise für gute Produkte".

Die FDP im Bundestag dagegen nahm wiederum Julia Klöckner ins Visier. Die Ministerin treibe mit "unsinnigen Verschärfungen die Kosten" und senke mit Verboten die Effizienz der Landwirtschaft, sagte der Agrarpolitiker Gero Hocker. Das bringe die Bauern um ihren Lohn.

Die Preispolitik der Handelsketten ist den Produzenten schon lange ein Dorn im Auge. So forderte der Präsident des Bauernverbands, Joachim Rukwied, am Montag, das Kartellamt solle überprüfen, ob Edeka seine Marktmacht missbrauche, um die günstigen Preise durchzusetzen. "Hier sollen hochwertige Lebensmittel verramscht werden", sagte er.

 

Das sagen Landwirte aus Niedersachsen zur Edeka-Kampagne

Edeka entfernt Plakate, Otto bedauert Vorfall

Mittlerweile hat Edeka sich zu seiner Marketing-Kampagne geäußert. Ebenso hat die Supermarktkette die Plakate mittlerweile entfernt, mit denen die Kette niedrige Preise beworben hatte. In der Stellungnahme von Edeka heißt es:

"Es war nie unsere Absicht, mit unserer Kampagne Landwirte und Erzeuger zu verärgern. Bei dem Plakat handelt es sich um ein Missverständnis. Ziel der Marketingkampagne war es, alle Ortschaften, wie auch Minden oder Bremen in unserem Absatzgebiet individuell anzusprechen. Es war somit eindeutig der Ort „Essen/Oldenburg“ gemeint und nicht Essen im Sinne von Lebensmitteln. Darüber hinaus gehen die angekündigten Preisreduzierungen der Produkte nicht zu Lasten der Landwirte, sondern werden ausschließlich von der Großhandlung getragen. Die Plakate, die zu dem Missverständnis geführt haben, wurden nach den ersten Hinweisen umgehend entfernt. Die EDEKA Minden-Hannover fördert regionale Lieferanten und steht für eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Regionalität ist für uns kein Schlagwort, sondern unsere Garantie für hochwertige und in der Region erzeugte bzw. veredelte Lebensmittel aus der Nachbarschaft zu fairen Preisen. Es ist unser erklärtes Ziel, partnerschaftlich mit den Lieferanten und Produzenten zusammenzuarbeiten, um ein für alle Beteiligten zufriedenstellendes Ergebnis sicherzustellen. Dabei kommt es uns besonders auf die Qualität der Produkte an. So liegt es der EDEKA Minden-Hannover absolut fern, Landwirte und Erzeuger mit unserer Kampagne zu verärgern."

Und was sagt Werbeträger Otto zu alldem? "Wir bedauern das Missverständnis", teilte sein Management schriftlich mit. Angehängt ist Ottos Tourplan: Im Herbst 2021 geht es für ihn nach Essen.

Edeka bietet Bauern Rollentausch an

Update 30. Januar:

Der Lebensmittelhändler Edeka will nach der Treckerdemonstration gegen seine Niedrigpreis-Werbung enger mit den Bauern zusammenarbeiten. So sollen Landwirte die Gelegenheit bekommen, für einen Tag mit einem selbstständigen Einzelhändler den Job zu wechseln.

Das teilte Edeka Minden-Hannover nach einem Treffen mit Landvolk-Präsident Albert Schulte to Brinke sowie mit Vertretern der Landfrauen und der Bewegung "Land schafft Verbindung" am Mittwochnachmittag in Minden mit. Die umstrittenen Werbeplakate sollten schnellstmöglich durch ein neues Motiv ersetzt werden.

"Es ist in unserem ureigenen Interesse, eine gute Beziehung mit den regionalen Erzeugern und Produzenten zu pflegen", sagte Edeka-Vorstandssprecher Mark Rosenkranz. "Die derzeit sehr sensible Situation in der Landwirtschaft haben wir unterschätzt."

Mit Material von BMEL, Pressestelle CDU, Edeka, dpa, NDR

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