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Janina Schuster | am

Nachhaltige Nasenschmeichler: das Taschentuch wird neu erfunden

Papiertaschentücher haben kein besonders langes Leben. Aufgrund der Beschaffenheit eignet es sich nach Benutzung nur noch für den Restmüll. Das ist wenig nachhaltig, denkt sich eine Bad Iburgerin und erfindet das Taschentuch 2.0.

Würde man all den Müll, den benutzte Taschentücher jährlich produzieren, auf Lastwagen verladen und diese aufreihen, ergäbe dies einen 54 Kilometer langen LKW-Stau auf der Autobahn. Unnötig, wenig nachhaltig und teuer, findet Silke Kretzing aus Bad Iburg. Sie rechnet vor: "Jeder Deutsche schnäuzt und niest im Jahr in 375 Papiertaschentücher (vor Corona). Jedes Tuch wiegt 2,6 Gramm, das scheint wenig, aber es summiert sich." 300 Millionen Euro geben die Deutschen jährlich für Papiertaschentücher aus. Geld, welches am Ende auf dem (Rest-)Müll landet, denn normale Taschentücher sind im gefüllten Zustand nicht gut für das Recycling geeignet und verrotten im Biomüll nur sehr langsam.

Nachhaltig aus Überzeugung

Um diese Nachhaltigkeitslücke zu schließen, hat Silke Kretzing sich mit Alternativen zum Wegwerf-Taschentuch beschäftigt. Die Bad Iburgerin lebt Nachhaltigkeit aus Überzeugung. Schon früh bemühte sie sich, den innerhalb des Familienhaushaltes anfallenden Plastikmüll auf das nötigste zu reduzieren. Als die gelernte Hotelfachfrau mit Beginn der Corona-Pandemie quasi arbeitslos wurde und das Bewerben für andere Branchen nicht den gewünschten Erfolg brachten, verdingte sie sich in der Corona-Kontaktnachverfolgung des Landkreises. Dort kam Kretzing ins Nachdenken: "Ich wollte etwas tun, das Wirkung auf den Globus hat. Etwas, wo jeder Einzelne etwas bewirken kann", wenn er sich an die eigene Nase fasst. Die Idee des nachhaltigen Taschentuchs nahm Form an.

3-Blaudruckerei-Bottich

Das gute alte Stofftaschentuch

Bei ihren Überlegungen stieß sie auf das gute alte Stofftaschentuch. Viele kennen es vermutlich noch von älteren Generationen, doch heute wird es kaum noch benutzt. Für Kretzing erfüllte es zwar den Zweck der Nachhaltigkeit, so richtig praktisch war es aber nicht. Die Stofftücher sind zu dünn, zu glatt und zu saugschwach, so die Bad Iburgerin. Also machte sie sich auf die Suche, sondierte den Markt und ließ sich Stofftaschentücher aus ganz Europa schicken. Da sie "keine Ahnung von Stoffmanagement" hatte, nahm sie Kontakt zu Stefanie Rabe von Rabe-Moden auf. Die vermittelte ihr den Kontakt zu einem Lieferanten von Bio-Baumwolle und der war begeistert von Kretzings Idee des Stofftaschentuchs. Einen zweiten Hersteller fand sie nach einem Gespräch mit der Bundesstiftung Umwelt. Diesmal war es fair gehandelte Bio-Baumwolle. Das war der Start-Upperin wichtig.

Gewirkt, nicht gewebt

Das Tuch selbst sollte nicht aus gewebter, sondern gewirkter Ware angefertigt werden. "Wir stellen sie aus Bio-Baumwoll-Jersey her, das ist ein echter Nasenschmeichler. Dazu kommt, dass die Wirkware etwas saugfähiger ist als Gewebtes." Mit seinen 22,5 Quadratzentimetern Größe kann das Taschentuch problemlos der 60-Grad-Wäsche beigefügt werden und soll mindestens fünf Jahre halten. Der Nachhaltigkeitsgedanke ist also vollumfänglich erfüllt. Doch wie sieht es mit der Hygiene aus? Gerade in Corona-Zeiten, wo an allen Ecken empfohlen wird, benutzte Taschentücher direkt zu entsorgen? "Entscheidend ist ja das Händewaschen nach dem Naseputzen, egal, womit man putzt", entgegnet Kretzing.

Und wohin dann mit den benutzten Tüchern?

Auch dafür hat sich die Erfinderin etwas überlegt: eine Tasche mit zwei, durch eine dünne Holzscheibe getrennten, Kammern. "Ich habe für die Tasche Gebrauchsmusterschutz angemeldet und auch schon Vorbestellungen", freut sie sich. Ihre "StoffOS" kamen dann im September auf den Markt. Der eingängige Slogan: "Nice to nose and nature". Verschiedene Osnabrücker Einzelhändler nahmen die Taschentücher ins Sortiment auf. Sogar in elf Edeka-Filialen der Region werden die Tücher verkauft. Dort sei es jedoch schwierig, räumt Kretzing ein, denn "dort liegen meine Tücher neben einem fünf Meter breiten Sortiment an doppelt in Plastik verpackten Papiertaschentüchern." Leben kann die Erfinderin von ihrer Entwicklung noch nicht, doch jeden Monat überzeugen sich mehr und mehr Menschen von ihren StoffOS und Kretzing freut sich über jeden, der es probiert.

Mit Material von noz
Gesundes-Dorf-Strohfiguren-Aufmacherfoto

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