Haus mit Reetdach

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Janina Schuster | am

Altes Traditionshandwerk: Reetdachdecker gesucht

Untrügerische Zeichen, dass man sich in Norddeutschland befindet, sind reetgedeckte Häuser. Einst als Bedachung der Armen, sind sie heute beliebt wie nie. Nicht nur im Norden des Landes. Doch das Traditionshandwerk des Reetdachdeckers hat dennoch seine Probleme.

"Wir haben einen hohen Bedarf an Nachwuchs", sagt Reetdachdeckermeister Peter Heinrich. Er und sein Kollege decken gerade das Dach eines denkmalgeschützten Bauernhauses. Rund 240 Arbeitsstunden und zehn Tonnen Schilf benötigen die beiden, um die 240 Quadratmeter Dachfläche des Hauses im niedersächsischen Dötlingen zu erneuern. Reetdachdecker – ein Tranditionshandwerk, welches von der Unesco-Kommission seit 2014 sogar als immaterielles Kulturerbe anerkannt wird. Ein Beruf, der nur noch selten ergriffen wird, obwohl die Nachfrage nach Reetdächern vorhanden ist. Doch die Arbeit ist körperlich anstrengend und erfolgt weitestgehend von Hand.

Material mit integrierter Klimaanlage

Um das Dach neu zu decken, legt Peter Heinrich die Bündel für jede neue Lage erst nebeneinander und fixiert sie dann mit einem stabilen Draht, der quer über das gesamte Dach läuft. Über dünnere Drähte verbindet er diesen wiederum mit der darunter liegenden Holzkonstruktion, bevor die Bündel geöffnet und sortiert werden. Es folgen noch viele weitere Drähte bis die 19 Lagen bis zum Dachfirst liegen. Im Vergleich zum Decken mit Ziegeln ist diese Art deutlich aufwendiger und teurer, sagt Heinrich. Doch die Vorteile des natürlichen Materials sind unschlagbar: "Reetdächer funktionieren wie eine natürliche Klimaanlage. Die Luft im Halm ist die beste Isolierung überhaupt. Im Sommer bleibt es drinnen schön kühl, im Winter warm. Und es ist ökologisch.“

Herkunft des Reets wechselte während der Pandemie

Dank nachwachsendem Schilf seien die Materialien nachhaltig. Bei Ziegeln müsse der Ton nach dem Stechen noch gebrannt werden. Ein Arbeitsschritt der bei Reet entfalle, so Katrin Jacobs, Vorsitzende der Bundesfachgruppe Reet im Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH). Somit sei die Klimabilanz von Reet vielfach besser, als die von Ziegeln oder ähnlichen Materialien. Jacobs ist außerdem in der "International Thatching Society" (IST) organisiert. Eine Gruppe zu der Länder gehören, deren Reetdachdecker in einer Innung oder Gilde organisiert sind. Deutschland, Holland, Großbritannien, Schweden, Südafrika, Dänemark und Japan gehören dazu und tauschen regelmäßig Informationen oder aktuelle Fragen aus. Beispielsweise über die Herkunft des Reets. Im Zuge der Corona-Pandemie mussten viele europäischen Länder auf den osteuropäischen Markt ausweichen. Zuvor kam der Hauptteil des Schilfs aus China. Aus Vogel- und Naturschutzgründen ist das Mähen von Schilf in Deutschland oft nicht möglich.

Feuchtigkeit ist das größte Problem

Reetdächer halten in der Regel rund 15 Jahre, bis sie erstmals ausgebessert werden müssen. Danach alle fünf Jahre. Die Bauweise und Materialien machen die Dächer wartungsintensiver, erklärt Dachdeckermeister Heinrich. Bei regelmäßiger Überprüfung stünden sie Ziegeldächern in Sachen Haltbarkeit jedoch in nichts nach. Ein Dach kann so gut und gerne 50 Jahre überdauern. Doch dafür muss bereits beim Decken einiges beachtet werden. Größtes Sorgenkind ist die Feuchtigkeit. Nasse Halmen öffnen Tür und Tor für Pilze und Algen und führen somit zu einem verfrühten Verfall.

Ursachenforschung aufgrund vieler kaputter Dächer

Eine Zeit lang mussten auffallend viele Dächer überholt werden. Ein Forschungsvorhaben der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) versuchte mit verschiedenen Instituten und Experten die Ursache dafür herauszufinden. Das Ergebnis: mangelnde Materialqualität durch fehlerhafte Lagerung des Reets in Kombination mit planerischen und handwerklichen Mängeln beim Bau.

Fachkräfte fehlen - Aufträge sind vorhanden

Reetdächer liegen im Trend. Auch außerhalb Deutschlands. So decken sogar Japan und Südafrika ihre Dächer gern mit Reet. Und auch in Nieby in Schleswig-Holstein wurde ein Park mit 48 Ferienhäusern rein mit Reet gedeckt. «Die Bauweise ist für diese Region typisch. Die Häuser sollten sich ins Gelände einfügen, also vor allem harmonisch mit der Natur sein», sagt Investorin Marion Essing. Das klingt nach weiteren Aufträgen für Peter Heinrich und seine Berufskollegen. Davon gibt es zwischen 150 und 200 im norddeutschen Raum. Und die fahren für Aufträge durch die ganze Republik. Wer das Traditionshandwerk erlernen möchte, muss sich irgendwann im Laufe der Ausbildung spezialisieren und seine Abschlussprüfung in der Fachrichtung ablegen. Dafür ist der Besuch des bundesweit einzigen Ausbildungszentrums für Reetdachdecker in Blankensee bei Lübeck Pflicht. Von 2000 Dachdeckerlehrlingen gingen nach Angaben des ZVDH lediglich 6 diesen Schritt.

Mit Material von dpa
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