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Karin Eickenberg | am

Ostfriesland: Echt heißes Eisen

Es gibt nur selten die Gelegenheit, einem "echten" Schmied bei der Arbeit zuzusehen. Dietrich Dieker hat das uralte Handwerk von der Pike auf gelernt. Er zeigt im ostfriesischen Werdum, wie man das Eisen schmiedet, solange es heiß ist.

Kling, klong, kling...schon von weitem ist der typische Klang von Hammer und Amboss zu hören. Rauch steigt aus dem Schornstein der historischen Schmiede in Werdum. Durch die Sprossenfenster sieht man im Feuerschein der Esse die Silhouette von Dietrich Dieker, dem Schmied. 81 Jahre ist er jetzt alt – und immer noch schwingt er den Schmiedehammer und lässt beim Hauen der Eisen die Funken sprühen. Jetzt allerdings nicht mehr zum Broterwerb, sondern aus alter Liebe zum Handwerk und zur Freude der Touristen.

Ein Schmied aus dem Bilderbuch

Dieker, von allen "Didi" genannt, ist ein Schmied wie aus dem Bilderbuch. Breite Schultern, kräftige Hände, eine abgewetzte Lederschürze über der Arbeitskleidung und immer ein schelmisches Augenzwinkern hinter der Brille. Die Schmiede, in der er heute arbeitet, steht mitten im Dorf auf der Museumswiese. Einst gehörte sie Erich Eden, dem letzten Schmiedemeister in Werdum. Doch seit der Heimatverein das alte Schätzchen im Jahre 1993 übernommen hat, sorgt Dieker dafür, dass ihre Glut nicht erlischt.

Hufeisen und Herzen

Die lodernde Feuerstelle, der Schwefelgeruch der Steinkohle, die Vielzahl archaischer Hämmer, Zangen und Geräte wirken geheimnisvoll, fast mystisch. Der Schmied ist bereits bei der Arbeit. Große Stücke fertigt er nur noch selten. Jetzt sind es eher die kleinen Wünsche seiner Zuschauer, die er direkt vor ihren Augen erfüllt. Glücksbringer und Souvenirs, wie die beliebten Hufeisen, Herzen und Anker. Da wartet man auch gerne mal ein halbes Stündchen. Zumal er so manche interessante Geschichte rund um dieses faszinierende Handwerk zu erzählen weiß…

Noch vor weniger als hundert Jahren gab es Schmiede in fast jedem Dorf, so Dieker. "Das waren die Männer für alles – einfach unentbehrlich." Ob es um die Herstellung von Werkzeugen, Eggen oder Pflüge ging, ob Sensen geschärft oder Pferde beschlagen werden mussten, der Wasserkessel einen neuen Boden brauchte, das Fahrrad kaputt war oder das Haustürschloss klemmte – "wenn es irgendwas aus Metall zu fertigen oder zu reparieren gab, ging man zum Schmied!"

Vier Generationen von Schmieden

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Schon sein Vater, sein Großvater und sogar sein Urgroßvater seien Schmiede gewesen, fährt er fort. Klar, dass er und sein Bruder in dieselben Fußstapfen traten. Er war gerade mal dreizehn, als er im elterlichen Betrieb in Stedesdorf, nur wenige Kilometer von Werdum entfernt, seine Lehre antrat. Der Vater war ein strenger Lehrmeister. Morgens ging es früh los.

"Wenn er dreimal auf den Amboss klopfte, mussten wir in der Werkstatt sein. Und abends wurde so lange gearbeitet, bis es dunkel war." Gerade im Winter sei das ziemlich ungemütlich gewesen – vorne das heiße Schmiedefeuer und im Rücken die eisige Kälte. Dieker zeigt, wie man sich warme Füße verschaffte. Er nimmt eine Schaufel und füllt glühende Kohlen in ein Paar Holzpantinen. Kurz schwenken, damit nichts anbrennt, ausschütten – und hinein ins mollige Fußbett!

Schon in jungen Jahren harte Arbeit

Die Arbeit war hart. Und die Jungs wurden nicht geschont. "Wir waren ja fast noch Kinder, da bekamen wir schon den schweren Vorschlaghammer in die Hand", erinnert er sich. Der wog gut und gerne fünf bis sieben Kilogramm. Damit mussten sie als Zuschläger exakt die Stelle auf dem Werkstück treffen, die der Vater mit Zange und Hammer vorgab.

Schwung holen, Schlagen, Treffer - immer schön im Takt, so lange das Eisen heiß ist. Und wehe, der Schlag ging mal daneben! "Wir waren abends oft dermaßen kaputt, da hingen die Arme runter und wir sind todmüde ins Bett." Frei gab es erst am Samstagnachmittag, wenn die Werkstatt picobello aufgeräumt war. Und sonntags. Ausgenommen im Sommer, "da mussten wir oft zu den Bauern aufs Land, um die Heupressen zu reparieren."

Eisen glimmt im Feuer

Während er erzählt, hält er eine Eisenstange in die brennende Kohle. Schon bald beginnt sie "wie eine Wunderkerze" zu glimmen. "Das Eisen muss genau zum richtigen Zeitpunkt aus dem Feuer geholt werden", erklärt er, "sonst wird es flüssig und verbrennt." 

Geschmiedet wird bei etwa 1.200 Grad. Ein Thermometer? Braucht er nicht. Alles Erfahrungssache. Wie so vieles im Schmiedehandwerk. Staunend verfolgen die Besucher, wie der alte Mann das weiche Metall mit geschickten, schnellen Hammerschlägen in ein kleines Kunstwerk verwandelt. Ein Herz entsteht. Einzigartig und sicher nicht zu brechen.

Als nächstes nimmt sich Dieker ein Hufeisen vor. Den Rohling hat er schon vorbereitet. Jetzt leuchtet er fast magisch im Schein der Flamme auf. "Wer sich auf Hufbeschlag verstand, hatte immer gut zu tun", lässt er wissen. Denn: Ohne Pferde lief damals nichts in der Landwirtschaft. 

Schönster Beruf der Welt

Fast sein ganzes Leben habe er am Amboss verbracht, "für mich der schönste Beruf der Welt!" Gerade diese Vielseitigkeit. Und dass man aus fast nichts die tollsten Sachen machen könne. "Wenn ich bloß eine Schmiede rieche, beginnt es bei mir zu kribbeln", bekennt Didi und lacht. Doch nun will er etwas kürzer treten. Einen Nachfolger für das Schauschmieden hat er auch schon eingearbeitet: Marcus MacGowan-Korte, einer der letzten gelernten Schmiede. Er wird den Amboss in Werdum auch weiterhin zum Klingen bringen.

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